Plasmaabweisend

03. Jun 2011

„Ach jetzt komm schon!“

Genervt richte ich meine geliebte Kanone auf die antike Kommode vor mir.
„Du weißt, es ist für uns beide einfacher, wenn du freiwillig gehst.“

Wenn es sein muss, bin ich ziemlich gut mit der Waffe. Wobei man ein so großes Möbelstück auf diese Entfernung kaum verfehlen kann. Aber ich hasse es, wenn ich sie erschießen muss.

~

Eigentlich wollte ich es mir heute Abend auf meiner Couch bequem machen, mich in meine unglaublich wuschelige Fleecedecke kuscheln, Schokonüsse knabbern und dabei „Desperate Housewives“ kucken. Wenn die verzweifelten Hausfrauen mit Mord und Intrigen um sich werfen, als wäre alles ein Kaffeekränzchen, scheint mir mein Leben um so viel normaler. Und heute Abend kam eine dieser Katastrophenfolgen, die ich so mag. Ich war neugierig, wer diesmal drauf gehen würde.

Als es dann klingelte, dachte ich für einen Moment darüber nach, den Hörer einfach nicht abzunehmen.
Gnaaa…“ Murrend strampelte ich mir dann doch die Decke von den Füßen und hetzte zum Telefon. Ich hatte gerade erst neue plasma-abweisende Arbeitskleidung gekauft und konnte es mir nicht leisten einen Auftrag abzulehnen. Was für diese Spezialimprägnierung verlangt wurde, war reiner Wucher.

Der Anrufer stellte sich jedoch als ein alter Schulfreund heraus, der für ein paar Tage in der Stadt war und mich zum Essen einlud. Für Jochen ließ ich gern meine Lieblingsserie sausen, denn ich war damals in der Oberklasse bis über beide Ohren in ihn verknallt und freute mich einen Wolf darüber ihn wieder zu sehen.
Also programmierte ich den Festplattenrekorder, was mir diesmal sogar ohne das Handbuch gelang, duschte schnell und kämpfte meine braune Mähne in eine akzeptable Ausgehfrisur, noch immer ganz stolz von meiner technischen Höchstleistung. Ehrlich gesagt, hatte ich keine Ahnung, wo das blöde Handbuch hingekommen war.

Entsetzt stellt ich fest, dass die Wimperntusche krümmelte anstatt meinen Wimpern den anbetungswürdigen Schlafzimmerblick zu verleihen. Oh Gott, war meine letzte Verabredung tatsächlich so lange her, dass mir das Makeup vergammelt war? Das Zeug ist doch eigentlich Jahre haltbar, oder nicht? Irgendetwas machte ich im Leben verkehrt.

Nachdem mein Bett unter den Unmengen verschiedener Klamotten nicht mehr zu sehen war, fand ich eine Kombination, die mir gefiel. Endlich gab es einen Anlass die vanillefarbene Bluse mit dem auffallenden Ausschnitt zu tragen. Breit grinsend betrachte ich mich im Spiegel und bemerkte gar nicht, dass ich leise vor mich hin summte.
I got a kiss under the bleachers – Hoping that nobody looks – Lips like liquorish – Tongue like candy … “
Da hatte sich einer dieser albernen Ke$ha Songs in mein Hirn geschlichen. Es wurde wirklich Zeit, dass ich wieder öfter ausging. Ich benahm mich wie ein Schulmädchen.

Das von Jochen vorgeschlagene Restaurant befand sich in einem dieser piekfeinen Hotels. Wenn er hier abgestiegen war, dann mussten sich seine Bücher gut verkaufen. Vielleicht sollte ich sie doch lesen, allerdings hatte ich selten die Zeit dafür. Auf meiner Waschmaschine im Badezimmer liegt griffbereit ein Kurzgeschichtenband mit einem Sense schwingendem Skelett auf dem Klo. Das Buch hatte ich gekauft, weil mir das Cover im Schaufenster der Buchhandlung auffiel. Ich fand, dass es die passende Lektüre für meinen Lieblingsleseplatz war, hatte aber bisher nicht eine Geschichte gelesen. Etwas, was jedes Silvester erneut auf meiner Liste der guten Vorsätze stand. Dafür sieht das Taschenbuch „Der Exorzist“von Blatty, welches daneben liegt, mehr als nur ein bisschen abgegriffen und zerlesen aus, aber das war schließlich auch Fachliteratur.

