Begegnungen III

27. Mrz 2012

IIIzu I ….. zu II


Das ist Katrin, deine leibliche Mutter.

Das hätte die Frau vom Jugendamt ihm nicht sagen müssen. Er wusste es. Nicht, weil diese Frau ihm ähnlich sieht oder er diese magische Verbindungen spürt, die es angeblich zwischen Mutter und Kind geben soll. Aber er sieht, dass diese Frau auf ihn wartet. Und er sieht all die Ausreden und Gründe, die sie ihm erzählen und die er nicht hören will.

Björn vergräbt seine Hände tief in den Taschen seiner Hose. Sein Blick ist starr auf den Boden gerichtet und sein Körper spannt sich, als würde er einen Schlag erwarten.

Es tut mir leid, Björn.“, haucht die Frau.

Überrascht von dieser Bemerkung hebt er den Kopf und sieht Katrin an, die Augen voller Trotz.

Er erinnert sich genau an den Moment, in dem ihm klar wurde, warum die Frau, die ihn geboren hatte, nicht seine Mutter ist.
Er erinnert sich, wie er erkannte, dass die Geschichte seiner Adoptiveltern, er wäre ein Geschenk, eine Lüge war, die sie ihm erzählten, als er noch klein gewesen war.
Er erinnert sich, wie er plötzlich wusste, dass sie ihn einfach nicht gewollt hatte. Sie hatte ihn weggegeben, wie ein Geburtstagsgeschenk, dass ihr nicht gefiel.
Und er erinnert sich noch genau, wie sich dieses Wissen angefühlt hatte.

Dieses trockene Brennen in den Augen und das Reißen im Magen, dass er auch heute den ganzen Tag mit sich herum getragen hat.

Was zum Geier tut dir leid?‘, will er sie anschreien, noch wütender darüber, dass er es nicht kann. ‚Warum hat sie nicht ihre Geschichte erzählt? Warum sieht sie so verdammt erleichtert aus? Warum sagt sie, dass es ihr leid tut?
Warum?‘

Katrin streckt ihm die Hand entgegen. „Ist es zu spät?

‚JA! Nein. Ach Scheiße!‘
Vielleicht.“

Unentschlossen blickt Björn auf die ausgestreckte Hand und stellt fest, dass diese Frau nicht versucht, sich zu entschuldigen. Sie bittet nicht um Verzeihung für etwas, dass nicht zu verzeihen ist.

In seinen Ohren kann er das Knirschen seiner Zähne hören. Er fühlt, wie sich sein Kiefer immer wieder von einer Seite zur anderen schiebt. Das wäre der richtige Zeitpunkt auszusprechen, weshalb er hergekommen ist. Er möchte ihr ins Gesicht sagen, dass er sie nicht braucht, dass er nun sie nicht mehr will, dass er nicht interessiert daran ist, was sie zu sagen hat und ihr dabei ins Gesicht sehen. ‚Ich will dich nicht!‘, denkt er.

Aber das stimmt nicht.

Björn sieht auf Katrins Hand.
Vielleicht nicht.

Dann schweigt er wieder. Wenn er jetzt beginnt zu reden, fürchtet er, kann er vielleicht nicht wieder aufhören und es geht sie gar nichts an, was er dachte oder fühlte. Sie war nicht seine Mutter.

Schließlich zieht Katrin verlegen die Hand weg.
Das muss wohl reichen.“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und reibt sich nervös über die Oberarme.

Und was machen wir jetzt? Was möchtest du jetzt tun?

Björn zuckt mit den Schultern. Soweit hat er sich das nicht überlegt.
Keinen Plan.“ murmelt er und schiebt die Fransen aus seinem Gesicht, um Katrin anzusehen.

Als er klein war, hatte seine Mutter ihm aus einem Kinderbuch vorgelesen, von einem Jungen, der von Planet zu Planet wandert. Möglicherweise war es auch ein Prinz gewesen, Björn erinnert sich nicht mehr genau. Aber er weiß noch, wie geborgen er sich gefühlt hat, in den Armen seiner Mutter, die ihm beim Lesen über den Kopf streichelte. Björn versucht sich vorzustellen, dass es Katrin gewesen war. Widerwillig schüttelt er den Kopf und grunzt ein kurzes Lachen. Er weiß nicht einmal, ob sie gerne liest. Er weiß gar nichts von ihr.

