Georg Haderer – Der bessere Mensch *****(4+1/5)

13. Nov 2011

Nach der Tradition des amerikanischen hardboiled detectives ist Schäfer ein Polizist am Rande des Abgrunds, doch erfrischender Weise keiner kurz vor einem Zusammenbruch, sondern danach. Im Gegensatz zu den vielen Ermittlern, die den Kampf gegen die eigene Hoffnungslosigkeit schon aufgegeben haben, kämpft Schäfer, nicht immer mit Erfolg, gegen die Wut und den kleinen depressiven Hamster im Mühlrad, den jeder mal in seinem Kopf hat. Es ist ein menschlicher Ermittler, den ich mir so auch tatsächlich vorstellen kann.

Ein bisschen eindimensional bleiben die anderen Teammitglieder. Sie wirken eher wie Statisten für den urigen Schäfer, auch wenn man die liebevollen Versuche des Autors merkt, ihnen allen eine einzigartige Persönlichkeit zu bescheren. Aber im dritten Teil einer Reihe kann man schwerlich jeden Charakter intensiv vorstellen, ohne sich aus den vorherigen Bänden zu wiederholen und Treugebliebene zu langweilen.

Vor Langeweile muss man sich jedoch beim Lesen von „Der bessere Mensch“ von Georg Haderer nicht fürchten. Es gibt einiges zu tun für Schäfer. Nicht nur der ungewöhnliche Mord, der gleich zu Beginn den Polizisten und seinen Magen auf eine harte Probe stellt. Es ist weniger der Anblick des von Säure zerfressenen Mannes, sondern mehr der Geruch der Phosphorsäure, mit welcher der Mörder das Böse aus dem Hass zerfressenem Hirn des Nazi zerstören wollte. Aber trotz einiger pikanter Spuren kommt das Team nicht recht voran. Das von den Medikamenten aufgeputschte Gehirn Schäfers will mit der Stagnation jedoch nicht so recht klar kommen. Und obwohl er versucht dem ständigen Gesumme seiner chemisch aufgewühlten Gedanken durch Sport Herr zu werden und es neben dem Säuremord auch noch gilt einen alten Fall zu bearbeiten, bricht die Unruhe ab und zu in kurzen Wutanfällen aus ihm heraus. Es ist der Tod dieses Mädchens, augenscheinlich ein sogenannter „Ehrenmord“, der aus Schäfer selbst ein bisschen das Böse heraus brechen lässt. Dieser Fehltritt ist folgenschwer, denn man versetzt ihn nach Salzburg und das obwohl gerade ein zweiter Mord mit Säure verübt worden ist, sein Assistent Bergmann im Krankenhaus liegt und die Spuren am Tatort alte Wunden wieder aufreißen.
In Salzburg scheint alles stillzustehen und gleichzeitig in mörderischem Tempo um ihn herum zu strömen, aber vielleicht sind das auch die Tabletten, deren Dosierung er eigenmächtig erhöht hat, weil er sich damit soviel besser, so viel besserer fühlt. Im Augenwinkel meint er immer wieder die Lösung seiner Fälle zu sehen, die richtigen Puzzleteile für die Ungereimtheiten, die ihn wie Bienen umschwirren und ihn noch wahnsinnig machen. Vielleicht schaffen sie es, denn um ehrlich zu sein, ich glaube, viel fehlt nicht mehr.

Aber irgendwie will es mich nicht mitreißen. Potenzial ist vorhanden, aber es packt mich nicht und das Sucht-artige Verhalten immer wieder zum Buch zu greifen, wissen zu müssen, wie es weiter geht, bleibt außen vor. Lange wusste ich nicht woran es liegt. Die Geschichte ist spannend, vielschichtig und für mich nicht leicht durchschaubar. Die Personen, besonders Schäfer sind interessant. Die Sprache etwas verschroben und, wie Thomas Lawall so treffend ausdrückt, mit „Hang zum gepflegten Schachtelsatz “ und gerade das mag ich besonders. Eine Sprache, die sich wie Schäfers Gedanken manchmal überschlägt und sich erholsam wenig mit Umgangssprache abgibt.