Ich war viel zu früh für meine Verabredung. Nervös starrte ich immer wieder auf die Uhr und hatte schon den gesamten Vorrat diesen knusprigen Brotstangen aufgefuttert, noch bevor sich der erste Kellner blicken ließ, was nicht am schlechten Service lag. Vielleicht würde mich ein Glas Wein ein wenig auflockern.

„Eine Weißweinschorle, aber bitte nicht lieblich, sondern richtig süß.“ Mir war egal, ob mich die edlen Weinkenner hier lynchten, wenn sie das hörten.

„Gern, … Frau Lovca. Lillie Lovca?“

„Ja?“

Noch bevor er weiter redete, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Der Tisch war unter dem Namen von Jochen reserviert. Also woher kannte er mich?

Mh, wenn wir sie vielleicht in einer delikaten Angelegenheit sprechen dürften?“

Er durfte und deshalb stehe ich mit gezogener Waffe vor einem altmodischem Sideboard und lasse mich von lackiertem Holz anknurren.

~

Der Kellner stellte sich als stellvertretender Hoteldirektor heraus und die delikate Angelegenheit war ein Job. Ein mieser, einer von der schlimmsten Sorte, um genau zu sein, denn ein Poltergeist ließ sich nur selten „überreden“ aus freien Stücken sein bezogenes Terrain zu verlassen.

Normalerweise benutze ich allerlei populär- und pseudowissenschaftliches Wissen für die Geisterausstreibung. Erstaunlicherweise hat sich der christliche Aberglaube als äußerst ergiebig herausgestellt. Die katholische Liturgien wirken zum Beispiel Wunder und manchmal reichte ein einfacher Schamanengesang. Das hat nichts mit Magie oder Religion zu tun. Jedes dieser Mittel bündelt Energien auf einer anderen Frequenz. Es geht nur darum alles auf die Willenskraft des Restbewusstsein abzustimmen und es ihm ein bisschen unbequem zu machen. Ein klein wenig spielt dann auch Psychologie mit rein, je nachdem wie viel Persönlichkeit noch in dem Abbild der Erinnerungen geblieben ist.
Aber Poltergeister sind strunzdumm. Sie sind die Hooligans der Geisterwelt. Stur, bösartig und impulsgesteuert. Meist ist von der Persönlichkeit nur noch blanker Hass übrig und es ist so gut wie unmöglich mit ihnen zu reden.

Ich hatte es mit Weihwasser versucht, aber ich befürchte, dass hat das blöde Mistding einer Holzkiste auf Beinen nur noch wütender gemacht.

Plötzlich beginnt die Kommode zu zittern. Laut polternd fliegen Schubladen und Flügeltüren auf und zu. Die geschnitzten Tierpfoten verzerren sich zu raubtierartigen Pranken mit denen das aufbrausende Möbelstück im flauschigen Teppich scharrt.

„Jetzt spiel dich doch nicht so auf.“, motz ich und versuche unbeeindruckt zu wirken, beide Hände noch immer an der Waffe.

Meine Energiewaffe sieht wie ein altmodischer Revolver aus, der Umbau hatte mich einiges gekostet. Wenn schon schießen, dann aber mit Stil. Aber sie hat einen mörderischen Rückstoß, meine Kleine. Und wenn ich mir meine Schuhe ansehe…
Wenn ich in den Dingern schieße, macht mein Kopf Bekanntschaft mit der Wand, die 3 Meter hinter mir ist. Die sündhaft teuren Schuhe passen zwar perfekt zu dem kurzen brombeerfarbenen Rock, aber keines davon ist für einen Einsatz geeignet. Und natürlich sind die Klamotten noch nicht imprägniert. Deshalb spiele ich hier „Supernanny“ anstatt das Ding einfach abzuknallen.

