Gaile Parkin – „Kuchen backen in Kigali“ ***** (5/5)

07. Mrz 2010

„Hoffnung durchzuckte Angel wie ein plötzlicher, intensiver Schmerz, so unvermittelt, wie wenn man mit dem nackten Fuß auf einen spitzen Stein trifft. Dann verging sie wieder. Sie durfte nicht zu viel auf einmal hoffen.“
(Seite 326)

Gaile Parkin – Kuchen backen in Kigali

Gaile Parkin – Kuchen backen in Kigali

Wie die Glasur eines Kuchens umschließt die Geschichte von Angel all die anderen. Sie und ihr Mann Pius ziehen nach dem Tode ihrer beiden Kinder ihre 5 Enkel groß. Um sich etwas Geld für den Lebensunterhalt der großen Familie dazu zu verdienen, backt und verkauft Angel Kuchen. Und zwar die besten und hübschestes Kuchen in ganz Kigali. Sogar die Botschaftlergattin von Tansania hat eine Bestellung bei ihr aufgegeben, aber darüber schweigen wir lieber, an diesen Kuchen erinnert sich Angel nicht gern.

Viele verschieden Menschen kommen zu ihr, um Kuchen zu bestellen. Um ihre Aufgabe gut zu erledigen, fragt Angel nach, sie ist schließlich eine professionelle Person. Ein guter Kuchen darf nicht nur lecker schmecken. Ein guter Kuchen steckt voller Phantasie und muss sorgfältig ausgesucht werden. So erfährt Angel viel über ihre Kunden und wir über die Menschen in Kigali.

Gaile Parkin hat selbst in vielen Ländern Afrikas erlebt und schafft es authentisch die Sprache und das Lebensgefühl mit ihren Worten einzufangen. Nicht nur das „Eh!“, das in seiner Häufigkeit uns Europäern seltsam anmutet, auch die Sprachenvielfalt mit Swahili, Kinyarwanda, Englisch und Französisch vermittelt das unvergleichbare Gefühl vor Ort zu sein.

Es fällt mir schwer zu erklären, warum dieses Buch mich so begeistert. Es sind die Kleinigkeiten, die mein Herz berühren, dass Angel ihre Brille unter das Bett legt, um morgens nicht versehentlich drauf zu treten, dass Bosco, wenn er aufgeregt ist, Wörter doppelt ausspricht, dass Angel nur den Namen des Hausmädchens kennt und andere nur den Namen des Arbeitgebers, dass Angel offen zu gibt, dass mache Dinge so kompliziert sind, dass man davon Kopfschmerzen bekommt, dass Liebe manchmal lügt. Es gibt so viele verzaubernde Nebensächlichkeiten, dass ich sie hier nicht aufzählen kann.

Die Stärke des Buches ist jedoch seine Ruhe. Es ist angefüllt mit Pausen und Auslassungen, manchmal beruhigend und manchmal schmerzvoll. Es gibt uns genug Zeit, über die Dinge nachzudenken, zum Beispiel der Völkermord in Ruanda. Mir stehen die Tränen in den Augen, während ich von den Grausamkeiten lese, die ich dazu nachgeschlagen habe. Der Völkermord in Ruanda ging über Monate. Doch ist es erschreckend, dass in nur 3 Monaten, in nur 100 Tagen, so viele Menschen sterben konnten. Man sagt es waren bis zu 1 Million Tote, selbst vorsichtige Schätzungen gehen von 500.000 aus. Nachbarn töteten Nachbarn, namenlose Tote irgendwo verscharrt….Fakten, die mich sprachlos machen. Wie ist es nur möglich….

Ich werde Angel vermissen, ihre Ruhe, ihre zurückhaltende Weisheit und ihre Stärke. Es war schön die Welt aus ihren Augen zu sehen. Aber ich werde sie besuchen und mit ihr Tee trinken.

Ich widme diese Rezension einer Freundin, die mir beim Lesen immer wieder vor Augen war und die in ihrer Sanftmut ein bisschen Angel ist.

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2 Responses to “Gaile Parkin – „Kuchen backen in Kigali“ ***** (5/5)”

  1. Thomas Says:

    Gaile Parkin – nie gehört. Und „Kuchen backen in Kigali“ gehört nicht unbedingt zu den Dingen, die mich sonderlich interessieren würden. Das ändert sich nach dem Lesen deiner Rezension aber sehr schnell und grundlegend.

    Der Kuchen interessiert mich zwar immer noch nicht, dafür aber die von dir beschriebenen Stärken des Buches umsomehr.
    Denn „Kleinigkeiten“, die das Herz berühren sind nicht alles aber sie sind viel! Dazu gehören auch „verzaubernde Nebensächlichkeiten“, die zitierte Ruhe aber auch die „Pausen und Auslassungen“, die mich extrem neugierig machen …

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