Was ist?“ Eine Falte erscheint zwischen Katrins Augen, doch sie lächelt, auch wenn es ein wenig flackernd ist.

Ich würd gern raus finden, wer du bist.“

~

Es macht die Wüste schön, daß sie irgendwo einen Brunnen birgt.“

Der kleine Prinz – Antoine de Saint-Exupéry

Begegnungen II

24. Mrz 2012

IIzu I ….. zu III


Sigrid blättert durch die Papiere auf ihrem Schreibtisch. Ruckartig legt sie die Unterlagen beiseite und blickt zu dem Jungen, der ihr gegenüber sitzt. Sie versucht in dem verschlossenen Gesicht des 14-Jährigen zu lesen.
„Du musst sie nicht sehen, wenn du das nicht möchtest.“

Noch einmal gibt sie ihm die Möglichkeit sich gegen die Begegnung zu entscheiden, gegen die Veränderung, das Chaos, welches ihm bevor steht. Er ist viel zu jung für diese Begegnung, findet sie. Viel zu jung, um sich mit einer Frau auseinander zu setzen, die aus irgendeinem Grund gerade jetzt beschlossen hatte, einen losen Faden ihres Lebens wieder aufzunehmen, ohne richtig darüber nachzudenken, was es für den Anderen, was es für Björn bedeuten wird.

Müde schließt sie die Augen. Sie will nicht ungerecht sein, aber es fällt ihr schwer nicht wütend zu werden. Einige der Mütter, die über das Jugendamt Kontakt zu ihren Kindern aufzunehmen, entscheiden sich nicht völlig gedankenlos. Aber es ist ein egoistischer Entschluss, immer, denn wenn sie vor der Wahl stehen, ob sie in das Leben ihres Kindes treten oder nicht, sind sie allein.
Sicherlich ist am Ende der Wille des Kindes entscheidend. Aber wenn sie zu jung sind, wie sollen sie wissen, wie diese eine Begegnung ihr Leben, ihr Wesen verändern wird.

‚Und sie wissen nicht, wie oft ich schon ihre kleinen Herzen habe brechen sehen.‘
Sigrid hofft, dass der Junge seine Meinung noch ändert.

Björn zuckt mit den Schultern und fährt sich mit einer Hand durch die ordentlich gekämmten Haare. Jetzt liegen sie wild durcheinander.

‚Nun ist er innen wie außen aufgewühlt.‘, denkt sich die Jugendamtmitarbeiterin und stellt fest, dass damit ihr tägliches Kitsch-Limit erreicht ist. Sie versteckt ihr grimmiges Lächeln hinter einer Fassade der Professionalität.

Gut.“
Aufmunternd lächelt sie ihm zu. Es bringt nichts den Jungen auch noch durch ihre Sicht der Dinge zu verunsichern. Diese Situation ist für ihn schwer genug, auch wenn er nicht zu den Kindern gehört, die vor Aufregung ganz zappelig werden.
‚Außerdem ist es meine Aufgabe die Begegnung mit seiner leiblichen Mutter objektiv zu begleiten.‘, erinnert sie sich selbst.
‚Ich bin ein Puffer, kein Stopper!‘

Ein Mantra, welches sie, besonders in den letzten Jahren ihrer fast dreißigjährigen Berufserfahrung, immer öfter wiederholen muss.

Wenn du noch etwas wissen möchtest, darfst du mich gern fragen.
Sigrid überlegt, ob sie den Jungen gut genug vorbereitet hat. Seine kräftige Statur täuscht leicht darüber hinweg, dass er noch ein Kind ist. Aber er wollte die Begegnung von Anfang an, nicht telefonieren, ein richtiges Treffen von Angesicht zu Angesicht. Seinen Adoptiveltern, ein älteres Ehepaar, welches sehr an ihm hängt, war es wichtig, ihm dabei nicht im Weg zu stehen. Sie redeten davon, dass er seine „Wurzeln“ kennenlernen sollte.

