Der Weltenbaum XIII – die nachtblaue Weltenblüte

20. Jan 2011

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Protokoll:

Es gab einen unautorisierten Zugriff auf die Weltenbaum-Daten. Außerdem fand man einen Techniker bewusstlos im Archiv. Aufgrund dieses Sicherheitslecks werden alle Mitarbeiter bis Sicherheitsstufe 5 ausgetauscht. Alle empfindlichen Referenzen auf eine Zusammenarbeit des Konzern mit Hyphen werden unmittelbar entfernt.

Möglicherweise hat dieser Vorfall etwas mit den ungewöhnlichen Werten der Gamma zu tun, die wir in den aufgezeichneten Daten der Nachtphase gefunden haben. Der Vorfall wird eine eindringliche Untersuchung zur Folge haben. Der Konzern wird darüber informiert.

Gleichzeitig zeigt die Gamma einen weiteren Fortschritt. Der Kontakt zu Fremdwelten wird nun willentlich aufgenommen. Dies ist der REM und Elektroenzephalografie-Untersuchung von letzter Nacht zu entnehmen. Ihre anhaltende Weigerung diese Entwicklung zu offenbaren, ist äußerst bedenklich. Die eigenständigen Entscheidungen trotz Verhaltensmodifikation bringen das Experiment in Gefahr. Eventuell ist ein Neustart nötig. In dem fortgeschrittenem Stadium des Projektes wären die Auswirkungen fatal. Trotzdem wird der sofortige Start einer konfigurierten DELTA-Reihe veranlasst. Durch die Einschränkung der Individualität muss eine Beeinträchtigung der Funktionalität in Kauf genommen werden.

Vallaria starrt die Wand an. Der Unterricht fiel heute aus. Stattdessen unterzieht man sie wiederholt einer Befragung mit Biosignalgerät. Es wundert sie, wieso die Wissenschaftler glauben, dass sie dadurch etwas erfahren. Die Kontrolle von Atmung und Puls war eines der ersten Dinge, die man ihr beigebrachte. Als dann die erweitere Ausbildung begann, musste sie auch lernen ihre Mimik und Gestik bewusst einzusetzen. Es fällt ihr also nicht schwer, ihren nächtlichen Ausflug zu verschweigen. In den Verhörpausen hat sie Zeit zu grübeln und ihre Gedanken schweifen zu ihrem Traum zurück und den Daten, die sie im Archiv gefand. Sie kann nicht fassen, was sie gestern gesehen hat. Sie wurde genetisch erschaffen. Erschaffen, um mit ihrer Hilfe andere Welten zu plündern. Val fällt die Auflistung der Welten nach ihrer Wirtschaftlichkeit wieder ein. In ihrer Vorstellung berühren ihre Finger die Abbildung des Weltenbaumes. Ein Teil ihrer Gene stammt von ihm. Das macht ihn wohl zu ihrer Familie. Es ist ein seltsames Gefühl eine Familie zu haben. Val beißt sich auf die Unterlippe. Wieviel sie wohl an ihrer DNS herumgebastelt haben? Alles was sie weiß, alles was sie kann, ist vom Konzern beschlossen. Und sie wollen aus ihr eine Waffe machen. Wenn sie ganz ehrlich ist, hat ihr das Kampftraining wirklich Spaß gemacht und sie verspürt auch keinerlei Schuldbewusstsein, weil sie den Techniker für ihre Zwecke manipulierte. Hätte sie ihn töten können?

Die Unruhe in ihr steigt. Convallaria majalis. In früheren Versuchen fand man heraus, dass die Gene des Weltenbaumes nicht ohne eine pflanzliche Komponente agieren. Die Verbindung der Maiglöckchengene hat sich als stabilste erwiesen. Vallaria erinnert sich, dass man sich besonders für den intensiven Geruch interessierte, der potenzielle Bestäuber anlockt. Sie tat also genau das, was von den Wissenschaftlern geplant war. Sie verwendete die Droge als Waffe, um den Feind zu überwältigen und an Informationen zu gelangen.

Rastlos wandert sie durch den kleinen Raum und etwas aus ihrem Traum, drängt sich in ihr Bewusstsein.

„Warum gehst du dann nicht? Du bist das Tor, wer sollte dich aufhalten?“ flüstert sie sich leise zu. Wer sollte sie aufhalten, wenn sie einfach in eine andere Welt verschwindet. Niemand.

