Der Weltenbaum IV – die nachtblaue Weltenblüte

28. Okt 2010

Teil 3
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Teil 5

Experimentprotokoll Status:
Nach erfolgreicher Beendigung der Betatests des Experimentes Weltentor hat uns der Konzern mit der Weiterentwicklung der Gamma Reihe beauftragt.
Uns wurde genetisches Material des Weltenbaumes und Raw-Energie, die dem Baum als Nährstoff dient, zur Verfügung gestellt. Homo Sapiens Convallaria majalis portalis hat die Grundentwicklung abgeschlossen und ist nun in einem Stadium, der den Beginn des Trainings erfordert, um die vom Konzern gewünschte Funktionalität zu fördern. Das Sicherheitslevel wird ab sofort auf Stufe F angehoben. Direkter Kontakt mit der Gamma ist nur mit Pheromonstopper erlaubt. Die Convallaria majalis Gene erlauben dem Objekt manipulativ auf andere einzuwirken. Derzeit scheint diese Fähigkeit von der Gamma nicht kontrollierbar und tritt nur bei akuter Erregung auf. Das Kampf- und Diplomatentraining wird im Neutralisationsraum durchgeführt. Zur Steigerung der hyperkognitiven Fähigkeiten für den Zugriff auf die portalis Gene werden wir die O2-Werte im Habitat der Gamma erhöhen, zusammen mit einer Veränderung in der Lichtzusammensetzung. Wir sind derzeit nicht in der Lage die genaue Zusammensetzung der Raw-Energie zu ermitteln, geschweige denn zu synthetisieren, doch eine Angleichung des Lichtlevels wird hoffentlich ausreichen die portalis Gene zu aktivieren.



Vallaria sitzt mit angezogenen Knien auf ihrem Bett. Unruhig zappt sie hin und her, nichts kann sie fesseln. Eigentlich liebt sie diese fremden Welten, so anders als ihre. Weite Wiesen, dichte Wälder, Straßen voller Menschen, unendliche Meere, ihr 53 m² großes Quartier durfte sie noch nie verlassen.

Die junge Frau springt auf und läuft zum Spiegel. Die hellen, fast durchsichtigen Spitzen ihrer lianenartigen Haarverwachsungen schlängeln sich um ihre Taille. Ein schmales hellgrünes Gesicht mit rosafarbenen Augen sieht sie prüfend an. Sie fragt sich wieder, warum sie nicht aussieht wie die Anderen. Mit ihren biegsamen, schmalen Fingern berührt sie ihr Spiegelbild. Hinter ihr reflektiert sich das steril eingerichtete Zimmer. Dann senkt sie den Kopf und schließt müde die Augen. Das Zischen der Schleuse lässt sie zusammen zucken.
Sie hatte gehofft, dass es diesmal anders sein würde, doch ihr Tagesablauf ist immer gleich. Minutiös wiederholt sich jeder Tag aufs neue, die minimalen Änderungen rotieren in einem 8 Tages Rhythmus. Kampf, Diplomatie, Grundlagenwissen, Sprachen, Spionage, Anatomie, Psychologie, Körperbeherrschung und dann von vorn. Immer wieder. Auch sonst bietet der Tag nicht viel Abwechslung. Die Schlafphasen sind kurz. Sie machen einfach das Licht aus und nach einer Weile wieder an. Fernsehen, Unterricht, Meditation, Fernsehen und wieder schlafen.

Val sieht zur Kampfkleidung hinüber, die man hereingebracht hat. Anfangs hatten sich die Labormitarbeiter noch mit ihr unterhalten, doch seit einer Weile meiden sie jeden Augen- und Körperkontakt.

Sie streift sich das Leinenkleid vom Körper und legt die leichte Körperpanzerung an.