‚Was für ein Schwachsinn.‘ Sigrid schüttelt unbewusst den Kopf, als sie an das Gespräch zurück denkt. Seine Wurzeln sind die beiden Menschen, die ihn zu dem gemacht haben, was er jetzt ist, ein eigensinniger, sensibler und wortkarger Charakter.
‚Vielleicht zu eigensinnig.‘, überlegt sie, während Björn unruhig mit den Füßen über den Boden schleift.

Sigrid steht auf und geht um den Schreibtisch herum zu Björn. Sie lehnt sich an die Kante des Tisches und beugt sich hinunter um dem Jungen ins Gesicht sehen zu können.

Als er ihr sagte, er wollte seine leibliche Mutter sehen, spiegelte seine Körpersprache, sein Blick, Mimik und Gestik eine Vielzahl an Gefühlen. Sie sah Wut und Angst, Hoffnung und die Verunsicherung, trotz seiner bestimmten Worte.
Alles, was sie jetzt sieht, ist eine erschreckende Verbissenheit seine Gefühle nicht zu zeigen. Stattdessen wirft er einen ungeduldigen Blick zu Uhr an der Wand.

Es wird Zeit.“, sie nickt.
‚Ok, Junge, mach bloß keinen Blödsinn.‘ Sie atmet kurz durch. ‚Vielleicht wird es Zeit, es sich mit Stricknadeln zu Hause gemütlich zu machen.‘

Es ist gleich dort um die Ecke.“, erklärt Sigrid, damit Björn sich vorbereiten kann, dann gehen beide schweigend neben einander her. Als sie in den anderen Gang abbiegen, sieht sie die junge Frau im Türrahmen stehen.

‚Verdammt, wie schwer kann es sein in einem Raum zu warten!‘ ,flucht die Beamtin innerlich und bemerkt das kurze Zögern des Jungen.

Das ist Katrin, deine leibliche Mutter.
Sie nickt dem Jungen aufmunternd zu.

Dieser hat die Hände tief in die Taschen seiner Jeans vergraben und starrt auf den Fußboden. Sigrid betrachtet besorgt, wie sich der Körper des Jungen anspannt.

Es tut mir leid, Björn.“, haucht die Frau.

Überrascht von dieser Bemerkung hebt der Junge den Kopf und sieht Katrin endlich an, die Augen voller Trotz.

‚Das ist es, was sie alle sagen. Es tut ihnen leid.‘
Sigrid unterdrückt ein Kopfschütteln. Aufmerksam beobachtet sie die Reaktion des Jungen. Sie wird nicht zulassen, dass er mehr unter Druck gesetzt wird als nötig.

‚Na los, sag was.‘, fordert sie die Mutter in Gedanken auf.

Katrin streckt ihrem Sohn die Hand entgegen.

Ist es zu spät?

Vielleicht.“ Björn blickt unentschlossen auf die ausgestreckte Hand. Der Mund ist zusammengepresst. Einen Moment lang knirscht er mit den Zähnen.

Vielleicht nicht.

Begegnungen I

20. Mrz 2012

Izu II …..  zu III


Wann?“

Noch 10 min.“

Was wenn …?

Mach dir keine Gedanken.

Als wenn ich das abstellen könnte.“

Katrin …“
Er versucht sie an den Schultern zu fassen, ihr Halt zu geben, doch sie weicht zurück und geht hinüber zum Fenster. Im Gegenlicht lässt sich ihr Gesicht kaum erkennen. Er braucht es nicht zu sehen, um zu wissen, wie sie vor Anspannung die grünen Augen zusammen kneift, das Rechte mehr als das Linke und das Kinn nach vorn reckt, um zu vermeiden, dass sie auf ihrer Unterlippe herum beißt.

Ich bin dir dankbar, dass du mitgekommen bist, Thomas.“
Sie dreht sich herum. Rastlos knetet sie ihre Hände.

Ich bin froh, dass ich hier bin.
Er würde am liebsten zu ihr hinüber gehen, doch sie will nicht von ihm beruhigt werden. Aufmunternd nickt er ihr zu, lächelt.