Was also ist der Grund für den verschleppenden Lesegenuß?
Es ist die zerrissene Krimihandlung. Als zum Ende hin sich Schäfer weniger mit sich selbst und mehr mit den Indizien und dem Fall beschäftigt, kommt alles erst richtig in Fahrt. Nun gehen die einzelnen Stränge und Themen Hand in Hand, verknoten sich und verweben sich ineinander und laufen nicht nacheinander in verschiedenen Tempos ab, sodass der Spannungsbogen rauf und runter hoppelt, wie Schäfers Serotoninspiegel. Im anfänglichen Teil des Buches prüngelt Schäfer mal an diesem mal an jedem Fall, schwimmt, radelt, rennt auf dem Drogenhoch oder gräbt sich aus diversen Stimmungslöchern, er gibt sich einem wunderbare, verbale Schlagabtausch nach dem anderen mit Bergmann hin oder hängt in den klebrigen Netzen seiner eigenen Gedanken fest. Das alles hab ich gern gelesen, aber es fügt sich nicht organischen ineinander. Die Handlung an sich bleibt etwas zäh, auch wenn es mir viel Spaß gemacht hat, Schäfer zu begleiten.

4 Sterne gibt es für den dritten Teil der Serie um diesen sympathischen österreichischen Polizisten, obwohl auch das Ende ein wenig unbefriedigend war.

Nicht nur Schäfer bleibt auf einigen offenen Fragen sitzen. Ich habe das Gefühl, dass schlussendlich die zerfaserte Struktur der Handlung ihren Tribut gezollt hat und nicht jeder verschwundene Faden vom Autor geplant fallengelassen wurde.

Trotz allem wären es 4 Sterne, wenn, ja wenn da nicht diese eine Stelle wäre:

Er setzte den Blinker, fuhr langsam vor und versuchte, rückwärts einzuparken. Keine Minute später das erste ungeduldige Hupen. Schäfer fluchte. Er hatte es noch nie wirklich gekonnt, dazu mit einem ungewohnten Auto. Als ihn das Hupkonzert hinter ihm so nervös gemacht hatte, dass er ohnehin keine Chance mehr sah, den Wagen unbeschadet in die Parklücke zu bringen, stieg er aus, ging zum ersten Fahrzeug des von ihm verursachten Staus und zückte, warum auch immer, seinen Dienstausweis. Eine junge Frau ließ das Fenster herunter und sah ihn grinsend an.
„Können Sie das?“, fragte er, ohne ihr in die Augen zu sehen.
Ohne eine Antwort stieg sie aus, ging zu seinem Wagen und schob ihn binnen dreißig Sekunden präzise zwischen die beiden anderen Autos.
„Danke“, meint Schäfer und verzog sich rasch in die nächste Gasse.
S.213

Für diese Szene im speziellen und den ehrlichen Humor von Georg Haderer im allgemeinen gibt einen extra Stern.

Es ist eine echte Empfehlung dieser Krimi. Trotz einiger Kritikpunkte schafft es die Geschichte mich zu begeistern über alles hinweg zu sehen und das, dies muss ich gestehen, hauptsächlich wegen Schäfer und ein wenig wegen Bergmann und, nicht zu vergessen, auf Grund der herrlichen verkopften Sprache. Ich werde die Ermittler in dieser Reihe sicherlich weiter begleiten und auch die beiden verpassten Bände irgendwo auftreiben und wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Rezension von Thomas Lawall
„Der bessere Mensch“ beim Haymon Verlag

LESEPROBE von „Der bessere Mensch“
Reiheninfo
Georg Haderer
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3 Responses to “Georg Haderer – Der bessere Mensch *****(4+1/5)”

  1. Thomas Says:

    Fulminante Rezension, wirklich. Davon kann unsereiner ja nur träumen! Deine differenzierte Wertung ist ebenfalls ohne Beispiel …

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