Der Weltenbaum XIV – die nachtblaue Weltenblüte

27. Jan 2011

Teil 13
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Vallaria kann diese Gedanken in seinem Gesicht lesen, dieses gierige Grinsen und die Überheblichkeit. Langsam atmet sie ein. Sie hört die unerbittliche Stimme ihres Trainers in ihrem Kopf. Als sie wie im Training mit der Analyse der Situation und des Gegners beginnt, senkt sich eine beruhigende Kälte über ihre Gedanken.

Ihr Gegner ist stärker, aber unvorbereitet. Aufgrund der Enge sind Schusswaffen innerhalb des Labors nicht zu gebrauchen. Anstatt dem Schlagstock, greift der Wachmann nach dem ES, eine gefährliche Waffe, die dem Opfer einen elektrischen Schlag verpasst. Wenn er sie damit trifft, wäre sie sofort ausgeschaltet, ein schneller Sieg. Doch um ihr den betäubenden Schock zu verpassen, muss er ganz nah an sie heran. Mit dem Schlagstock könnte er sie auf Abstand halten, doch er will kurzen Prozess machen.

Val lässt ihn näher kommen und konzentriert sich. Sie verlagert das Gewicht und als er sich auf sie stürzt, schnellt ihr Bein hoch und trifft ihn seitwärts am Kopf. Bewusstlos bricht der Mann zusammen. Er hat den Tritt nicht kommen gesehen, weil er sie unterschätzt hat.

Verblüfft betrachtet Val den reglosen Körper. Sie dachte nicht, dass es so einfach geht, dass es ihr so leicht fällt. Mit zittrigen Fingern tastet sie nach dem Puls des Mannes. Er lebt. Sie hat keine Zeit, sich um ihn zu sorgen. In der Uniform findet sie eine Schlüsselkarte und als sie die Tür zum GenLager öffnet, ist ihre Atmung wieder fast normal. Dafür ist sie ausgebildet und es fühlt sich irgendwie richtig an.

Nachdem sie den Bewusstlosen in den Lagerraum gezerrt hat, blickt sie sich um. Der Raum wirkt wie ein Korridor, denn es ist so eng, dass man sich kaum drehen kann. Lange Tische mit wissenschaftlichen Geräten finden sich auf einer Seite und auf der anderen sind hohe Schränke. Dahinter kann sie leere Glaskolben sehen. Die kleinen Plastikschilder tragen die Bezeichnung GAMMA 1-5. Vallaria schluckt und berührt mit ihren Fingerspitzen die gläsernen Tanks. Es gibt fünf Behälter. Nur der erste ist gereinigt und trocken. In den anderen finden sich Spritzer einer grünlichen Flüssigkeit. Es scheint, als war bis vor kurzen noch etwas darin. Langsam geht sie weiter und hinter dem nächsten Schrank entdeckt sie drei weitere Kolben. In dem gefärbten Wasser kann sie eine Art Knopse erkennen, ungefähr handtellergroß und von einem dunkelgrünen, fleischig dicken Blatt umschlungen. Das Schild am unteren Ende der Behälter ist mit DELTA 1-3 bezeichnet. Eine weitere Versuchsreihe. Sie haben die GAMMAs vernichtet und eine DELTA-Reihe gestartet. Aufgeregt und wütend rennt sie zum Wachmann zurück, den sie an der Tür unter einen der Tische gestopft hat und nimmt seinen Schlagstock. Sie versucht ihr Selbstmitleid zu verdrängen, hier geht es nicht nur um sie, redet sie sich ein. Schließlich versucht sie zu verhindern, dass die Blüten des Weltenbaumes ausgenutzt und zerstört werden, denn das haben sie mit ihrer Hilfe vor. Dafür hat man sie erschaffen, damit der Konzern Zugang zu allen Welten bekommt, die ihm nützlich scheinen. Als sie auf die Behälter einschlägt und das Glas unter der Kraft ihrer Wut zersplittert, erklärt sie sich immer wieder, dass sie diese Monster aufhalten muss. Dass es das einzig Richtige ist, was sie da tut. Doch es laufen ihr Tränen übers Gesicht, als der Nährsaft auf den Boden spritzt und die Knospen auf den Tisch fallen. Vallaria bringt es nicht übers Herz die Deltas zu zerschlagen. Sie fühlt sich wie die große Schwester, und auch wenn man nicht erkennen kann, dass aus ihnen einmal Wesen werden wie sie, ist es ihr nicht möglich sie zu töten. Eine nach der Anderen nimmt sie in die Hand, streichelt zärtlich über die Blütenblätter und übergibt sie dem Fluss. Das Portal in sich zu finden und zu öffnen ist leicht. Ein kurzes Blinzeln, sie stellt sich vor, dass sie den Knospen einen leichten Schubs gibt, dann sind sie verschwunden.