Durch den Raum hindurch kann sie die Wärme in seinem Lächeln spüren. Ohne es zu bemerken, verschränkt sie die Arme und beobachtet dann, wie er sich abwendet, um scheinbar interessiert die Bücher in dem Regal hinter sich zu studieren. Das ist seine Art ihr Raum zu lassen.

Sie ist wirklich froh, dass er mit ihr hier ist, aber sie erträgt seinen liebevollen Blick kaum. Ihre Hände umklammern ihre Oberarme bis es schmerzt. Ihr Blick klammert sich an den Mann auf der anderen Seite des Raumes.
Wenn man das vom Alter gerundete Gesicht nicht sieht, wirkt Thomas mit seinem schlaksigen Körperbau eher wie der 15-Jährige, den sie kennengelernt hatte, als der 30-Jährige, der er jetzt ist.
Sie betrachtet die hellen Haare, seine schmalen Schultern, die langen Arme. Seine dünnen Hände streichelten bei ihrer ersten Begegnung ihren gewölbten Bauch so selbstverständlich, dass sie sich sofort geborgen gefühlt hatte.

Katrin sieht hinüber zur Tür. Aus Angst, den Zeitpunkt zu verpassen, wenn diese sich öffnet, kann sie den Blick nicht mehr abwenden. Sie möchte ihm in dem selben Moment in die Augen sehen, wenn er sie sieht. Die Frage, ob er sie erkennen wird, schiebt sich in ihr Bewusstsein. Mit einem Kopfschütteln versucht sie diese zu vertreiben.
Sie bemerkt nicht, wie sie beginnt mit den Fingerspitzen aufeinander zu tippen. Ihr Daumen berührt die Spitze ihres Mittelfingers, dann den Ringfinger, den kleinen Finger und wieder zurück bis zum Zeigefinger.
Ihr Körper bebt vom unterdrückten Bewegungsdrang.

Besorgt beobachtet Thomas den nervösen Tick seiner Freundin. Die Erinnerungen an damals kommen wieder hoch. Einige Wochen nach ihrer ersten Begegnung stand sie plötzlich zitternd vor ihm. Das dunkle Haar fiel ihr ins Gesicht. Schweigend tippte sie die Finger aufeinander, wie jetzt auch, bis er ihre Hände ergriff und sie an sich zog, ihren Körper in dem übergroßen Pullover mit seinen Armen umschloss.

Katrin.“
Die Sanftheit seiner Stimme löst in Katrin einen Knoten. Das Brennen in den Augen ignorierend stürmt sie zur Tür, in der panischen Gewissheit, dass diese abgeschlossen ist. Niemand wird durch sie hindurch kommen. Selbst wenn er es wollte, er würde es nicht können.
Aber vielleicht würde er es gar nicht wollen. Katrin beißt die Zähne aufeinander. Wichtig ist nur, dass diese verdammte Tür jetzt aufgeht.
Jetzt!
Sie zerrt an der Tür und für eine Sekunde scheint es, als ob diese tatsächlich verschlossen ist, dann gelingt es ihr die Klinke zu drücken.

Vor ihr liegt ein langer Flur mit grauen Wänden und einigen unbequemen Plastikstühlen.
Regungslos steht sie im Türrahmen, nicht willens ihren sich überschlagenden Gedanken Beachtung zu schenken.
Die Aufregung rauscht in ihren Ohren, sodass sie die sich nähernden Schritte nicht hört. Erst als sie den Kopf hebt, bemerkt sie am Ende des Flures die Frau und den Jungen.

Das ist Katrin, deine leibliche Mutter.“
Die Frau vom Jugendamt nickt dem Jungen aufmunternd zu.

Die Ähnlichkeit des Jungen mit seinem Vater erschreckt Katrin. Er ist 14, zwei Jahre jünger als sein Vater damals, doch schon jetzt hat er die gleiche Statur.
Seit der Termin für die Begegnung feststand, war sie alle Möglichkeiten durchgegangen. Sie hatte das Treffen in ihrer Vorstellung so oft wiederholt, dass sie sich jetzt ganz leer fühlt.
Da steht er, ihr Sohn. Die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben. Die breiten Schultern sind hochgezogen und das schwarze Haar ist verwuschelt.
Ihr Sohn, den sie verlassen hatte, den sie weggab, ohne ihn einmal gesehen zu haben.

