Manfred Wieninger – Prinzessin Rauschkind ****(4/5)

16. Okt 2010

Manfred Wieninger Prinzessin Rauschkind

M. Wieninger

„Prinzessin Rauschkind“ ist ein Krimi mit sehr starkem regionalem Bezug zu Harland, einem Stadtteil der niederöstereichischen Stadt St. Pölten. Der Autor Manfred Wieniger kennt sich aus, stammt er doch selbst aus Harland. Ob die Stadt jedoch froh darüber ist, Schauplatz der Miert-Krimis zu sein, bezweifle ich, denn sie erscheint mir grau und trostlos, nicht gerade ein idealer Ort für einen romantischen Kurzurlaub mit all den Korrupten und Verrückten. Aber vielleicht ist es auch Miert, der diese schwachen Charaktere geradezu magisch anzieht.

Über den Inhalt dieser 200 Seiten starken Geschichte gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Im Grunde eine Detektivgeschichte, wie wir sie kennen. Ein oder mehrere Tote, ein paar verdächtige Gestalten, eine Frau in Nöten und natürlich der Mittelpunkt, der Held oder wie es in diesem Genre ja mittlerweile üblich ist, der Antiheld. Die Handlung ist nicht unbedingt mitreißend, aber bei diesem Buch geht schließlich auch nicht darum. Es geht um die Figuren, bzw. um den unerhört ambivalenten Charakter Miert.

Das unten ist ein Foto von meinem „Prinzessin Rauschkind“ Buch. Die vielen blauen und gelben Zettelchen, die ihr da seht, sind Markierungen. Meistens sind es die Gedankengäng Mierts, die mich anhalten lassen im Lesefluss. Da mischen sich hoch philosofische Betrachtungen mit Beschreibungen der Hoffnunglosigkeit. Pessimisteln auf hohem Niveau. Manche Formulierungen liegen mir schwer im Magen.

[…] Das Klima im Oktober verführte zur Harmonie. Die wenigen Selbstmörder in diesem Monat waren besonders verwirrte Gemüter, die uns dann im Winter als arme Seelen heimsuchen und unseren Kaffee und unsere Herzen bitter machen würden. […] Bei Schlägereien auf Oktoberfesten traf es oft die Milz, die gern mal platzte und als eigentlich überflüssiges, aber fatales Organ die Arbeitsplätze von Notfallsanitätern, Chirurgen und Bestattern leidlich sicherte. Im Oktober trieben die Hoffnungen der Toren aus wie alte Kartoffeln in einem dunkel-muffigen Keller. Die weißglänzenden Triebe würden sich aber nie in gute Erde bohren können, nur in schwarzen Winterschimmel. […] Im Oktober schliefen die blutjungen, ungewaschenen Mädchen mit alten, in teuren Düften gebadeten Männchen und spuckten ihnen post festum halbverdauten Dosen-Prosecco in die glattrasierten Gesichtern. […] S.53/54

 

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Ein wenig Sorgen macht er mir schon, dieser Miert. Ich kann mir einfach keinen Reim auf ihn machen. Nach eigenen Angaben ist er ein normaler Verlierer, ein grobschlächtiger Kerl mit großen Händen, der in einem abbruchreifen Haus, in einem der eher vernachlässigten Viertel von Harland lebt. Er zitiert aus dem Steggreif Kirchenlieder auf Latein, kennt sich mit Weinen und antiquarischen Büchern aus, ohne etwas nachzuschlagen oder lange zu überlegen. Seine Ansichten sind düster, wenn nicht gar schwarz und er nimmt die Grausamkeiten um ihn herum mit einer nicht ganz glaubhaften, aber dennoch gut geübten Gleichgültigkeit hin, gibt aber sein letztes Hemd für eine Klientin, von der er keine Vergütung erwarten kann, auch nicht, wie sagt man, in Naturalien. Nicht dass er daran Interesse hätte, denn er ist in den Tiefen seines überraschend großen Herzens auch noch ein Gentlemen. Jemand wie ihn kann es doch nicht wirklich geben. Er scheint mir, bis hin zu den Unperfektheiten einfach zu perfekt.

Seine Anschauungen und Gedankengänge tragen mich durch das Buch. Versteht mich nicht falsch, die Handlung ist nicht langweilig oder banal, aber es ist Miert, der die Geschichte zu etwas Besonderem macht. Einem guten Buch muss ich Glauben schenken können, oder es muss mich mit einem hinreißendem Lesevergnügen von Ungereihmtheiten ablenken. Hier bin ich nicht sicher, ob der Charakter nachvollziehbar ist oder ich einfach schon zu sehr in Schubladen denke. Nach Jahren eines Lebens umgeben von Trostlosigkeit, Kaltblütigkeit und Eigenutz ist es ihm gelungen sich selbst davor abzuschotten und nicht zu dem zu werden, was ihm täglich umgibt. Ist soetwas möglich? Ich lasse das so stehen und bitte euch selbst zu entscheiden. Also lesen!

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One Response to “Manfred Wieninger – Prinzessin Rauschkind ****(4/5)”

  1. Thomas Says:

    Ein großes Buch und ein großer Charakter! Du hast vollkommen recht wenn du behauptest, dass die Story die zweite Geige spielt. Ich habe sie längst vergessen aber die Hauptfigur nicht. Ich denke, den Miert gibt es wirklich … jedenfalls ist er mir irgendwie vertraut. Deshalb habe ich das Buch auch nicht weglegen können, sondern gleich noch einmal gelesen …

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