Erschrick nicht, ich will doch nur heiraten

23. Sep 2010

Oder 

Danke Mutti!

Für alle die nicht gern am Bildschirm lesen, habe ich hier eine PDF zum Download

Chris hält mir einen Blumenstrauß vor die Nase und lächelt mich schüchtern an.
Die sind für dich Cordula.“ 

Offensichtlich!
Ich bekomme Blumen und er grinst? Oh…
Ich bin vorsichtig verunsichert. 

Mit einer trockenen, vollkommen unschuldigen Miene teilt er mir mit: „Wenn du dich an den Anblick der Blumen gewöhnt hast, kannst du dich in 2 Wochen ganz und gar auf meinen Antrag konzentrieren. Lass dir Zeit zum Nachdenken.“ 

Wie umsichtig von ihm. So komme ich nicht auf die Idee, aus einem Impuls heraus eine Dummheit von mir zu geben. Zum Beispiel etwas wie:
NEIN!….?“ eine eloquentere Erwiderung fällt mir spontan nicht ein. 

Oberhalb meiner Augenbrauen, die gerade ihren Überraschtsein-Hochsprungsrekord gebrochen haben, ist alles taub. Ich befürchte, es ist ein Hirnschlag. Aber da ich mir darüber noch Gedanken machen kann, ist wohl nichts schlimmeres zu befürchten. 

Ich kenne Chris nun seit einem Jahr und war bis vor 4 Monaten noch mit seinem besten Freund verlobt. Seit 8 Wochen wohnen wir zusammen. Mehrere Nächte probte ich im Schutze seines wohlklingenden Geschnarche „Ich liebe dich.“ zu sagen. Vor wenigen Tagen ist es mir sogar gelungen, ohne meine Zunge zu verschlucken. Wenn eine Beziehung eine Reise wäre, hatte ich meine Koffer gepackt und war bereit für den Bus. Aber Chris hatte vor mit einem Spaceshuttle zum Mond zu fliegen. 

Nein!… bist du irre?“ Ich zweifle ernsthaft an seinem Verstand und sein Grinsen macht mir langsam Angst. 

Lass dir ruhig Zeit mit deiner Antwort. Achja, Cordula .. ich werde dich nur einmal fragen. Du kannst natürlich nein sagen…aber….“
Er legt mir die Blumen, derer ich mich bisher verweigert habe, in die ausgestreckten Arme, was es mir unmöglich macht, ihm an den Hals zu gehen, um ihn zu würgen, nur ein wenig. So ein ganz kleines bisschen, damit er weiß, wie es ist, wenn einem vor Schreck die Luft weg bleibt. Es soll ja Menschen geben, die nur durch Erfahrung am eigenem Leib dazu lernen.
Dann stolziert er einfach davon und ich kann ihm nur sprachlos hinterher starren.
Dieser Sadist. 

Die nächsten 2 Wochen verbringe ich damit, ihm zu erklären, dass er den Verstand verloren hat. Ich wäre faul, unordentlich, eine Zicke, chaotisch, neurotisch, unausgeglichen, fett, nervtötend, naiv, geistig instabil, krankhaft neugierig und was mir sonst noch so an schlechten Eigenschaften einfällt, nur um ihn von diesem unfassbar dummen Plan abzuhalten, mir einen Antrag zu machen. Diese wunderbaren Seiten an mir sollte er eigentlich erst später und vor allem Stück für Stück kennen lernen. Aber besondere Situationen erfordern kreative Lösungen. 

So mal unter uns. Eigentlich gibt es ja keinen Grund ihn nicht zu heiraten. Er ist süß und wirklich zuverlässig, sein Humor haut mich lachend aus den Schuhen und meine Eltern lieben ihn. Irgendwas muss faul an ihm sein und solange ich nicht weiß, welche unerträgliche Macke er vor mir verheimlicht, kann ich ihn nicht heiraten. Aber dieser hinterhältige Wicht droht ja, dass er mich nie wieder fragt, wenn ich nein sage. 

Das ist wirklich unerhört! 

Ich bin emanzipiert. Ich glaube, die Hausarbeit gehört geteilt, in der Eisdiele darf ich mit den süßen Kerlen flirten und ich werde meine Arbeit nicht aufgeben, weil er ein Kind möchte. Aber ich erwarte, dass um meine Hand angehalten wird. Wo kommen wir denn da hin? 

Ein Plan muss her, doch im Pläne machen und strukturiert ein Ziel verfolgen, bin ich nicht sehr gut. Bisher hat das Spontan-sein immer gut geklappt, wenn nötig mit einem Wimpernklimpern, doch das hilft mir hier nicht weiter.
Es bleibt mir nicht anderes übrig, als es mit Ernsthaftigkeit zu versuchen: „Dir ist klar, dass diese Idee totaler Unsinn ist? Es ist viel zu früh. Wir wissen doch gar nicht, ob wir es zusammen aushalten.“ Oder probiere es mit wütenden Drohungen „Ich werde Nein sagen. Ich sage ganz sicher nicht Ja, ich will.“
Es ist wirklich anstrengend, die Stimme ständig mit diesem zickigen Unterton dramatisch zu untermalen. „Und ICH frag dich nicht, ob wir heiraten. Wenn du mich jetzt fragst, dann sag ich Nein. Und wir werden nie heiraten.“ 

Ich bitte und bettle. „Chris bitte, du kannst mich jetzt nicht fragen, du darfst das nicht. Ich weiß doch gar nicht, was ich will. Bitte, das kannst du mir doch nicht antun.“ 

Er lächelt nur und erklärt entspannt „Wir werden sehen. In 2 Wochen frag ich dich.“ Seine ruhige Selbstsicherheit macht mich wahnsinnig. Er hat Spaß an dieser Folter, das sehe ich ihm an und er nennt das auch noch Liebe

Das ist Irrsinn. Wie sollte ich das meine Eltern erklären? Meine Mutter hat doch gerade erst den letzten Verlobten von der Weihnachts- und Geburtstagsliste gestrichen. 

