Schwarz & Weiß

31. Okt 2011

*


Eisig kalt hing die Stille über dem staubigen Marmorboden. Sie hatte sich in jede Ecke, in jede Rille gedrängt und erdrückte das leise Knistern der Fackeln, die hier und da an den groben Felswänden hingen. In der Ungestörtheit vergessener Orte wuchs die Stille heran, bis sie so dicht war wie die Schatten.

Das Knarren verwitterter Türangeln drängte sich in die Ruhe und plötzlich strömte laute Rockmusik in den Gang. Eine Welle von lärmenden Stimmen und Gelächter brach sich an den steinernen Wänden, brachte die Fackeln zum Flackern und wirbelte den Staub vom Boden auf. Partymusik dröhnte von Wand zu Wand und ihr Echo verebbte als zorniges Grollen in den düsteren Tiefen des Ganges.

„Fängt jetzt die Suche an?“ Die Stimme der jungen Frau mit den kristallblauen Augen hinter der Maske klang nach dem Champagner, der ihr Blut zum Rauschen brachte. Sie fühlte sich leicht und wach, aber in die Aufregung über das bevorstehende Abenteuer mischte sich auch Angst.

Weiß noch jemand, wie das Rätsel hieß?

*

„Ein silbern Band
an keuscher Hand
soll Lohn dem sein
der ihn dort fand
wo Himmelstor
und Höllenpforte
an einem längst vergessnem Orte
sich streiten um der Seelen Pfand.“

*

Der Vers war Teil der Einladung gewesen, die die Gäste zusammen mit den Masken erhielten. Weiße Seidenmasken für die Damen, verziert mit Federn und kleinen weißen Edelsteinen, jede für sich ein Kleinod und ein Unikat. Im Gegensatz dazu waren die schwarzen Seidenmasken der Herren schlicht, edel und alle identisch. Die Einladung war unterschrieben mit Schwarz & Weiß Gesellschaft. Niemand wusste, wer sich hinter dem Namen verbarg, doch wenn die Schwarz & Weiß Gesellschaft eine Party gab, fragte man nicht, sondern warf sich in Schale. Die Garderobe war vorgeschrieben, die Herren im schwarzen Anzug mit Zylinder, die Damen mit weißem Abendkleid und Handschuhe.

Zu den Klängen des Monster Mashs drängten sie sich durch die Geheimtür die dunkle Marmortreppe hinunter. Viele von ihnen hatten Champagnerflaschen mitgenommen und das Klirren der Gläser und das Lachen der von zu viel Alkohol überdrehten Männer und Frauen hallten durch die verwinkelten Tunnel.

Das schummrige Licht der Fackeln spendete mehr Schatten als Helligkeit. Die kleine Gruppe rückte trotz der Breite des Ganges enger zusammen und genoss es sich zu gruseln. Der anonyme Gastgeber wusste, wie man sich amüsierte und war bekannt für seine formidablen Partyspiele. Ein Suchspiel, ein geheimnisvolles Rätsel und als Belohnung durfte man den Schatz behalten.

Niemand zeigte sich eingeschüchtert von der Düsternis des Ortes. Der Hauch des Makabren, der spürbar in der Luft hing, regte im Gegenteil die Feierlaune noch weiter an.

Ein junger Mann mit keckem Dreitagebart erzählte mit leiser Stimme eine Schauergeschichte und die kleine Rothaarige, die sich bei zwei Männern untergehakt hatte, kicherte schrill.

Eine weitere Treppe führte hinunter zu einem Gewölbe. An den Wänden, auf dem Boden und sogar an der Decke befanden sich verwitterte Steintafeln. Ein Mann ging auf die Knie und wischte über die kaum lesbaren Buchstaben, während die anderen ausgelassen über den unebenen Boden tanzten. Ein halbleeres Glas fiel jemanden aus der Hand und landete klirrend auf einer kleinen Tafel auf dem ein Engel eingraviert war.

„Es sind die Grabinschriften.“ Der Mann auf dem Boden schrie triumphierend auf. „Wo Himmelstor und Höllenpforte sich streiten um der Seelen Pfand. Das hier ist ein Mausoleum!“

Für einen kurzen Moment tanzten sie noch weiter über die Gräber, doch dann erinnerte sie das Zitat aus dem Rätsel an die Schatzsuche. Irgendwo war hier ein kostbarer Schatz. Vielleicht war es ein silberner Ring, der womöglich ein Vermögen wert war.

„Hier muss irgendwo ein Versteck sein.“ vermutete eine Honigstimme. In ihrem weißen Hosenanzug stach sie aus der Gruppe hervor. Etwas war in ihrer Stimme, etwas Verlockendes, ein Versprechen, welches an den Reichtum erinnerte, den sie hier zu finden glaubten. Es wirkte wie ein Startschuss für die aufgekratzte Menge. Hektisch begannen sie nach verborgenen Nischen zu suchen. Niemand sah, wer die Urne umwarf, die mit einem Knall auf den Boden auftraf und dort eine der Grabinschriften zerbrach. Eine schwarzhaarige Schönheit durchwühlte mit kaltem Blick die Scherben. Sie zögerte, als sie die Inschrift der zerbrochenen Tafel betrachtete.