Das Schlimmste am Schießen ist weder der Krach noch die Gewalttätigkeit. Schließlich sind alle auf die ich schieße schon tot. Aber wenn die hochfrequente Energie aus den Batterien in den Trommelkammern auf einen Geist oder ein besessenes Objekt trifft, wird das Ektoplasma in ein zerstörerisches Schwingen versetzt. Durch die Vibration verliert das Geistermateriel die Kontrolle über die besessenen Moleküle. Durch die starke Überhitzung kommt es im Plasma zu einer Reaktion und der Geist zersetzt sich. Es endet immer damit, dass ich mit dem Überbleibsel Ektoplasmischer Energie bespritzt werde. Klebriger, glitschiger, lila Schleim. Und der geht unglaublich schwer aus den Klamotten, von den Haaren ganz zu schweigen und wird innerhalb weniger Stunden beton-hart.

Ich werde mir heute Abend nicht die Frisur versauen.

Kurzentschlossen kicke ich die Schuhe von den Füßen und stoße dabei die kleine Volvicflasche um, in der ich Weihwasser transportiere. Die klare Flüssigkeit versickert langsam im dichten Teppich.
„Mist!“
Heutzutage bekommt man richtig gutes und vor allem echtes Weihwasser nur sehr schwer. Die Herstellung ist aufwendig und damit – natürlich – sauteuer. Nicht, dass es mir etwas genützt hatte.

Sagte ich, dass Poltergeister dumm wären? Nun, dumm wie Brot, ja, aber vielleicht doch nicht dumm wie Stulle. Denn als ich mich bücke, um nach der Flasche zu greifen, stürmt der besessene Holzwurmfraß direkt auf mich zu. Aus Reflex reiße ich die Waffe hoch und drücke ab. Es ist gar nicht so einfach aus der Bewegung heraus mit dem Energiestrahl zu zielen. Es ist ein bisschen, als würde man versuchen einen Wasserschlauch unter Hochdruck zu lenken oder eine Katze an einer steifen Leine zu führen.

Nachdem ich ein hübsches Brandmuster in die Tapete gezaubert habe, gelingt es mir doch, die Waffe wieder auf das ausgerastete Möbelstück zu halten. Es dauert bis sich die Lichtlanze auf die passende Negativ-Frequenz justiert hat, um den Geist einzufrieren. Langsam kommt der kleine Schrank zum stehen, nur wenige Trippelschritte von mir entfernt, perfekt um mich bei der Bannung vollständig zu zuschleimen. Das läuft wieder wie geplant.

Und jetzt brauche ich jede Menge Fingerspitzengefühl. Die Bannung des Poltergeistes ist eigentlich eine Rückkopplung. Mit dem Spannhebel der Waffe wird der Laser so modifiziert, dass ein Energieabbild des Geistes leicht versetzt auf ihn zurückgeworfen wird, immer wieder bis es eine Verpuffung gibt. Das ist so ähnlich, als wenn man ein Mikrofon an eine Box hält, da hat man das Gefühl, dass einem das Trommelfell platzt, nur dass bei einer Bannung der Geist platzt. Wenn ich den Hebel zu schnell ziehe, verursacht die Modifikation allerdings Interferenzen, die mir den Colt um die Ohren fliegen lassen können. Die Unsicherheit lässt mich immer zögern, wenn ich den Daumen an den Spannhebel lege. Denn ich wäre vor Jahren mal fast dabei drauf gegangen. Wenn ich jedoch zu langsam bin, hat der Geist genug Zeit sich aus der Starre zu lösen und wieder auf mich loszugehen.

Ich versuche die Bilder an die Explosion zu verdrängen und die Erinnerung an die Zeit im Krankenhaus, versuche mir einzureden, dass seitdem viel Zeit vergangen ist und ich viel dazu gelernt habe. Aber egal wie lange der Unfall her ist, jetzt sitzt mir die Angst wieder im Nacken.

„Reiß dich doch zusammen.“

Pure Konzentration verhindert das Zittern meiner Hände. Erst als ich die Waffe wieder völlig ruhig halte und mein Atem normal geht, ziehe ich den Hebel herunter. Natürlich ist es nicht ungefährlich, aber ich kenne meine Kleine gut und ich spüre, wann ich zu schnell bin, denn irgendwann geht die Erfahrung in den Körper und wird zur Intuition.

Mit einem Zischen zerreißt die psychokinetische Verbindung des Geistes mit den Holzmolekülen. Das leise „Plopp!“ der Luftdruckänderung ist kaum zu hören, als sich aus der Geisterebene das Ektoplasma ergießt und mit der Luft reagiert. Plötzlich spritzt das purpurfarbenes Glibberzeugs aus den Ritzen und Poren der Kommode und ich versuche mich hinter einem der Fenstervorhänge in Deckung zu bringen.

