Begegnungen III

27. Mrz 2012

IIIzu I ….. zu II


Das ist Katrin, deine leibliche Mutter.

Das hätte die Frau vom Jugendamt ihm nicht sagen müssen. Er wusste es. Nicht, weil diese Frau ihm ähnlich sieht oder er diese magische Verbindungen spürt, die es angeblich zwischen Mutter und Kind geben soll. Aber er sieht, dass diese Frau auf ihn wartet. Und er sieht all die Ausreden und Gründe, die sie ihm erzählen und die er nicht hören will.

Björn vergräbt seine Hände tief in den Taschen seiner Hose. Sein Blick ist starr auf den Boden gerichtet und sein Körper spannt sich, als würde er einen Schlag erwarten.

Es tut mir leid, Björn.“, haucht die Frau.

Überrascht von dieser Bemerkung hebt er den Kopf und sieht Katrin an, die Augen voller Trotz.

Er erinnert sich genau an den Moment, in dem ihm klar wurde, warum die Frau, die ihn geboren hatte, nicht seine Mutter ist.
Er erinnert sich, wie er erkannte, dass die Geschichte seiner Adoptiveltern, er wäre ein Geschenk, eine Lüge war, die sie ihm erzählten, als er noch klein gewesen war.
Er erinnert sich, wie er plötzlich wusste, dass sie ihn einfach nicht gewollt hatte. Sie hatte ihn weggegeben, wie ein Geburtstagsgeschenk, dass ihr nicht gefiel.
Und er erinnert sich noch genau, wie sich dieses Wissen angefühlt hatte.

Dieses trockene Brennen in den Augen und das Reißen im Magen, dass er auch heute den ganzen Tag mit sich herum getragen hat.

Was zum Geier tut dir leid?‘, will er sie anschreien, noch wütender darüber, dass er es nicht kann. ‚Warum hat sie nicht ihre Geschichte erzählt? Warum sieht sie so verdammt erleichtert aus? Warum sagt sie, dass es ihr leid tut?
Warum?‘

Katrin streckt ihm die Hand entgegen. „Ist es zu spät?

‚JA! Nein. Ach Scheiße!‘
Vielleicht.“

Unentschlossen blickt Björn auf die ausgestreckte Hand und stellt fest, dass diese Frau nicht versucht, sich zu entschuldigen. Sie bittet nicht um Verzeihung für etwas, dass nicht zu verzeihen ist.

In seinen Ohren kann er das Knirschen seiner Zähne hören. Er fühlt, wie sich sein Kiefer immer wieder von einer Seite zur anderen schiebt. Das wäre der richtige Zeitpunkt auszusprechen, weshalb er hergekommen ist. Er möchte ihr ins Gesicht sagen, dass er sie nicht braucht, dass er nun sie nicht mehr will, dass er nicht interessiert daran ist, was sie zu sagen hat und ihr dabei ins Gesicht sehen. ‚Ich will dich nicht!‘, denkt er.

Aber das stimmt nicht.

Björn sieht auf Katrins Hand.
Vielleicht nicht.

Dann schweigt er wieder. Wenn er jetzt beginnt zu reden, fürchtet er, kann er vielleicht nicht wieder aufhören und es geht sie gar nichts an, was er dachte oder fühlte. Sie war nicht seine Mutter.

Schließlich zieht Katrin verlegen die Hand weg.
Das muss wohl reichen.“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und reibt sich nervös über die Oberarme.

Und was machen wir jetzt? Was möchtest du jetzt tun?

Björn zuckt mit den Schultern. Soweit hat er sich das nicht überlegt.
Keinen Plan.“ murmelt er und schiebt die Fransen aus seinem Gesicht, um Katrin anzusehen.

Als er klein war, hatte seine Mutter ihm aus einem Kinderbuch vorgelesen, von einem Jungen, der von Planet zu Planet wandert. Möglicherweise war es auch ein Prinz gewesen, Björn erinnert sich nicht mehr genau. Aber er weiß noch, wie geborgen er sich gefühlt hat, in den Armen seiner Mutter, die ihm beim Lesen über den Kopf streichelte. Björn versucht sich vorzustellen, dass es Katrin gewesen war. Widerwillig schüttelt er den Kopf und grunzt ein kurzes Lachen. Er weiß nicht einmal, ob sie gerne liest. Er weiß gar nichts von ihr.

Was ist?“ Eine Falte erscheint zwischen Katrins Augen, doch sie lächelt, auch wenn es ein wenig flackernd ist.

Ich würd gern raus finden, wer du bist.“

~

Es macht die Wüste schön, daß sie irgendwo einen Brunnen birgt.“

Der kleine Prinz – Antoine de Saint-Exupéry

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