Es tut mir leid, Björn.“, haucht Katrin.

Überrascht von dieser Bemerkung hebt der Junge den Kopf und sieht Katrin endlich an, die grünen Augen voller Trotz.

Fast schon erleichtert streckt sie ihrem Sohn die Hand entgegen. Hier ist sie die Schuld, ihre Schuld. Sie erkennt sie in seinem Gesicht.

Ist es zu spät?“

Vielleicht.“ Er blickt unentschlossen auf die ausgestreckte Hand. Der Mund ist zusammengepresst. Einen Moment lang knirscht er mit den Zähnen.

Vielleicht nicht.

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Für einen kleinen Schreibwettbewerb (von Lea Korte ) schrieb ich 3 verschieden Versionen einer Szene. Zu gewinnen gab es einen Monat von ihrem Online-Autoren-Schreibkurs. Da wollte ich natürlich unbedingt mein Glück versuchen. Leider hat es nicht für mich nicht geklappt. Dennoch wollte ich euch die kurzen Szenen gerne vorstellen.

Heute gibt es die erste Version, die ich auch bei Lea eingereicht hatte. Viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Kommentare.

Wohin hatte dieser vermaledeite Vogel sie geführt? Es war sowieso lächerlich, dass sie einem Spatz gefolgt war.

Na los Lassie, was soll ich hier?

Doch der kleine Spatz hopste herum, als wüsste er überhaupt nicht, dass er gemeint war. Sie hatte ihn Lassie genannt, weil er sich vor einer halben Stunde wie der Hund aus der alten Fernsehserie aufgeführt hatte. Er schilpte ganz aufgeregt und hopste dann davon, um kurz darauf wieder zurück zu fliegen und an ihrem Hosenbein zu picken. Das ganze wiederholte sich solange, bis Barbara sich erbarmte ihm zu folgen, wie einem Hund und jetzt tat er ganz harmlos.

Spielen wir plötzlich normaler Vogel, ja?

Barbara schüttelte den Kopf und sah sich um. Die kleine Seitengasse war ihr noch nie aufgefallen, obwohl sie Jahre lang, auf dem Weg vom Kinderheim zur Schule, daran vorbei gegangen sein musste. Sie stand vor einem großen Schaufenster und weil Lassie noch immer keine Anstalten machte, sich zu bewegen, zuckte sie mit den Schultern und schaute sich an, was der unscheinbare Laden anzubieten hatte.

Leise seufzte sie. Es war so ein Esoterikkram, Silberschmuck in Sonne, Mond und Sternform, billige Edelsteine, Tarrotkarten, Kerzen und Tee in ausgefallenen Geschmacksrichtungen.

Davon hatte sie die Nase voll, genau wie von den selbsternannten Hexenzirkeln. Das waren doch nur alles Schulmädchen, die sich etwas darauf einbildeten „besonders“ zu sein, auch wenn sich das Besondere auf die Vorliebe für schwarze Klamotten und hochnäsiges Geschwafel beschränkte.

Vielleicht war sie ungerecht, sicherlich waren nicht alle so, aber es fiel ihr schwer nicht enttäuscht zu sein.

In der heutigen Zeit eine Hexe zu sein, war wirklich nicht einfach. Da gab es diesen leidigen Schönheitswahn, der jede ordentliche Hexenwarze zur Herausforderung machte, die frechen Kinder, die sich nicht mehr erschrecken ließen und immer Widerworte geben mussten, von den Immobilienpreisen eines ordentlichen Hexenhäuschens mal ganz abgesehen. Auf der anderen Seite war es schon sehr beruhigend, dass man nicht mehr auf dem Scheiterhaufen landete, weil man neben einer verendeten Kuh stand. Und es war noch schwerer als Junghexe ohne Anleitung zu lernen, wie man eine richtige Hexe wird.

Ihre Mutter war eine richtige Hexe, auch wenn sie keine schwarzen Kleider trug oder nachts alberne Lieder sang, um die Mondgöttin um die Liebe des milchgesichtigen Jungen aus der Parallelklasse zu bitten. Aber ihre Mutter war nicht mehr da. Sie verschwand, als Barbara noch ganz klein war.