Anderthalb Wochen später bin ich am Ende mit meinem Latein und ihm sind seine Mundwinkel anscheinend an den Ohren festgewachsen. Diesen sadistischen Zug hatte ich an ihm bisher gar nicht bemerkt. 

Wohin geht’s denn?“ Ungeduldig setze ich mich ins Auto. 

Das wirst du schon sehen, es ist eine Überraschung.“ Erstaunlicherweise quält er mich heute nicht mit diesen zärtlich, einfühlsamen Statanslächeln. 

Hatte ich vergessen, ihm zu erzählen, dass ich keine Überraschungen mag? 

Es ist heiß, furchtbar schwül, mir ist schlecht und ich habe meine Tage. Und der Witzbold neben mir denkt, es ist lustig, mir mit einen Antrag zu drohen. Ich habe furchtbar schlechte Laune. Irgendjemanden wird heute schrecklich leiden. Heißt es nicht in diesem kitschigen Treueschur „In guten wie in schlechten Zeiten?“ Dann teile ich heute schlechte Zeiten… aus. Dann weiß er wenigstens, was da auf ihn zu kommt. 

Während ich ihn von der Seite anstarre, lasse ich mir Bestrafungen für ihn einfallen. Ich könnte ihn ins Koma kitzeln, das würde sich auch nur schwer nachweisen lassen. 

Der Juwelier vor dem ich stehe, als ich aus dem Wagen aussteige, wirbt in seinem Schaufenster für Eheringe. Das ist nicht sein Ernst. 

Da gehe ich nicht rein“ motze ich los, doch mein Freund ist schon hinter den verdunkelten Glastüren verschwunden. „Mist.“ 

Meiner miesen Stimmung zum Trotz begrüßt Chris den Verkäufer ausgelassen, welcher uns sofort als junges Paar erkennt und große Schmuckschubladen hervor holt. 

Ich heirate dich nicht“ rufe ich dieser Ausgeburt der Hölle mit Vollbart entgegen, der sich völlig unbeeindruckt beraten lässt. 

Also mir gefallen diese hier“ erklärt er unbestimmt in den Raum. 

Das leise knirschende Geräusch sind mein Zähne. 

Ein Blick an seiner Schulter vorbei erklärt seinen hinterhältig freundlichen Gesichtsausdruck. Natürlich hat er sich zielsicher die hässlichsten Ringe ausgesucht. Solche protzigen Glitzernden mit verschnörkelten Rankenverzierungen, wahrscheinlich steht innen sogar ein elfischer Treueschwur. 

Der verunsicherte Verkäufer starrt mich fragend an, ein professionelles Lächeln ins Gesicht geschraubt. 

Also wenn überhaupt…“ ich überfliege die Auswahl „… dann diese hier, die sind hübsch.“ Sicher ist sicher. Ich traue ihn glatt zu die häßlichen Dinger zu kaufen, nur um mir eine Lektion zu erteilen. 

Abgemacht.“ 

Moment, das ging zu schnell, doch der Mimik meines Freundes ist nichts zu entnehmen. Wir sehen uns in die Augen, wortlos. Warten beide den nächsten Zug des Gegners ab. 

Der Verkäufer wittert wohl, dass das Geschäft noch nicht besiegelt ist und beginnt mit seiner Verkaufsmasche. „Eine gute Wahl, mattgold, schlicht mit wunderschönen….“ 

Die Luft im Geschäft steht, dafür rast mein Puls. 

„… und es ist Platz um einige kleine Edelsteinsplitter einzulassen. Zum Hochzeitstag oder für jedes Kind...“ 

Kind? Das Rauschen in meinen Ohren kommt bestimmt von einem Hörsturz. Hat er wirklich Kind gesagt? Ich bin 22! 

Mir ist schlecht.“ Ganz plötzlich dreht sich alles und ich hab das Gefühl zu ersticken.
Ich muss hier raus.“ Auf den Weg an die frische Luft registriere ich, dass mein Davonrauschen wenigstens geschafft hat, was all das Meckern und Drohen nicht erreichen konnte. Chris feixt nicht mehr. 

Dafür kuckt der arme Juwelier ganz erschrocken. Von mir kann er kein Mitleid erwarten. Ich sagte ja, dass jemand büßen wird. 

Mach doch, was du willst.“ Dieser jammernde Unterton zerstört einen bisher filmreifen Abgang. Ich weiß einfach nie, wann ich den Mund halten muss.
Panisch verlasse ich das Geschäft. 

Nervös starre ich auf die Uhr. Am liebsten hätte ich jetzt eine Zigarette, aber das Zeug bringt mich nur langsam um und ich brauche jetzt eine schnellere Lösung. Sollte man sich kurz vor einen Heiratsantrag so fühlen? Wenn ich an all die wunderbaren Anträge denke, die ich aus Filmen und dem Fernsehen kenne, fühle ich mich betrogen. 

Ich hätte trotzdem gern eine Zigarette.
Vor ein paar Wochen habe ich alle Schachteln in den Mülleimer geworfen und erklärt, dass ich mit diesem Zeug aufhöre. Seitdem macht das Rumknutschen gleich noch mal so viel Spaß. Ich konnte ja nicht wissen, dass ich schon so bald einem Nervenzusammenbruch nahe bin. 

