Steinar Bragi – Frauen * (1/5)

04. Okt 2011

Dieses Jahr steht Island im Rampenlicht der Frankfurter Buchmesse. Unter dem Motto „Sagenhaftes Island“ gab es bei „Blogg dein Buch“ isländische Neuerscheinungen zur Auswahl. Ich hatte mich für „Frauen“ von Steinar Bragi entschieden, welches sich leider wenig „sagenhaft“ las.

Steinar Bragi - Frauen
Steinar Bragi

Frauen

256 Seiten
erschienen im August 2011
im Verlag Antje Kunstmann
ISBN 978-3-88897-724-4

Übersetzt von Kristof Magnusson

Die isländische Literatur steht in der alten Tradition des Geschichten Erzählens, wobei gern Surreales mit der echten Welt verknüpft wird.
Im weitesten Sinne trifft es auf „Frauen“ zu, aber wenn überhaupt, dann handelt es sich hierbei um eine Anti-Helden-Saga.

Eva, eine Frau ohne Ambitionen und Ziele, folgt ihrem Freund nach Island. Dieser wollte dort eigentlich Zeit ohne sie verbringen, um der Kompliziertheit ihrer Beziehung zu entfliehen. Doch sie kann ihn nicht gehen lassen. Sie spricht von Liebe, doch im Grunde ist es die Angst vor der eigenen Leere, die es ihr unmöglich macht, allein zurück zu bleiben. Orientierungslos nimmt sie die Einladung eines Bankers an, kostenlos in einer hochstilisierten Wohnung zu leben. Solange die Mieterin verreist sei, sollte sie sich um Wohnung, Pflanzen und Haustier kümmern, doch das alles war nur ein Vorwand sie in die Wohnung zu locken, wie sich bald heraus stellt.

Im ersten Teil des Buch streift Eva oft ruhelos durch Reykjavik und wir lernen die Stadt kennen. Für diejenigen, welche die Stadt kennen und vielleicht sogar schöne Erinnerungen mit Orten und Sehenswürdigkeiten verbinden sicher schön zu lesen, doch die fremden Buchstaben und ungewisse Aussprache der manchmal recht langen Namen lasen sich für mich schwer und brachten mich immer wieder ins Stocken.

Später im Buch verwandelt sich Evas Leben immer mehr in einen Alptraum und das meine ich nicht als Metapher. Eine surreale Maske, in die sie gezwungen wird, wächst um sie herum. War es erst nur eine kleine Delle in der Wand des Schlafzimmers, kann Eva bald schon den Abdruck ihren eigenen Körpers erkennen. Die Grenze zur Realität beginnt zu verschwimmen und ich bin mir nicht mehr sicher, wovon ich lese. Wird Evas Leben erzählt, oder ein bedrückender Traum nach dem Tod ihrer Tochter oder träumt sogar Hrafn diese Geschichte, während er um die Emanzipation von der Beziehung zu Eva kämpft?

Die High Tech- Wohnung wird zu Evas Gefängnis, doch die halbherzigen Versuche zur Flucht bringen ihre eigene Hilflosigkeit nur noch stärker hervor.
So wirklich eigenständig ist eigentlich niemand in diesem Buch. Die Frauen sind alle durchweg fremdbestimmt und die Männer vergewaltigende Schlappschwänze.
Jeder? Ja, denn auch wenn Hrafn, Evas Exfreund, auf den ersten Blick nicht zu der frauenfeindlichen Sorte Mann gehört, ist sein Schweigen, sein ewiges nichtklärendes Wegstoßen ebenso zerstörerisch für Eva, wie der körperliche Missbrauch, vielleicht sogar noch schlimmer.

Aus dem Klappentext:

„Wie ein Thriller beginnt der Roman des jungen isländischen Autors Steinar Bragi und zeichnet das vielleicht radikalste Bild Islands vor der Finanzkrise – ein Land, in dem unter der Oberfläche des letzten Booms immer das Unheimliche, der Wahnsinn und das Grauen lauern.“

Hier wird kein schönes Bild von Island gezeichnet. Nachdem ich mich eine Weile gefragt habe, wie ich in einer solch widerlichen Geschichte ein Land wieder erkennen soll, bei dem mir in erster Linie eine atemberaubende Natur einfällt, komme ich zu dem Schluss:
In Gestalt von Eva gibt sich dieses kleine Land in der Zeit des Booms seiner Ziellosigkeit hin und verliert sich in einer Vision menschenfeindlicher Eitelkeit.

In einigen Rezensionen habe ich die Frage gefunden, was das Ganze mit der Finanzkrise Islands zu tun hat und auch da war ich ratlos. Aber ich glaube, die abstoßenden Ansichten von Joseph Novak spiegeln die zur Schaustellung der Oberflächlichkeiten eines ausgearteten Kapitalismus wieder und dass man solche Grausamkeiten Kunst zu nennen wagt, zeigt die Absurdität einer Gleichgültigkeit, die man erreicht, wen man nicht mehr die Menschlichkeit wahr nimmt.

Es ist also ein hoffnungsloses Island, das träumt. Aber das wirklich wahre Abstoßende des Buches, viel grausamer als die Folter, der Missbrauch und die Morde, ist vor allem das verachtende Bild der Menschen (und nicht nur, aber vor allem der Frauen), das die bis in die leisen Untertöne pessimistisch gezeichnet wird. Ich kann weder für Hrafn noch für Eva Mitleid aufbringen. Einzig das kleine Mädchen, dass sowohl für die erbarmungslosen Zwecke des selbsternannten Künstlers Novak und denen des Autoren Steinar Bragi herhalten muss, kann ich Bedauern empfinden.

Nach dem Lesen des Buches wollte ich trotzig einer alten Dame über die Straße helfen. Vielleicht war das ja die Absicht des Autoren, als er das Buch so hoffnungslos und widerlich wie möglich schrieb. Leider fällt es mir schwer die Ansichten des Erzählers ganz vom Autor zu lösen.

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3 Responses to “Steinar Bragi – Frauen * (1/5)”

  1. Thomas Says:

    Interessant. Ich habe kürzlich ein Buch mit Kurzgeschichten aus und über Island gelesen. Konnte mich ebenfalls nicht sonderlich beeindrucken …

  2. Tina Says:

    Irgendwie bin ich schon froh, nicht die einzige zu sein, der dieses Buch nicht gefallen hat 🙂

    LG
    Tina

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