Über dem Moor, dort wo die Wiesen langsam zum Sumpf werden, schwebt ein kleines, eisblaues Flämmchen. Ein zartes Wispern weht durch die Rispen des Grases, das über den Sumpf gewachsen ist und ihn harmlos aussehen lässt.
Hinter dichtem Gebüsch halten sich die drei Kinder erwartungsvoll an den Händen. Kein Ton kommt
ihnen über die Lippen, die zu einem erstauntem Ohh geformt sind. Das Mädchen mit dem hellblonden Wuschelkopf, klammert sich ängstlich an ihren
Bruder, als die Flamme beginnt zu wachsen. Mit zusammengekniffenen Zähnen erträgt dieser den schmerzhaften Griff seiner Schwester, ohne sich zu wehren. Thomas ist kaum älter als seine Schwester Lina. Sein Haar ist ebenso flachshell, aber kurz geschnitten und vor lauter Aufregung stehen sie wild und stachelig von seinem Kopf ab.

Langsam formt sich aus dem flackernden blauen Schimmer ein Körper. Ein Mädchen, fast noch ein kleines Kind, in bodenlangen, losen Gewändern, die sich im Wind der lauen Frühlingsnacht sacht bewegen. Die schmächtigen Hüften der leuchtenden Silhouette werden von lockigen Haaren umspielt.
Von ihr geht ein fahles, bläuliches Licht aus, welches dem Moor sein frisches Grün raubt, das der Frühling brachte und das Gras zu ihren Füßen, wie  etallene Dornen aussehen lässt.

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Verlockung

14. Mrz 2010

Mit seinen warmen Augen und dem freundlichen Lächeln war der Spielzeugmacher das Highlight auf der Buchmesse. Ein Fantasy-Verlag hatte ihn für ihren Stand gebucht. Er sollte Kinder und Jugendliche anlocken und ihnen die kommenden Bücher schmackhaft machen. Und er war ein absoluter Treffer. Die widerspenstigen Stoppeln am Kinn und das spitzbübische Funkeln der Augen hinter der unauffälligen Brille strahlten ein so väterliches Vertrauen aus, dass es die Kinder scharenweise an seine Werkbank lockte. Alle 3 Stunden legte der Spielzeugmacher sein Werkzeug beiseite und begann mit ruhiger, leise brummender Stimme eine Geschichte vorzulesen. Es waren Zusammenfassungen der kommenden Neuauflagen der Jungendreihe des Verlages, aber der Spielzeugmacher zog sie alle in seinen Bann. Das Zwinkern in den Augen, ein verstohlenes Nicken, er wusste genau, wie man die Worte auf dem Papier zum Leben erwecken kann. Er erzählte den Kindern und Jugendlichen von den Elfen, Feen und Vampiren, als würde er von alten Bekannten reden. In den Pausen zwischen den Geschichten schnitzte er wunderschöne Figuren aus Holz, passend zu den Erzählungen und verschenkt diese dann an die fröhlichen Kinder. Diese kleinen Spielzeuge bargen alle das Versprechen auf ein Geheimnis, ein ganz besonderes Geheimnis, wie der Spielzeugmacher den Kindern verschwörerisch zuflüsterte. Für ein ganz besonders großes Holzstück nahm sich der Spielzeugmacher ungeheuer viel Zeit. Immer wieder schnitzte und feilte er an der Figur.
Bald sah es aus, wie ein großer Schmetterling, doch wenn er danach gefragt wurde, schüttelte er nur schmunzelnd den Kopf und legte einen Finger auf die lächelnden Lippen.

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