Chris hatte schon vor einer halben Stunde Feierabend und heute ist „In zwei Wochen.“ Leider ist es mir nicht gelungen, ihn von seinem aberwitzigen Plan abzubringen. Heute morgen gab er mir ein Küsschen auf die Nase und verschwand mit einem „Bis heute Abend, Schatz.“ und einem Glitzern in den Augen, für das ich ihn gern geohrfeigt hätte, aber er war zu schnell für mich. Er ahnte wohl, was ihn erwartet, wenn er zu lange in meiner Reichweite bleibt.
Manchmal hat er solche empathischen Anwandlungen und ist in der Lage in meinem mürrischem Gesichtsausdruck zu lesen wie in einem Buch. Die zusammengekniffen Augen und die gefletschten Zähne müssen ihm einen Hinweis gegeben haben. 

Ich kucke auf die Uhr, schon wieder. Wo bleibt der nur? 

Den ganzen Tag hatte ich nichts besseres zu tun, als darüber nachzudenken, wie ich mich entscheiden soll. Ob der Mistkerl eigentlich weiß, was er mir damit antut? Warum zum Geier hat er mich nicht einfach gefragt? 

Gestern bat ich ihn, mir zu erklären, warum er den Antrag denn unbedingt schon jetzt machen muss.
Nenne mir 5 Gründe, warum du mich heiraten willst.“ forderte ich ihn auf, in dem Glauben, dass ich als intelligente Frau die Kraft der psychologischen Kriegsführung beherrsche und ich ihn damit in die Knie zwingen kann. 

Die Nacht war furchtbar heiß und wir lagen auf einer Matratze auf dem Balkon, laute Musik dröhnte vom Stadtfest zu uns herüber.
Erstens?“ hartnäckig half ich ihm auf die Sprünge.
Erstens wegen der Steuern.“ 

Bamm! Poff!
Querschläger mitten in mein Ego. Ich erinnerte mich daran, dass ich ihn liebe und Schlägen nur innerhalb bestimmter erotischer Situationen angebracht sind. Von Erotik bin ich gerade kilometerweit entfernt, trotz seines anzüglichen Blicks. 

Schweigend durchbohrte ich ihn mit meinem tödlichen Blick, ein Auge weit aufgerissen, das andere nur einen Spalt weit offen, die Augenbrauen bildeten eine eindrucksvolle Falte zwischen sich und die Lippen hatte ich aufeinander gepresst. Wahrscheinlich sah es eher so aus, als müsste ich niesen oder er hat Gefallen an diesem Spiel gefunden, denn er machte unbeirrt weiter. 

Zweitens wegen der Versicherungen …
Drittens begünstigen die Erbschaftsgesetze Ehepartner
…“ 

Planst du in absehbarer Zeit zu sterben? Bist du totkrank?“ Das würde einiges erklären. Ein Tumor kann die Persönlichkeit eines Menschen drastisch ändern. Allerdings, wenn er weiter so einen Müll erzählt, wird die Todesursache nichts klinisches sein, sondern eine straßenköterblonde Frau in einem riesigen rosa Shirt mit Mäusschen drauf. Mord im Affekt. Wenn die Richterin eine Frau ist, komme ich damit vielleicht durch. 

Viertens…“ unterbrach er meinen aufmunternden Gedankengang. „ … brauch ich mir dann endlich keine Sorgen mehr wegen deiner Mutter zu machen….“ Oh, danke Mutti!. Trotz meiner Wut brachte er mich mit dem Gedanken an meiner Mutter zum lachen. Gut, ich wollte ihn noch nicht aufgeben, einen Versuch hatte er ja noch. 

Fünftens, weil es mit dem Namen einfach praktischer ist. Telefon, Mietvertrag und so weiter….“ 

Ich beiß ihn, ins Ohr, das tut sicher weh. Es gibt da zwar eine schmerzhaftere Stelle, aber da komme ich gerade nicht ran und er kommt sicher nur auf dumme Ideen. 

Meine Finger trommelten auf dem Boden. Ich zählte langsam von 10 rückwärts. In den Krimis mit den bulligen Detektiven half es ja auch… also manchmal jedenfalls. 5…4…3…Atmen… 2… 

Ach ja und weil ich dich liebe, natürlich.“ 

Schmerzen soll er erleiden, aus vielen Wunden soll sein Blut fließen, in der Hölle möge er auf ewig schmoren, aber ersteinmal musste ich ihn küssen. Sofort! 

Wenn ich an die gestrige Nacht denke, muss ich wieder lachen. Er nimmt mich nicht ernst. Genau aus diesem Grund liebe ich ihn. Ich selbst nehm mich schon ernst genug. 

Trotzdem, wenn ich mir versuche vorzustellen, wie ich „Ja“ sage, ertönt in meinem Kopf dieses furchtbare Tröten und etwas schreit laut „Nein… nein nein nein .. nein“ bis ich merke, dass ich das bin. Vor 4 Monaten war ich noch mit jemand anderem verlobt. Ich dachte, dass ich diesen Menschen heiraten wollte, dass ich ihn liebe und meine Zukunft mit ihm teilen werde. Ich hatte mich geirrt, furchtbar geirrt und auch wenn ich Chris schon eine ganze Weile kenne und er mir in vielen Situationen beigestanden hatte, ist diese ganze Heiraten-Sache viel zu früh. Was, wenn ich mich wieder irre? Es kann so unglaublich viel schiefgehen. 

Aber wenn ich mir so sicher bin, dass ich nicht Ja sagen möchte, warum bin ich dann so durcheinander. Einfach Nein sagen und gut ist. Ist nicht so schwer. Dieses Wort habe ich schon unzählige Male gebraucht. Nein, dein Schnarchen war nicht zu laut. Nein, ich möchte den Wachturm nicht lesen. Nein, heute habe ich keine Lust aufs Joggen. Nein, ich sammle keine Bonuspunkte. An dem Wort an sich kann es also nicht liegen. 