Der Konzern aktiviert einfach eine andere GAMMA und macht mit den Forschungen weiter. Vallaria kann das sie nicht zulassen. Wenn sie das Experiment endgültig beenden will, muss sie alle relevanten Daten vernichten.

Val schließt die Augen. Es ist etwas anderes, in ihren Träumen Kontakt mit einer Fremdwelt aufzunehmen, als tatsächlich ein Portal zu erschaffen. Sie sucht nach der inneren Stärke, nach der Stimme ihrer Familie in sich. Das Labor ist ein Teil des Weltenbaumes. Sie versucht sich das Labor in einer Blüte vorzustellen und visualisiert den Baum, wie sich seine Wurzeln in die Urmaterie bohren und die Raw-Energie in sich aufnehmen. Sie sieht, wie seine Äste sich bis an den Rand des Nichts erstrecken und seine Größe den Raum schafft, in der das Leben existieren kann. Als sie das leise Rascheln der Blätter hören kann, beginnt die Luft um sie herum zu flackern. Ihr letzter Blick fällt auf die Überwachungskamera in der Ecke des Raumes und sie hofft, es bleibt genug Zeit, bevor man ihr Verschwinden bemerkt.

Als Vallaria wieder die Augen öffnet, steht sie in einem dunklen Flur.

„Au backe!“

Mit zitternden Händen und Knien lehnt sich Val an die Wand.

Sie weiß nicht, wie lange sie im Fluss der Welten war, der die Portale miteinander verbindet, aber es können Stunden gewesen sein. Ihr Körper steht unter Strom und wenn sie die Augen schließt, sieht sie den Fluss, leuchtend grün und rot. Als das Zittern nachlässt und sie ruhiger atmet, lässt sie sich in die Knie sinken, plötzlich erschöpft. Von irgendwo hört sie laute Stimmen und sie erinnert sich, dass nicht viel Zeit bleibt. Es fällt ihr schwer, die wundervollen Bilder aus ihrem Kopf zu verbannen. Erleichtert stellt sie fest, dass sie noch im Labor ist. Es war nicht einfach im Portalfluss nicht mitgerissen zu werden. Im ersten Moment war sie orientierungslos. Erst als sie sich auf den Puls des Weltenbaumes einließ und aufhörte gegen die Strömung zu kämpfen, war sie in der Lage, den Fluss zu steuern. Sie war in Kontakt mit allen Weltenblüten und jeder Lebensknospe. Vallaria ist noch vollkommen überwältigt von der Erinnerung an die unermesslichen Eindrücke.

Dann hat sie die Anderen gespürt. Die anderen GAMMAs im Labor sind, wie die Portale und Vallaria, genetisch mit dem Weltenbaum verwandt. Wie ein Leuchtfeuer konnte Val die Signale ausmachen. Sie versuchte, so nah wie möglich heran zu kommen, bevor sie zurück in ihre Welt trat. Sie hofft, sie steht vor der richtige Tür. Leider befindet sich nur ein weiterer Gang dahinter und eine Schleuse. Die Beschriftung der Schleuse und die Wache sind sichere Anzeichen, dass dies der genetische Lagerraum ist.

Langsam kommt die Wache auf sie zu, unschlüssig, was sie mit dem wertvollen Objekt machen soll, das gerade in ihre Arme gelaufen ist. Niemand hat nach ihrem Verschwinden erwartet, dass die GAMMA zurück kommt. Ihre Exekution ist demnach noch nicht beschlossen, stellt Val erleichtert fest. Aber sie muss verhindern, dass die Wache ihre Entdeckung meldet, sonst wird sie keine Zeit mehr haben, die Forschungsdaten im Archiv zu vernichten. Wie es scheint, kommt der Wachposten gar nicht auf den Gedanken. Er sieht sich schon, wie er seinen Fang präsentiert. Vielleicht bekommt er eine Zulage, schließlich sind diese Laborratten ganz scharf auf die Grüne.

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3 Responses to “Der Weltenbaum XIII – die nachtblaue Weltenblüte”

  1. karfie Says:

    ….ich hoffe er ist dann noch zu retten.
    Wird Zeit das sich mal ein paar Verlage hier her verirren und nicht nur so gelbe Bücher veröffentlichen *gg*

    Das Spiel mit den verschiedenen Schriftarten unterstreicht sehr gut was du meinst. Trotzdem würde ich das gern mal in einem Buch lesen 🙂


  2. Jetzt drehst du aber ganz ordentlich an der Spannungsschraube! Irgendwann macht es PAFF und ich bin im Weltenbaum verschwunden. Sag dann bitte den anderen Bescheid …

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