Es lagen auch einige Bücher im Schaufenster. Zwar war „Wassergymnastik – finden sie in den Wellen ihre innere Mitte“ kein Buch, dass sie interessierte, aber mit Kräuterwissen und historischen Erläuterungen zum Hexenkult konnte man selbst in einem Esoterikladen nicht viel falsch machen und wer weiß, vielleicht fand sie ja etwas Sinnvolles.

Obwohl es schon langsam dunkel wurde, brannte in dem Laden noch Licht. Zaghaft öffnete Barbara die Tür und erwartete ein mehr oder weniger melodisches Gebimmel. Es schien, dass so etwas zur Standardausrüstung eines jeden Esoterikgeschäftes gehörte. Aber es blieb still, als wollte die Tür sie nicht verschrecken. Das Innere des Ladens sah mehr nach Apotheke aus, als nach übersinnlichem Krimskrams. Alles war in übersichtlichen, hellen Regalen geräumt. Es roch sogar ein wenig nach Apotheke, der Geruch von Badezusatz und Hustenmedizin mischte sich angenehm mit Zitronenmelisse, alten Büchern und etwas, dass ihr aus der Kindheit bekannt vorkam. Barbara schloss die Augen und versuchte sich daran zu erinnern, was es war, doch sie sah nur die wenigen Erinnerungen an ihre Mutter, die wie alte, vergilbte Fotos in ihrem Kopf aufflackerten und die sie wie einen Schatz hütete.

Erleichtert stellte sie fest, dass sie hinter der dicken, weißen Holztheke keine Verkäuferin sah. Dafür war Lassie unbemerkt herein gehüpft und bekuckte sich die Federn der Traumfänger, die nach Größe sortiert von der Decke hingen. Barbara kam es fast so vor, als sähe der kleine, grau braune Vogel neidisch auf die farbenfrohen Flughilfen.

Wenn du möchtest, male ich dich an.“ schlug sie dem Tier vor und bekam ein lautes Schilpen als Antwort, welches sie schmunzelnd als empörtes „Nein“ interpretierte.

Ist ja schon gut.

Sie ging an einem Kalender mit Segenssprüchen von Engeln vorbei und durch Gänge angefüllt mit Räucherwerk und Ölen. Die Bücher über Kräuter fand sie weit hinten im Laden. Die praktischen Regale waren nach Kategorien und alphabetisch sortiert. Das gefiel Barbara. Sie selbst liebte die Ordnung, auch wenn die naseweisen Möchtegernhexen aus der Schule behaupteten, dass eine richtige Hexe das Chaos anbetete. Sie entschuldigten ihre eigene Liederlichkeit oftmals damit, dass die Natur ja auch chaotisch wäre. Aber Barbara sah das anders. Die Natur war ein Sinnbild der Struktur. Einiges war offensichtlich, wie das System der Jahreszeiten, anderes war schwerer zu durchblicken, zum Beispiel die evolutionäre Entwicklung von Flora und Fauna in gegenseitiger Abhängigkeit. Der Mensch an sich war eine systematische Komposition der Ausgewogenheit. Ihre Mutter sagte immer: „Ein Platz für alles, und alles an seinem Platz.“

Vielleicht würde sie nun öfter her kommen. Barbara fühlte sich wohl in den aufgeräumten Gängen, auch wenn sie zwischen „Nesselkraut – heilsam für Mensch und Tier“ und „Praxis des Schamanentums“ ein Buch über Outdoor-Camping fand. Jedenfalls gehörte alles in die Kategorie „Natur“, wie ein kleinen Schildchen oben am Regal Auskunft gab.

Neugierig suchte Barbara nach dem Schild auf dem „Geschichte“ stand. Als sie näher kam, sah sie, dass neben dem Bücherschrank ein weiterer Gang abzweigte. Weil er kaum beleuchtet war, hätte sie ihn fast übersehen. Naja eigentlich war es eher ein Kabuff, gerade tief genug, dass man beim vorbei gehen den antiken Schrank in der hinteren Ecke übersah. Dabei war die Holzarbeit eine wahre Schönheit. Die opulente und hervorragende Schnitzerei entsprach so gar nicht der sonstigen Ausstattung des Ladens. Die Holzwände waren mit einzelnen Blüten und schlanken Blätter verziert und oben saß, wie eine Krone, eine Lilie.