Diese lebensverändernde Entscheidung zu treffen, ich bin schlicht und ergreifend noch nicht bereit. Ich hab Schiss, ganz einfach. 

Das Geräusch der Tür dringt durch das konfuse, halblaute Streitgespräch mit mir selbst und mein Herz macht einen Satz. Der Strauß dunkelroter Rosen, den Chris in der Hand hält, ist beeindruckend und verschwenderisch. Liebevoll strahlt Chris mich an, so voller Vorfreude und souverän. 

Liebsten möchte ich vom Balkon springen. 

Chris nimmt meine Hand. 

Schatz nicht, bitte…“ Aber sein Blick lässt mich verstummen. 

Er geht in die Knie und ich gebe ein verzweifeltes Fiepen von mir. 

Cordula, ich liebe dich, ich möchte mein Leben mit dir verbringen. Willst du meine Frau werden?“ 

Mein Herz ist völlig durcheinander, einerseits möchte es zu einer Pflaume zusammen schrumpeln vor Angst, andererseits will es sich ausdehnen und diesen hinreißenden Mann mit einem Haps verschlingen. 

Tröööööööööööööööööööööööööööööööööööööööt. 

N… N…N…
Meine Zähne schlagen aufeinander, weil ich versuche nein zu sagen. Ich versuche es wirklich. Alles andere ist Wahnsinn und völlig unlogisch. Wenigstens ich muss vernünftig bleiben und Nein sagen. Noch mal kurz Luft holen, jetzt muss ich etwas sagen. 

Ja“ 

Wir sind beide überracht von diesem winzig kleinen, nur zaghaft gehauchtem Ja. Verblüfft starren wir uns für einen Augenblick an, dann werden mir die Knie weich. Das ist so ein dolle kitzschiger Sonnenaufgangs-Liebesroman Moment, in dem die Frau mit zittrigen Knien in den starken Armen des Mannes liegt, den sie liebt und sich die beiden tief in die Augen blicken. Hach, manchmal ist es einfach so. 

Hochzeitsvorbereitungen. Ja ich weiß, es gibt Frauen, die beginnen damit schon, wenn sie das erste Mal ihre Periode bekommen. Ich nicht. Um ehrlich zu sein, hatte ich in meiner bisherigen Lebensplanung noch keinen einzigen Gedanken daran verschwenden. Und das obwohl ich jetzt schon das zweite Mal verlobt bin. 

Oh Gott, Ich bin verlobt!
Ich kann immer noch nicht fassen, dass ich Ja gesagt habe. 

Doch nun, da ich zu einer Entscheidung gekommen bin, habe ich es eilig. Warum noch warten, wenn ich mir sicher bin. Nicht, dass meine Zweifel alle verschwunden sind, doch ich weiß nun, dass ich mit allem umgehen kann, was im Laufe der Zeit an Macken und Schwierigkeiten auftauchen werden, und dass ich gewillt bin Kompromisse einzugehen oder eben meinen Willen durchzusetzen, zu seinem Besten natürlich. 

Die Planung der Trauung möchte ich somit schnell und effektiv angehen. Am besten ich mache eine Liste: 

  • Ich brauche ein Kleid.
    Praktischerweise kann ich das selbst nähen. Ich gebe doch keine hunderte oder gar tausende Euros für etwas aus, was ich nur einmal trage.
  • Und Schuhe… oh ich hasse Schuhe kaufen.
  • Wir brauchen einen Termin,
  • Blumen,
  • Einladungskarten,
  • eine Torte…
  • …..

Schon jetzt habe ich keine Lust mehr, aber meine Mutter bringt mich um, wenn sie keine festlichen Fotos von diesem Ereignis im Leben ihrer Tochter machen darf. 

Ich springe erschrocken auf und greife zum Telefon.
Meine Mutter! Oh Mist. Der sollte ich vielleicht Bescheid sagen.
Oder vielleicht besser doch nicht. Am Telefon ist das zu unpersönlich und nächste Woche kommen meine Eltern mich besuchen, um mit mir Geburtstag zu feiern, dann sage ich es ihnen. 

Chris ist schon ganz nervös deswegen. Aber ich kann mir ein wenig Schadenfreude nicht verkneifen. Er noch immer ein wenig Angst vor meiner Mutter, aber mit ihren ersten Worten zu ihm, hat sie mal wieder den Vogel abgeschossen. 

Ich war noch mit Thomas zusammen und Chris war unser bester Freund. Hilfsbereit, zuverlässig, lustig, niedlich. Im Gegensatz zu Thomas, der eher ein Einzelgänger war, konnte man mit Chris so schön knuddeln. Bei ihm fand ich die Zuneigung, die Thomas mir nicht geben konnte. Eins führte zum anderen. Und obwohl ich mich gerade erst mit Thomas verlobt hatte, küsste ich Chris. Ich konnte es nicht erklären, aber plötzlich schlug mir mein Herz bis zum Hals und meine Gefühle spielten verrückt. Ich war verliebt. In beide Männer. Was sollte ich nur tun?   

Meine Mutter und ich haben ein tolles Verhältnis. Wir können über alles reden und so rief ich sie an, um mit ihr über diesen Kuss zu sprechen, und dass ich nicht wusste, was ich nun tun soll. Wenn eine Dramaqueen wie ich und eine emotionale Glucke zusammen über Gefühle reden, artet das meist in Chaos aus. Bald hatten wir uns heiß gequasselt. Immer diese Männer, die den Mund nicht aufkriegen. Alles muss man ihnen aus der Nase ziehen. Der eine steht morgens eine Stunde früher auf, weil er seine Ruhe braucht und der andere, mit seinem Dackelblick, knutscht rum und verschwindet dann ohne ein Wort. Dass Chris in diesem Moment vorbei kam, war keinem wohlwollendem Schicksal verschuldet. 