Am Ende des Ganges sind die Kühlbehälter. Hinter einer Glasscheibe, welche die gesamte Breite des Raumes einnimmt, ist alles ordentlich beschriftet. Leider ist das Schloss elektronisch gesichert. Der kleine Kühlraum bietet neben den eingelassenen Kassetten, mit dem genetischen Material, Platz für einen winzigen Arbeitstisch, an denen man Proben nehmen kann und etwas Platz, um daran zu stehen. Val ist sich nicht sicher, ob sie so zielgerichtet den Portalfluss nutzen kann, aber es ist die einzige Möglichkeit hinein zu kommen. Sie legt die Hände an die Scheibe, als könnte sie damit erfühlen, wie dick sie ist und schließt die Augen, um sich zu konzentrieren. Ein kurzes Flackern der Luft hüllt sie ein, als sie verschwindet und im Kühlraum wieder erscheint. Val blinzelt und atmet heftig. Vor Aufregung spürt sie kaum die Kälte, die ihren Atem in Wölkchen verwandelt. Schnell greift sie nach der Kassette, die mit portalis beschriftet ist und öffnet sie. Auf ihren Handteller rollen gelbliche Kügelchen, die wie Blütenpollen aussehen. Als Val sie berühren will, zerfallen sie zu glitzerndem Blütenstaub, der sich kribbelnd auf ihrer Hand verteilt. Sie wagt es kaum zu atmen, damit sie das feine Pulver nicht aufwirbelt. Am besten wäre es wohl, den Blütenstaub im Fluss zu verteilen. Sie blinzelt und verschwindet. Zusammen mit dem Pulver taucht sie in den Portalfluss und plötzlich fühlen sich ihre Hände heiß an. Erschrocken springt sie zurück und knallt schmerzhaft gegen die Schleuse.

Etwas benommen verlässt sie das Lager. Was immer auch gerade passiert ist, sie muss sich später damit beschäftigen, beschließt sie mit einem Blick auf ihre Hände, vor vor diese entschlossen zu Fäusten ballt.

Am Ende eines langen Korridors sieht sie hektisch einige Wachleute entlang laufen. Vielleicht hätte sie die Uniform des bewusstlosen Wachmanns anziehen sollen, dann würde sie nicht so aufgefallen. Allerdings gibt es bei der Sicherheit nur wenige mit grüner Haut. Den Gedanken, sich den Weg frei zu prügeln, schiebt sie mit einem Kopfschütteln wieder weg, sowas klappt nur im Film. Ohne bewusst die Entscheidung zu treffen, verschwindet Val. Den Portalfluss zu benutzen, ist wie Treppen steigen. Sie war schon einmal im Archiv, also weiß sie, wie die Strömungen zu steuern sind. Es ist zu spät, sich Gedanken zu machen, was sie dort erwartet.

Glücklicherweise ist das wissenschaftliche Archiv ist leer, bis auf einen Mann, der hektisch an einem der Terminals arbeitet. Die wissenschaftliche Besatzung wurde unter Hausarrest gestellt, damit die Sicherheit sich frei im Labor bewegen kann. Also ist es weniger Glück, als die Fehleinschätzung des Konzerns, die Vallaria hier zu Hilfe kommt.

Fast zärtlich legt sie ihre schlanke Hand an den Hals des Mannes. Sie braucht den Puls nicht suchen. Den Carotis-Druckpunkt, mit dem sie den Druck im Hirn des Laboranten bis zur Ohnmacht oder gar dem Tod ansteigen lassen kann, findet sie im Schlaf. Vallaria öffnet die vor Anspannung trockenen Lippen und flüstert: „Du solltest besser die Türen verriegeln.“

Da die Halsschlagader das Gehirn mit Blut versorgt, kontrolliert Vallaria den Mann durch ihre Droge innerhalb von Sekunden. Mit abwesendem Blick nickt er und betätigt die Türkonsole. Vallaria verschränkt die Arme und betrachtet den Wissenschaftler mit einem kalten Blick.

Unterhalten wir uns ein bisschen.“

Protokoll:

Wir haben die Entwicklung des Objekts unterschätzt, sowie ihr Vermögen zur Insubordination. Die GAMMA ist außer Kontrolle. Das genetische Material, sowie alle relevanten Daten und die DELTA-Reihe wurden zerstört. Ohne die genetischen Proben des Weltenbaumes ist eine neue Versuchsreihe nicht möglich. Da der Spender mittlerweile infiziert ist, kann keine weitere Probe genommen werden. Das Experiment ist gescheitert.

Wir mussten den Konzern in Kenntnis setzen.

Persönliche Bemerkung:

Mir ist klar, dass der Konzern dafür sorgen wird, dass nichts von unseren Forschungen bekannt wird. Ich bin sicher, dass jemand auf dem Weg ist, um alle vorhandenen Daten zu sichern und das Labor zu säubern, einschließlich aller Mitarbeiter. Eine Flucht ist nicht möglich. Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist.

Protokollende

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