„Bäh!“

Vorsichtig schiebe ich den Vorhang beiseite. Es ist gar nicht so einfach zur Tür zu kommen ohne in eine Glibberpfütze zu treten. Das gesamte Hotelzimmer ist mit einer Schicht transparentem, lila Schleier überzogen. Noch glitzert die Feuchtigkeit, doch bald wird das Zeug austrocknen und zu einem schwer zerstörbarem Zuckerguss aushärten. Ich werde dem Manager Bescheid geben, dass sie sich beeilen müssen, sonst brauchen sie für die Reinigung des Zimmers einen Meißel.

Erstaunlicherweise habe ich nichts abbekommen. Nichts, nicht mal einen Spritzer. Das grenzt schon fast an ein Wunder und würde ich an Vorsehung glauben, würde ich sagen, dass es das Schicksal war. Und Jochen ist bestimmt meine wahre Liebe, der nichts im Wege stehen darf. Allerdings glaube ich weder an Vorhersehung, noch an das Schicksal und schon gar nicht glaube ich an die wahre Liebe. Andererseits bin ich Geisterjäger. Wenn ich nicht an das Übersinnliche glauben kann, wer dann?

Ein Blick auf die Uhr und ich werde nervös. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch zu meinem Date. Zwar etwas zu spät, aber ist das nicht ein Privileg der Frauen?

Kurz gebe ich dem Manager, der in gebührendem Abstand vor der Tür des Hotelzimmers auf mich wartet, einen abschließenden Bericht, lasse mir den Arbeitsaufwand quittieren und haste zum Restaurant. Schuldbewusst zucke ich zusammen, als ich hinter mir den entsetzten Aufschrei des Hoteliers hören, der wohl gerade einen Blick in die Suite geworfen hat. Da ich die Augen dabei für einen Moment zusammen kneife, sehe ich den Kellner nicht, der mit einer riesigen Schüssel in den Händen aus einer der Türen kommt.

Doch als ich wieder nach vorn sehe, ist es zu spät. Ich versuche zwar noch dem Kellner auszuweichen, der selbst nur panisch die Schüssel hochhält, als würde das etwas helfen, aber ich stolpere über meine eigenen Füße. Fluchend reiße ich den Mann mit und bekomme den Inhalt der Schüssel über den Kopf gegossen. „Ahhhh, das darf doch nicht wahr sein!“

Ich bin von Kopf bis Fuß eingeschleimt von lila Glibberzeugs. Einzig der fruchtig süße Geruch unterscheidet sich zu dem Schleim aus dem Hotelzimmer. Von wegen Schicksal.
„Verflixt…Das Zeug ist überall und bei Götterspeise hilft das plasmaabweisende Imprägnierspray leider nicht. Aber wenigstens passt die Farbe zu den Schuhen.“

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Fingerübung
Muse Markus:
Desperate HousewivesBuchhandlungKe$haVolvicLiebe

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4 Responses to “Plasmaabweisend”

  1. Sabrina Says:

    In der Hoffnung, dass es diesmal klappt (zu dumm einen Button zu drücken!)… ein Wauw von mir! Das ist das erste „große Ding“ von dir, das ich mir gegönnt habe. Aus welchem Grund auch immer. Ich weiß nur noch, dass ich IRGENDwann über „Wortsplitter“ gestolpert bin, die Seite IRGENDwie in meinen Lesezeichen gelandet ist und ich heute aus IRGENDeinem Grund – nach Monaten! – beschloss, darin zu lesen.
    Wauw! Und Danke. Für das Gefühl einen Volltreffer gelandet zu haben 😉

    • wortsplitter Says:

      Bitte gern geschehen *lach* immer wieder gern. Darfst gern bleiben und mehr lesen und mehr loben 😉 aber auch kritisieren, wenn was nicht passt. Freut mich, dass es dich IRGENDwann doch hierher verschlagen hat.

  2. Thomas Says:

    Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Einfach brillant, diese Geschichte! Fünf Sterne reichen hier auf gar keinen Fall. Ich gebe dir noch einen sechsten dazu!

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