Meine Mutter sagte nur „Gib ihn mir mal.“ Nichtsahnend gab ich ihm den Telefonhörer. Was würde sie ihm schon erzählen wollen. Vielleicht fragte sie ihn, was ich mich nicht traute, was dieser Kuss bedeutete. Ich war so naiv. 

Dann wurde Chris blass. 

Was ist los?
Doch er hielt mir den Hörer nur entgegen und ging. Aus dem Zimmer, aus der Wohnung. 

Was hast du gemacht?“ fragte ich meine Mutter verunsichert.
Nichts!“ wiegelte sie scheinheilig ab. 

Natürlich, und Chris war gerade siedendheiß eingefallen, dass er vergessen hatte seine Unterhosen anzuziehn. Mhm. 

Chris war weiß wie Kreide. Du hast ihn doch nicht runtergeputzt, Mama?“ 

Sie stotterte „Ich sagte wohl… was hast du mit meiner Tochter gemacht, ich komm dir mit nem Messer.“ 

WAS hast du?“ Die hatte wohl zu viele Seifenopern gesehen.
Ich sagte wohl…“
Mit offenem Mund starrte ich ungläubig auf den Telefonhörer. 

Ja, ich hab gehört, was du gesagt hast, aber WARUM?“ 

Ich hab keine Ahnung, du warst so durcheinander und ich dachte… also ich wollte….“ Wenigstens war sie sich der Absurdität ihrer Worte bewusst. 

So langsam dämmerte es mir, von wem ich den Wahnsinn vererbt bekommen hatte. Danke Mutti! 

Glücklicherweise war Chris doch irgendwann wiedergekommen. Ich versuchte mein Bestes ihn davon zu überzeugen, dass es meiner Mutter leid tat und sie diese Drohung ganz bestimmt nicht ernst gemeint hatte. Son Frauending halt, das ist vorrübergehend, er braucht sich wirklich keine Sorgen machen. 

Schlußendlich hörte ich, wie man so schön sagt, auf mein Herz. Nachdem ich bei ihm eingezogen war, zögerte er den ersten gemeinsamen Besuch bei meinen Eltern immer wieder mit abstrusen Entschuldigungen hinaus. Und auch wenn die drei mittlerweile ein Herz und eine Seele sind, hat sein Blick hin und wieder etwas von einem gehetztem Hasen, wenn es um meine Mutter geht.
Hauptsache ich habe etwas zu lachen und wenn das nicht lustig ist, weiß ich es auch nicht. Mittlerweile traut sich mein Schatz auch in die Küche meiner Mutter, ganz nahe an die Messer. Geht doch. Danke Mutti! 

Cordula, Konzentration, deine Liste.
Ich klappere mit dem Stift auf dem Tisch. 

  • das Essen
    Wir gehen sicherlich ins Adriatik, das beste Restaurant in Papenburg.
  • Standesamt
    ich würd so gern auf dem Schiff heiraten. Ein bisschen Romantik kann bei einer Hochzeit nicht schaden.

So eine Hochzeit zu planen ist wirklich anstrengend und in den letzten Wochen habe ich kaum etwas anderes im Kopf als Sitzordnungen, Menüabläufe und Blumendeko. Das schlimmste sind die Gäste. Die einen wollen kein Hühnchen, die anderen essen nur Gemüse.
Eine Geschenkeliste? Muss ich hier denn alles eine machen? Strengt euren Kopf an. Warum fragt mich eigentlich jeder zweite, ob wir uns über ein Geschirr freuen würden? Gab es irgendwo einen Ausverkauf?
Oh und weil ich anscheinend die Vorbereitungen mit links machte, dachte sich mein liebenswürdiger Gatte in spe, er erhöht das Schwierigkeitslevel und kaufte für uns ein Haus. Zweifelsohne eine grandiose Idee. Beim Wändestreichen kann ich am besten nachdenken. Woher wusste er das? Wohl wieder einer dieser empatischen Momente. 

Meine Eile kam mir jedoch zugute, da viele der entfernten Verwandten und Bekannten nun eine gute Ausrede hatten, warum sie das Brautpaar nur mit einem gefüllten Umschlag aus der Ferne segneten anstatt mit ihrer Anwesenheit.
Oh schnöder Mammon, du bist mir in jeder Form willkommen, auch wenn man dich zu Origamiübungen misbraucht oder zur Tarnung an Grünpflanzen hängt. 

Für einen Junggesellinnenabschied hatte ich keine Zeit und ehrlich gesagt bin ich nicht der Typ sich mit gackernden Weibern zu betrinken. Eigentlich konnte ich einfach niemanden zu einem Karaokeabend überreden. Nichts macht mehr Spaß als sich bis auf die Knochen zu blamieren und … ähm, sich mit gackernden Weibern zu betrinken, solange ich dabei in ein Mikro singen darf.
Aber ich wollte Chris eine Freude machen und telefonierte solange herum, bis ich genug Freunde aus seiner Schulzeit dazu bringen konnte, sich ein paar zotige und vulgäre Spiele auszudenken. Es muss ein geselliger Abend gewesen sein, denn ich weiß nur, dass er jetzt Handschellen besitzt und er unsere Kondome mit Apfelgeschmack weggeworfen hat. Sehr aufschlussreich. 

Hochzeitsmorgen und die Stadt hat sich hübsch gemacht. Der Schnee verdeckt all den Dreck auf den Strassen und in diesem Moment kann ich wirklich glauben, dass es der schönste Tag meines Lebens wird. 