„ … unserem geliebten Kinde …“, las sie mit verunsicherter Stimme, doch dann blitzte eine Erkenntnis in ihren Augen auf.

„An keuscher Hand“ zitierte auch sie das Rätsel und sah sich dann fragend um. Sie konnte kaum verbergen, wie die Gier an ihr nagte, doch noch hielt sie die Scham zurück.

Die Frau im Hosenanzug nickte bestätigend. „So sagte der Reim….“

Niemand nahm sich mehr die Zeit den Hinweis mit den Inschriften zu vergleichen. Ein Mann, der auf der Party mit Kunststücken mit seinem Gehstock angegeben hatte, rammte diesen brutal in eine Marmorplatte und scharrte mit seinen Händen in dem Grab. Egal ob Mann oder Frau, alle versuchten nun so viele Gräber wie möglich zu öffnen und nach den Schätzen zu greifen, die sich darin befanden. Der versprochene Ring war vergessen, denn es gab genug anderes, was man finden konnte. Der hochhackige Absatz einer Frau mit braunen Locken und warmen braunen Augen zermalmte einen Handknochen. Das Knirschen ging im allgemeinen Trubel unter. Immer mehr Gräber wurden geschändet. Nicht einer zeigte auch nur den Ansatz eines schlechten Gewissens.

Von allen unbemerkt bewegte sich der Staub der zerborstenen und zertreten Knochen. Er zog sich zu kleinen Wölkchen zusammen, schlängelte um die bleichen Gebeine, die verstreut herum lagen und züngelte unter den Sohlen der gierigen Meute hervor. Dichte graue Schwaden erhoben sich und vernebelte die Luft im Mausoleum. Die Grabräuber unterbrachen hustend und würgend ihre Zerstörungsorgie.

Aus den Ritzen und Löchern der geöffneten Gräber krabbelten winzige graue Punkte, im dichten Knochenstaub kaum zu erkennen. Sie strömten aus einem Schädel, der von dem Gehstock gespalten wurde, als ein Mann in Panik damit um sich schlug. Sie flirren umher auf einer Vielzahl von Beinen. Es waren Tausende, die sich auf die Partygäste stürzten und sie bissen.

Der Staub brannte in den Augen und auf der Haut. Wo die Bisse sich entzündeten, breiteten sich gräuliche Flechten aus. Die Feiernden schrien und versuchten in blinder Panik zu fliehen. Rücksichtlos trampelten sie einander nieder, stießen blind um sich und versuchten sich und nur sich zu retten. Am Ende des Ganges führte die schmale Treppe zurück in den Ballsaal, doch sie war viel zu eng für sie alle zusammen.

Die Frau in dem anmutigen Hosenanzug, der ganz grau war vor Staub, wurde abgedrängt und eingekeilt. Ihr Vordermann drehte sich zu ihr um, die Augen seltsam verdreht. Er schnaubte und stöhnte vor Schmerzen. Dann knurrte er sie unvermittelt an und kam drohend auf sie zu. Die Augen waren blutunterlaufen und die Zähne gefletscht. Jetzt sah sie die spitzen Eckzähne.

„Ein Vampir“ erschrocken versuchte sie zurück zu weichen, doch hinter ihr war die Wand. Instinktiv hob sie die Hand und zog mit dem Daumen auf seiner Stirn ein Kreuz  nach.

„Sei gesegnet“ rief sie und der Vampir wandte sich panisch ab. Während er davon lief, wischten seine Hände immer wieder über das glühende Kreuz auf seiner Stirn.

Immer mehr Menschen verwandelten sich in erschreckende Wesen und gingen aufeinander los. Sie schaffte es einen weiteren Vampir mit ihrem Segen abzuwehren, doch der nächste Angreifer hatte keine Eckzähne, dafür eine grünliche Gesichtsfarbe. Sie zeichnete das Kreuz auf seine Stirn, aber sein Grinsen verriet, dass ihm das gar nichts ausmacht. Ohne nachzudenken fragte sie: „Willst du bei mir einziehen?
Verwirrt stutzte der Kerl, der sich gerade in einen Zombie verwandelte. „Öhm, du willst etwas Festes?
Sie nickte und hauchte ihm ein „Ich liebe dich.“ in die Ohren. Das war so wirksam, wie die Segnungen bei den Vampiren.

Die Geister vertrieb sie mit Zitaten aus den Ghostbusters – Filmen und als ihr ein Werwolf mit vor Sabber triefenden Zähne entgegen trat, drohte sie ihm mit der Glitzerbodylotion der Marke Edward. Kein Werwolf, der etwas auf sich hielt, würde glitzern wie ein Vampir. Niemals!

Der letzte der unheimlichen Gestalten war ganz rot und ihm wuchsen kleine Hörnchen auf der Stirn. In den dunklen Augenhöhlen lagen seine Augen schwarz wie Kohlestücke.

„Und wie willst du mich abwehren?“, fragte er amüsiert.

„Finden wir es raus.“ Sie packte ihn an den Hörnern, zog ihn dicht an sich heran und küsst ihn leidenschaftlich, höllisch.

Als sie die Augen wieder öffnete, schlugen Flammen daraus hervor.

*


Happy Halloween, Euch allen!

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One Response to “Schwarz & Weiß”

  1. Anonymous Says:

    Pfiffig!

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