„Beginn des Nahkampf-Trainings jetzt.“

Protokoll:
Die Entwicklung der Gamma ist zufriedenstellend. Allerdings scheint der Mangel an variierenden Reizen das Objekt emotional zu beeinflussen. Es scheint angebracht den Tagesablauf der Gamma zu modifizieren. Auswertungen der REM-Aufzeichnungen stellten eine mögliche Kontaktaufnahme mit einer Fremdwelt in der Schlafhase fest. Dies ist ein bedeutender Fortschritt in der Entwicklung der portalis Gene. Durch eine verstärkte Einstrahlung von kurzwelligem ultravioletten Licht versuchen wir nun diese Entwicklung intensiv zu fördern. Beunruhigend ist jedoch die Reaktion der Gamma. Ihre selbstständige Entscheidung, ihre Erfahrung vor uns zu verheimlichen, zeigt Tendenzen zu unkontrollierbarer Handlungsweise. Zur Verhaltensmodifikation werden sowohl positive als auch negative Reize eingesetzt. Eine zu autarke Haltung der Gamma gefährdet die vom Konzern gesetzten Ziele. Das vorrangige Bestreben des Experimentes ist die Kontrolle über das Portal. Der Konzern fordert erneut eine Aufstellung von Erfolgsanalysen und Verlaufsprognosen. Man drängt auf eine baldige Fertigstellung des Homo Sapiens Convallaria majalis portalis. Wir werden also für die erfolgreiche Interaktion der Gamma mit Fremdvölkern ein zusätzliches manipulatives Training in den Übungszyklus aufnehmen.

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7 Responses to “Der Weltenbaum IV – die nachtblaue Weltenblüte”

  1. Thomas Says:

    Der Link auf Teil 5 funzt nicht … LG, Thomas

  2. mirjam Says:

    Endlich kam ich zum lesen, hab es immer in meinem Hinterkopf mitgetragen und mich darauf gefreut!

    Ich finde du schreibst so lebendig, ich sehe die Frau bildlich vor mir! Ich kann mich nur wiederholen, Kompliment & weiter so!

    Ausserdem wollte ich dir noch sagen, ich habe dir diesen Award verliehen und hoffe du freust dich 😉

    http://www.literatur-revue.ch/wordpress/2010/11/04/blog-award-mein-erster/

  3. Thomas Says:

    So, jetzt habe ich endlich deinen Weltenbaum gelesen. Alle vier Teil hintereinander. Faszinierende Geschichte, muss ich sagen und total professionell geschrieben.
    Beeindruckend ist der Wechsel des Schauplatzes im vierten Teil bzw. der Umstieg vom Fantasy/Mystery-Genre in den Bereich der Science-Fiction. Bisher ist der Genre-Mix sehr gelungen.

    (Übrigens ist im zweiten Teil der Link auf den dritten, bei mir jedenfalls, nicht aktiv. Man muss auf die Übersicht gehen, um auf Teil 3 zu kommen.)

    • wortsplitter Says:

      danke 😀
      Kommentare zum Weltenbaum freuen mich immer besonders, weil da ne Menge Arbeit drin steckt. Ich weiß, dass gerade SciFi auf manche Fantasy-Freunde etwas abschreckend wirkt. Bin gespannt, ob sich vielleicht noch der ein oder andere Leser findet.
      Danke für den Linkhinweis, wurde sofort behoben.

      • Thomas Says:

        Bei mir ist es eher umgekehrt, denn der Fantasy-Typ war ich eigentlich noch nie. Ich bin bzw. war eher ein Opfer der Sience-Fiction-Literatur – bis zu einem bestimmten Tag jedenfalls …! Egal, der SciFi-Teil wertet die Geschichte unheimlich auf und ich kann mir wahrlich vorstellen, welche Arbeit dahintersteckt. Allein die Wortwahl im technischen Bereich dürfte nicht gerade einfach gewesen sein …

        • wortsplitter Says:

          das war gar nicht so schwer, da ich von Natur aus zu hochtrabener, Fremdwortlastiger Sprache neige. Ja ich bin früher ein furchtbarer Streber gewesen … und einsam 😉 schwierig war eher, nicht zu technisch zu werden, gerade in dem erzählendem Teil und die lange Phase der Ermittlung nicht zu langweilig werden zu lassen. Aber das lest ihr ja dann noch. Aber toll, dass der Scifi – Teil auch einen Fan gefunden hat.

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