Auf der rechten Seite hing an einer Art Dorn, der aus den oberen Ecken ragte, ein Messingschild, glänzend poliert und doch sah man, wie alt das es war. Darauf stand in schnörkeliger Schrift „Geheime Schätze“.

Und kostbar sahen die Bücher in diesem Regal wirklich aus. Barbara roch das Leder, in das viele der alten Bücher gebunden waren.

Das Regalbrett in Augenhöhe war leicht gekippt und darauf lag, in der Mitte aufgeschlagen, ein einzelnes Buch. Wie gebannt starrte Barbara auf die geradlinige Handschrift, mit der die Seiten gefüllt waren.

Ein Grimoire!

Die heiser geflüsterten Worte erschreckten Barbara, die gar nicht bemerkt hatte, dass ihr der Gedanke aus dem Mund gehuscht war. Hastig schlug sie die Hände vor den Mund und schaute um die Ecke nach der Verkaufstheke, doch niemand schien sie gehört zu haben. Bis auf den kleinen Vogel war niemand zu sehen.

Passt du auf, Lassie? Wenn jemand kommt, warnst du mich mit einem lauten Tschilpen. Einverstanden?“ Der kleine Vogel piepste verschwörerisch.

Lächelnd drehte sich Barbara wieder zum Buch zurück. Sie platzte fast vor Neugierde, ob sie hier tatsächlich ein echtes Zauberbuch gefunden hatte. Vorsichtig blätterte sie die schweren Seiten um, auf denen jemand mit viel Sorgfalt Rezepte und Anleitungen für Rituale zusammen getragen hatte. Als sie mit den Fingerspitzen über die verblasste Tinte strich, fühlte sie die Magie, die darin gebunden war. Ihr schlug das Herz bis zum Hals. Sie hatte einen wahren Schatz gefunden und sie konnte die Finger nicht davon nehmen. Sicher war das Buch viel zu teuer für sie. Es zu kaufen, kam nicht in Frage und um so länger sie darin blätterte, um so größer war die Wahrscheinlichkeit, dass doch noch eine Verkäuferin auftauchte und sie davon jagte. Aber sie konnte es nicht einfach liegen lassen. Als wollte sie sich jede Seite einzeln einprägen, schlug sie eine nach der anderen um.

Sie war auf der ersten Seite angekommen. Jemand hatte sich viel Mühe gegeben den Titel mit kleinen Zeichnungen zu verzieren. Darunter stand in der ordentlichen Schrift, die Barbara so mochte, der Name der Hexe, der dieses Buch einst gehörte.

Für einen Moment konnte sich Barbara nicht bewegen, dann klappte sie das Buch zu und steckte es in ihre Tasche. Einfach so.

Als sie sich an den Traumfängern vorbei schlich, glaubte sie aus den Augenwinkeln zu sehen, wie die Augen der Pfauenfedern ihr verschwörerisch zu zwinkerten. Erst draußen bemerkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte. Sie hatte noch nie in ihrem Leben etwas gestohlen und sie schämte sich schon jetzt dafür. Noch könnte sie es zurück bringen, denn niemand hatte sie bemerkt.

Barbara sah zu dem kleinen Vogel hinüber, der mit ihr hinaus geflattert war. Sie glaubte in den winzigen Kaffeebraunen Knopfaugen einen Vorwurf zu lesen.

Aber es ist das Buch meiner Mutter!“, stieß sie protestierend hervor und stürmte davon.

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Fingerübung
Muse Karfie:
Wassergymnastik, Tee, Kalender, Kaffee, Outdoor

Wenn es euch interessiert, ob Barbara das Buch wieder zurück bringt, wer ihr nun hilft eine richtige Hexe zu werden, was der kleine Vogel Lassie mit all dem zu tun hat und was man gegen Möchtegernhexen unternimmt, der schreibt mir bitte einen Kommentar. Vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung der Geschichte.