Der schönste, der schlimmste, wer wird denn so pingelig sein. Hauptsache ich bin verheiratet und ich werde das sicher nicht wiederholen. Einmal muss reichen. 

Cleo wollte sich um meine Haare kümmern. Schließlich will man sich für die eigene Hochzeit mal richtig aufbretzeln. Gestern gab sie mir Bescheid, dass es ihr zeitlich dann doch nicht passt, per SMS, wie man das heutzutage macht. Sie muss sich Winterreifen aufziehen lassen. Eine wichtige Angelegenheit, dass ist mir bewusst, soetwas kann man schlecht absagen. Mich beruhigt ungemein, dass sie es aber zur Feier am Abend schaffen wird und nun, dank Winterreifen, ja auch sicher ankommt. 

Glücklicherweise gibt es Freunde . Sinja organisiert mir auf die Schnelle einen Termin mit einem Frisörbetrieb in der Stadt. Anstatt also mit meiner Familie in Ruhe zu frühstücken, stehe ich um neun vor deren Tür. Die Trauung ist um elf Uhr, das sollte zu schaffen sein. Ich gebe zu, ich verbringe sonst nicht so viel Zeit vor dem Spiegel, weiß also nicht, was auf mich zu kommt. 

Der Laden hat keinerlei Kosmetika und so springt Sinja kurzerhand in ihr Auto und holt alles was man braucht, um hektischen Flecken verbergen zu können, aus ihrer Wohnung. Währendessen wäscht man mir die Haare und dreht sie kunstvoll auf eine unglaubliche Anzahl von Wicklern. Es ist fast 10 als meine Freundin wiederkommt und noch immer klammert sich trotzige Restfeuchtigkeit an meinen Haaren fest. Ich schaffe es nie zurück nach Hause und dann pünktlich zum Standesamt, aber mein Kleid hängt noch neben dem Schlafzimmerfenster am Kleiderschrank. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich hier umzuziehen und dafür muss Sinja nochmal los, das Kleid holen. Auf dem Weg kann sie dann gleich den Brautstrauß abholen. 

Am Telefon erkläre ich Chris meinen Plan B und aus den Hintergrund höre ich meine Mutter erzählen, dass ich schon immer überall zu spät gekommen bin. Danke Mutti! Das ist sehr hilfreich. Jemand, es klingt verdächtig nach meinem Vater, ruft lauthals nach einem Schnaps. Den könnte ich jetzt auch gebrauchen. Und Chris ist nicht gerade eine Hilfe. Er hat für heute einen dunkelroten Chevrolet gemietet und will damit partout nicht alleine zum Standesamt. 

Zurück fahren wir dann zusammen. Bitte Schatz, ich schaffe es ganz sicher nicht nach Hause, ich weiß nicht einmal, ob ich es pünktlich zum Standesamt schaffe.“ 

Uhh, das hätte ich besser nicht gesagt. 

Aus dem Stimmengewirr, welches sich in der allgemeinen Panik entwickelt, erfahre ich, dass mein Bruder sich der Kleiderordnung verweigert, die unsere Mutter ihm auferlegt hat und lieber mit der Kleinen von gestern abend noch eben schnell einen Kaffee trinken geht. 

Etwas panisch frage ich bei der netten Frisörin nach, ob man nebenan eine Flasche Hochprozentigen kaufen kann, aber ich darf nicht unter diesem dröhnenen Fönmonster weg, sonst wird mein Haar nie trocken. Ein paar Minuten später halte ich ein Wasserglas Wodka in der Hand. Leider ist es nicht voll, doch obwohl ich in dem Gesicht der Frisörin Mitleid erkennen kann, rückt sie ich nicht mehr heraus. 

Fingernägel knabbern kommt am Tag der eigenen Eheschließung auch nicht in Frage, also übe ich mich in Geduld, kaum erfolgreicher als ein hungriges Kind an der Süßigkeitenauslage. 

Glücklicherweise gewinnt die aggressive Hitze nun doch den Kampf gegen das Wasser und meine Haare sind trocken genug um sie fachmännisch auf meinem Kopf zu drapieren. Aus den anfänglich ausufernden Plänen der Coiffeuse ist angesichts der drängenden Eile eine schlichte Steckfrisur geworden. Ich bin erstaunt, was ein wenig Schminke und geduldiges Fingerspitzengefühl für Auswirkungen haben. Doch Zeit, um in meiner neu erkannten Schönheit zu schwelgen und der irrigen Hoffnung zu fönen, dass alles doch noch gut wird, ist mir nicht vergönnt. 

Sinja ist wieder da, mit dem Kleid und dem… 

Was ist das?“ Aufbrausend stürme ich ihr entgegen.“Nein, sag es nicht. Dieses Ding hat es nicht verdient mit den Wort Brautstrauß betitelt zu werden.“ 

Natürlich ist es nicht Sinjas Schuld und es ist nicht fair, sie deswegen anzuschreien. Sie kann ja nicht wissen, was mit der Verkäuferin des Blumenladens ausgemacht ist. Mehrfach musste ich mit dieser Frau telefonieren. Ich brachte ihr Stoffproben von meinem Kleid und etwas von dem Haarschmuck. Aber anstatt kleiner cremefarbener Röschen, welche vereinzelte Barkarole-Rosen umschließen , finde ich, von lila Packpapier umwickelt, grünliche Minirosen neben Feuerwehr farbenden Diskount Blüten. Die überbezahlte Vertretungskraft des Blumengeschäft, welche sich von nun an meinen immerwährenden Groll sicher sein kann, hatte es gerade eben noch geschafft, die dünne Schlaufen aus dem Kleiderstoff und die Rispen winziger Perlen, die jetzt dank der Stylistin auch in meinen Haaren unterbracht sind, irgendwie in den winzigen Biedermeierstrauß zu quetschen. 

