Binge

30. Jan 2011

Laura hebt die Nase schnuppernd in den Raum. Sie wirft einen Blick über die Schulter, zwinkert und beugt sich dann mit ihren Rundungen behäbig zum Backofen hinunter, um in die Hitze zu starren.

Ich liebe das Backen. Es duftet so lecker.“ Sie richtet sich wieder auf und dreht sich zur Wohnzimmertür.

Ihr könnt es ja leider nicht riechen.“ Freundlich lächelnd starrt sie in die Luft, obwohl sie allein ist in der Wohnung.

Mit wem ich rede, wenn ich doch allein in der Wohnung bin? Na, mit euch! Also, ich sag es besser gleich, ich bin nicht ganz dicht. Ich hab offiziell eine Macke, denn ich glaube, dass ich eine Figur in einem Buch bin, oder eher in einer Geschichte. Ein Buch ist vielleicht zu viel für mich ganz allein.“

Sie grinst in das leere Wohnzimmer, doch dann richtet sich ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Ofen.

Mein Kuchen ist gleich fertig. Als ich heute morgen wach geworden bin, hatte ich unglaubliche Lust einen Käsekuchen zu backen.“ Mit einem fröhlichen Lachen greift sie nach der Zuckertüte.
Das Geheimnis ist die Kruste oben … „ ruft sie über die Schulter und streut eine dünne Lage feiner weißer Kristalle auf die Kuchenoberfläche. Nachdem sie den Regler des Backofens etwas runter gestellt hat, wendet sie sich wieder zur Wohnzimmertür.

Also ich bin weder für mich noch für andere eine Gefahr, sagt mein Psychoonkel, darum treffen wir uns hier in meiner Wohnung, anstatt in einer Klapsmühle. Auch wenn ich die Hoffnung hatte …“ Sie zuckt unsicher mit den Schultern „Naja, wird schon richtig sein, er hat schließlich studiert.“

Ihre Hände zittern kaum merklich, als sie sich, mit einem verlegenem Schmunzeln in die Leere ihrer Wohnung, eine dunkle Locke hinter das Ohr streicht, die sich aus dem wilden Haarknoten gelöst hatte.

Huch!“ Erschrocken dreht sich Laura zum Ofen und öffnet ihn hastig. „Ahh! Glück gehabt. Bei einer Karamellkruste muss man nämlich aufpassen, sonst verbrennt der Zucker. Fast hätte ich den Kuchen vergessen.

Sie schmunzelt wieder und greift nun nach den Ofenhandschuhen.
Ihr habt mich abgelenkt.“, bemerkt sie mit einem gespielt vorwurfsvollen Ton.
Vorsichtig hebt Laura den Kuchen aus dem heißen Ofen „Aber das passiert mir mit Euch ja ständig.“,redet sie weiter, während sie den Kuchen hinüber zu Arbeitsplatte trägt und ihn dort abstellt.

Ist ja nichts passiert. Er sieht genau so aus, wie er aussehen soll.“
Glücklich lächelt Laura über ihre Schulter und zeigt auf ihren Kuchen.
Er muss noch ein wenig abkühlen, aber ich ess ihn, wenn er noch warm ist, dann schmeckt er wie fluffige Vanille-Quark-Wölkchen, übersinnlich lecker.“

Laura strahlt ins Leere und schnuppert dann mit geschlossenen Augen. „Mhhh!“
Als sie sich die Lippen leckt, sieht es fast aus, als würde sie den Kuchen in ihrer Fantasie schon mal kosten.

Seufzend öffnet sie die Augen wieder.
Ich kann euch leider nichts abgeben. Ihr seid ja nur eine Einbildung von mir und …“
Unruhe breitet sich in ihrem Rubenskörper aus, ihre Fingerspitzen klappern neben dem Kuchen auf der Küchenplatte und die Spitze ihres rechten Fußes wippt unaufhörlich. Ihr Lächeln, dass bis eben durchweg ihr Gesicht verziert hatte, verschwindet urplötzlich und hinterlässt Schatten in einem traurigen Blick und schmale Lippen, auf denen sie herum kaut.

„… und ich brauche auch den ganzen Kuchen. Denn …
Ich hab Hunger
!“
Trotzig kuckt sie hinüber zum Wohnzimmer.

Ihr versteht das nicht!“

Laura greift nach einer Gabel und beginnt den Kuchen in sich hinein zu schaufeln. Sie nimmt sich kaum Zeit, den süßen Wölkchen-Geschmack zu genießen. Alles muss rein. Von außen nach innen, sonst verbrennt sie sich die Zunge, das weiß sie aus Erfahrung. Und ein Käsekuchen duldet keine Unterbrechung. Konzentriert schiebt sie sich eine Gabel voll nach der anderen in den Mund. Zum Kauen ist kaum Zeit, aber glücklicherweise ist der Kuchen weich und muss nur mit den Gaumen zerquetscht werden, bevor er geschluckt wird. Es dauert nicht lang, nicht einmal eine halbe Stunde später ist die Backform leer. Nur wenige Krümel sind übrig und der Käsekuchenduft hängt noch vorwurfsvoll in der Luft, als Laura die letzte Gabel sinken lässt. Ihr Herz rast, der Hals ist zugeschnürrt und dann kommt der Schmerz im Magen. Ihr Gesichtsausdruck ändert sich von konzentriert in hilflos, als die Tränen in ihre Augen steigen.

Lasst mich mal einen Moment alleine ja?“,  fragt sie schüchtern und stürmt ins Badezimmer.

Die Toilettenbrille ist hochgeklappt und Laura kniet davor, in sich zusammen gesunken.

Könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen? Das geht euch nichts an! “, ruft sie aus der offenen Badezimmertür in den leeren Flur.

Tränen, die auf ihr Brust fallen, hinterlassen dunkle Flecke.

Ich kanns nicht. Mir fehlt einfach die Kraft mich zu Überwinden.“, schluchzt sie leise. „Ich will es, versuche es jedesmal, aber ich schaffe es einfach nicht mich zu übergeben.“

Laura rafft sich auf, beugt sich weit über die Klo-Schüssel und steckt sich zwei Finger in den Hals, tief rein, so weit wie es geht und mit einem Ruck dann noch ein bisschen weiter.

Doch nur die Tränen, die ihr über die Wangen hinauf laufen, fallen in das Porzellan.

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Fingerübung
Muse Sveda:

1.Geheimnis 2.Schmerz 3.Hoffnung 4. Kraft 5.Liebe 6.übersinnlich

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One Response to “Binge”

  1. Thomas Says:

    Klasse geschrieben, wie immer. Alles scheint zu stimmen und dennoch fehlt irgendwas. Die Idee mit der Buchfigur, die den Leser direkt anspricht, gefällt mir sehr gut. Das Ende jedoch lässt den Leser etwas ratlos zurück. Grundsätzlich habe ich zwar nichts gegen ein offenes Ende, aber hier habe ich das Gefühl, es müsste noch etwas kommen. Kann natürlich sein, dass es deine Absicht war, dem Leser Spielraum für Interpretationen zu überlassen …

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