Schwarz & Weiß

31. Okt 2011

*

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Plasmaabweisend

03. Jun 2011

„Ach jetzt komm schon!“

Genervt richte ich meine geliebte Kanone auf die antike Kommode vor mir.
„Du weißt, es ist für uns beide einfacher, wenn du freiwillig gehst.“

Wenn es sein muss, bin ich ziemlich gut mit der Waffe. Wobei man ein so großes Möbelstück auf diese Entfernung kaum verfehlen kann. Aber ich hasse es, wenn ich sie erschießen muss.

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Teil 14
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Teil 16

Freiheit

Vallaria starrt in die Sonne bis ihr die Augen tränen. Sie liegt rücklings auf einer Wiese und gräbt ihre Zehen in die Erde. Mit einem zufriedenen Seufzer schließt sie die Augen und betrachtet das Nachbild auf ihrer Netzhaut. Ihre Gedanken wandern zurück ins Labor. Die Informationen, die sie erhalten hat, sind lückenhaft. Besonders eine Sache lässt sie nicht los. Wie ist das Labor an das genetische Material vom Weltenbaum gekommen? In den Unterlagen wird als Quelle der Name Hyphen angegeben, doch es gibt keinen weiteren Bezug. Ihre Recherche der Datenbank des Konzerns hat nur einen Querverweis ergeben. Wie es scheint, war jemand mit diesem Namen auch ausschlaggebend für die Umsetzung ihres Experimentes. Bisher ist es Val nicht gelungen, ihn ausfindig zu machen. Da hat jemand alle Spuren gründlich vernichtet. Sie verdankt es nur ihrer Gründlichkeit, dass sie einen Anhaltspunkt fand.

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Kurzgeschichtensammlungen sind wie eine Pralinenschachtel. Darf ich das eigentlich sagen oder hat Forrests Mutter da ein Patent drauf? Na gut, dann eben Kurzgeschichtensammlungen sind wie eine Packung Gummibärchen. Irgendeine Farbe ist immer dabei, die man nicht so gerne mag. Ich mag zB die orangenen nicht, dafür isst mein Mann gerade diese am liebsten. Ist halt Geschmackssache.

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Ich freue mich sehr, dass ihr so fleißig abgestimmt habt. Das Zufallslos fiel auf Literaturfee, die in nächster Zeit eine exclusive Version von „Wilde Rose“ zugeschickt bekommt.  Ich gratuliere und bitte gleichzeitig um etwas Geduld. Vielleicht nutzt du deinen Blog ja dann, um dein kleines WortsplitterBuch vorzustellen.
Damit dein Gewinn auch bei dir ankommen kann, schicke mir bitte noch per Mail deine Adresse zu.

Mir scheint, dass nicht jeder Kommentar gevotet und nicht jedes Voting auch Kommentiert hat. Schade, jetzt ist das Ergebnis der Umfrage nicht hundertprozentig aussagekräftig, aber nach meinen Zählungen war „Wilde Rose“ die beliebteste Geschichte dicht gefolgt von „Aello“ und „Hannas Brot“ Diese 3 gehören auch zu meinen besonderen Lieblingen.

Für alle anderen gilt, dies wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich diese Art des Votings oder der Verlosung gemacht habe. Spätestens nächstes Jahr wiederholen wir das und ich hoffe, dass ihr dann noch alle Leser hier bei Wortsplitters Blog seid.

Liebe Grüße
Eure Wortsplitter

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Teil 16

Träume ich?“
Vielleicht bringt das Tor von Coperto die Menschen in Vallarias Gefängnis, das würde erklären, warum Fabales jetzt die beunruhigenden steinernen Wände und die Lichtäste sieht. Erschrocken sieht sich der Elf um und sucht nach seinen Gefährten
Frek? Andesit?“

Du träumst nicht.“
Vallarias Stimme dringt von allen Seiten sanft auf ihn ein.
Ich habe in der letzten Zeit immer wieder versucht dich zu rufen, doch ich konnte dich nicht erreichen. Du hattest recht. Sie konnten mich nicht aufhalten.“

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