Ein Blick auf die Uhr gemahnt mich jedoch zur Eile. Es ist leider keine Zeit, zu dem unsäglichen Geschäft zu fahren und der Hilfsangestellten mit Hilfe dieses Gebildes zu vermitteln, wie geschmacklos ihre Arbeit ist, indem ich sie jede Blüte einzeln schlucken lasse. Dann hätten die Dornen, die sich immernoch an den Stielen befinden, wenigstens eine nachhaltige Aufgabe. 

Sinja und die Frisörin versuchen zu verstehen, warum ich mich gerade jetzt in einen Wutanfall hinein steigere. Ein weiteres, weniger gut gefülltes Glas Wodka lässt meine Wangen jungfräulich erröten und mich etwas gelassener werden. 

Ich bin in knapp 2h verheiratet, dann werf ich das Ding sowieso weg.“ brabbel ich reichlich unartikuliert und auf einem Bein hüpfend, weil ich versuche mich in diese elende Strumpfhose zu quetschen.In meiner Vorstellung war das mit dem Heiraten weit weniger kompliziert. 

Die Ehe ist wie ein gemeinsames Konto, in guten Zeiten zahlt man ein, mit kleinen Aufmerksamkeiten und liebevollen Worten und ein Streit wird dann wieder abgebucht. Wichtig ist, dass die Eheleute den Saldo im Plus halten.“ 

Meine Hand tastet nach der von Chris. Stur richte ich meinen Blick auf den ernst blickenden Standesbeamten, denn wenn ich auch nur einen Muskel in den  Mundwinkeln meines Freundes zucken sehe, platze ich womöglich vor Lachen. Bankgeschäfte als Inhalt einer Rede für eine Eheschließung. Ich wollte es romantisch, aber wir wollen es bitte nicht übertreiben. Die Ehe ist schließlich keine All-inclusiv-Kreuzfahrt. Sondern ein Bankkonto, ohne Dispo, versteht sich.

Wenn er jetzt noch sagt, dass die Macken der jeweiligen Partner als Kontoführungsgebühren monatlich abgezogen werden, dreh ich durch. 

Eine dumfe Erinnerung dämmert mir. Diese Rede hatte ich schon gehört. Chris war mit mir auf der Hochzeit seines Arbeitgebers vor einem Jahr. Schon damals konnten wir beide uns kaum zusammenreißen. Ist es wirklich zu viel verlangt, dass er sich etwas neues für eine solche Zeremonie ausdenkt? Individualität kostet wohl extra. 

Wenigstens konnte ich mich seinerzeit in der Enge der Gäste verstecken, dass ist heute nicht möglich. Wir sitzen auf dem Präsentierteller und alle starren uns an. 

Unglücklicherweise nicht alle. Eine Person kramt geräuschvoll in ihrer Tasche. Dann höre ich sie flüstern. 

Hast du die Kamera? Hast du sie? Mensch, dann mach doch ein Foto.“ 

Meine Mutter.

Mach jetzt bitte ein Foto, ja jetzt. Warum denn nicht?“
Sie hat circa 15 Fotoalben zu hause, diverse Kisten unsortierter, auf Papier gebannter Erinnerungen und ein riesiges Einweckglas nicht entwickelter Filme. 

Du nimmst jetzt die Kamera und machst ein Foto von der Trauung deiner Tochter.“ 

Erste verkniffene Kichergeräusche durchbrechen die Stille, die bisher hinter uns herrschte. 
Der Standesbeamte redet unberührt weiter.
In schlechten Zeiten, wenn das Ehekonto im Dispo steckt, muss besonders hart an den Einzahlungen gearbeitet werden. Schenken sie sich doch morgens mal ein Lächeln. Denken sie daran, dass sich in ungesagten Dinge unerwartete Zinsen verstecken.“
Oh doch mit Dispo, jetzt interessiert mich aber der Zinsatz, ich muss doch wissen, ob ich mir einmal fremdgehen leisten kann.

Mein Bruder haut sich ungeniert vor Lachen auf die Schenkel.
Anscheinend hatte er sich gegen die modischen Interventionen unserer Mutter nicht wehren können, denn unter seinem neuen Pullunder trägt er ein strahlend weißes Hemd. Seine emotionale Unabhängigkeit bewahrt er sich nur durch die demonstrative Baseballkappe auf seinem Kopf, die er auch während der Zeremonie nicht absetzt, trotz der drohenden Blicke unserer Mutter. So heraus geputzt habe ich ihn noch nie gesehen. 

Endlich blitzt eine Kamera auf und meine Mutter murmelt unüberhörbar meinem Vater zu. „Du musst weiter rechts, noch weiter.“ 
Ein weiteres Blitzlicht. „Dass du dich aber auch immer so anstellen musst.“ 

Die anwesenden Gäste werden langsam unruhig, auch dem Beamten fällt etwas auf. Für einen Moment verlieren seine Augen den Kontakt mit seinen Notizen und er blickt irritiert umher. Doch schnell fasst er sich wieder. Ein Profi eben, durch und durch. 

Leben sie nicht auf zu großen Fuß und behalten sie immer die Ausgaben im Auge und ihren Glück steht nichts im Wege.“ 

Mit einem lauten Glucksen verliert meine Schwiegermutter die Kontrolle über ihr Zwerchfell und ihre Lachen verbreitet sich infektiös im Raum. Wenn diese unsägliche Rede nicht bald zu ende ist, kann ich für nichts mehr garantieren. 

Endlich findet der Beamte zu einem Schluß und berichtet, nicht ohne Stolz, dass ein Artikel aus der Zeitschrift „Der Spiegel“ ihn zu seinen Worten inspiriert habe. Nach Zustimmung suchend schaut er uns an. Meine Fingerknöchel sind ganz weiß, weil ich noch immer die Hand von Chris zerquetsche. Während der gesamten Trauung hat er nicht versucht sich aus der schmerzvollen Umklammerung zu befreien, kein Stöhnen oder Aufmucken. Hin und wieder streichelt er mir sogar  beruhigend über den Handrücken. 
Ich habe einen Helden geheiratet. 

Wir sind verheiratet! 

Vor Aufregung unterschreibe ich fast mit meinem alten Namen. Es wird eine ganze Weile dauern, dass ich mich daran gewöhnt habe. Cordula Georgy. 

Aber jetzt hab ich Hunger. Auf zur Party

Das Anschneiden der Hochzeitstorte ist ein wichtiger Brauch. Nicht etwa, weil man aus der Haltung der Hände angeblich absehen kann, wer in der Ehe das Sagen haben wird, sondern weil das Ehepaar vor der Torte das klassische Fotomotiv ist. Nebenbei möchte ich erwähnen, dass meine Hand oben liegt, aber das hat sicher nichts zu sagen. Wir stehen also vor dieser meisterhaften Torte, ein Geschenk eines Freundes. 

Das jedenfalls denken wir noch, aber ein paar Wochen später wird ein wutentbranntes Schwiegermonster auf mich zu stürmen. Nicht nur, dass wir keine Dankeskarten verschickt haben, desaströs, jetzt hat jener gewisse Freund sie darauf angesprochen, dass wir noch immer nicht die Torte bezahlt haben. Sie sei vor Scham im Boden versunken, was ich mir denn dabei denken würd, sie so zu blamieren. 

Nichtsahnend, was auf uns zukommen wird, blinzeln wir tapfer in das Blitzlicht, schwingen das Messer und versuchen glücklich auszusehen. Dieser Moment wird schließlich aus allen möglichen Perspektiven für die Ewigkeit festgehalten. Da muss man Erwartungen erfüllen, da geht’s nicht um das Knurren meines Magens. 

Noch immer geblendet von dem kurzfristigen Einblick in die Welt der Models, versuche ich das erste Tortenstück gekonnt auf einen Teller zu schubsen, als ich lautes Geschnatter im Hintergrund hören kann. 

Meine Zähne klammern sich von innen um meine Unterlippe. „Das kann sie nicht tun.“ 

Sie kann. Und sie ist wild entschlossen.

Habt ihr die Torte etwa schon angeschnitten?“ Mein Mutter bahnt sich ihren Weg durch die verwunderte Menge. „Aber ich hab noch gar kein Foto gemacht.“ 

Kurz durchdenke ich die verschiedenen Möglichkeiten. Diskutieren mit meiner Mutter hat sich in der Vergangenheit als ziemlich nervenaufreibend und langwierig herausgestellt und ich habe Hunger. Auf meinem Teller steht ein Stück Ananassahnetorte mit Marzipanüberzug. Und Schokoladenblättchen. Zartbitter! „Mama bitte.“ Zartschmelzende Bitterschokolade. 

Petra…“ 
Chris hatte geschworen seine Kraft nur für das Gute einzusetzen. Seine unsagbar beruhigende Stimme.
Ob es nun mein Gesichtsausdruck ist oder die beunruhigenden Geräusche aus meiner Magengegend, für ihn scheint es der richtige Zeitpunkt, sich einzumischen. Einen Versuch ist es wert. Bisher konnte niemand der Mischung aus sanftem Brummen, verständnisvollem Flüstern und langsamer Hypnotik widerstehen. Vielleicht… 

Nachdem wir die Torte wieder mit dem fehlendem Stück vervollständigt und die verräterische Narbe versteckt haben, sind wir und die Torte bereit vom meiner Mutter fotographiert zu werden. 
Diesmal liegt die Hand von Chris oben auf dem Messer. 
Meine Mutter bekommt ihre lebenslange Erinnerung und rettet damit wahrscheinlich auch noch unsere Ehe. Danke Mutti! 

Willkommen in der Familie, Schwiegertochter.“ Etwas unsicher auf den Beinen kommt mir mein Schwiegervater entgegen. Doch anstatt mir wie erwartet ein Küsschen auf die Wange zu geben, fällt er mir mit einem Grunzen ins Dekolleté, wo er schnarchend einfach liegen bleibt. Nach vielen Partyspielen, Tanzen, Essen, Trinken, den nervösen Streitereien der unverheirateten Pärchen und einem erstaunlich tiefsinnigen Gespräche mit meinem Vater, ist das ein glorreicher Abschluss dieses Tages. Langsam krabbelt das Glucksen die Kehle hinauf, um sich dann als befreiendes Lachen seinen Weg hinaus zu bahnen. Wir hatten es überstanden. Die Hochzeit haben Chris und ich überlebt. Vor uns liegt nun das gemeinsame Leben und jetzt kann uns sicher nichts mehr aus der Bahn werfen. 

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Fingerübung 

Muse Humanist: 

1. Nacht 2. Party 3. Freunde 4. Liebe 5. Zukunft

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6 Responses to “Erschrick nicht, ich will doch nur heiraten”

  1. teilzeitbuddhist Says:

    *kicher* Bin gespannt auf Schwangerschaft; Geburt,
    Trotzalter* uuuuuuuuuuuuund…………..

  2. Debora Says:

    Hahaa, ich l i e b e die Story! :DD

  3. Philipp Says:

    Ich fand die Geschichte toll 😀 Hat mich köstlich amüsiert! 😀 😀


  4. Es war mir ein Vergnügen deine Geschichte zu lesen.
    Danke!
    LG, auch an Chris,
    Marie

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