Jedediah Berry – Handbuch der Detektive ***(3/5)

02. Sep 2010

Das Buch ist ein Traum. Es ist mystisch, verworren, voller Bilder und Andeutungen und manchmal völlig unlogisch. Nach dem Aufwachen verlieren sich schnell die Details und irgendwie versuche ich zu verstehen, was der Traum bedeuten sollte. Also versuchen wirs es doch einfach mal mit einer Traumdeutung:

Ich träumte:

Charles Unwin kann man wohl zu recht den besten, zuverlässigsten und akkuratesten Schreiber der Agentur nennen, auch wenn er selbst dem wohl nicht zustimmen würde. Die Agentur ist eine Detektei und sorgt in Unwins Stadt für Ordnung und Sicherheit. Doch obwohl es sonst nicht seine Art ist, weicht er schon seit ein paar Tagen von seiner morgentlichen Routine ab und fährt vor der Arbeit zum Bahnhof, um sich dort einen schrecklichen Kaffee zu kaufen und von Weitem die Dame in dem karierten Mantel zu beobachten. Dort gerät sein Leben plötzlich völlig durcheinander, man befördert ihn zum Detektiv. Unwin, dessen höchster Ausdruck von Ausgelassenheit es ist, auf Socken durch seine Wohnung zu rutschen oder einen besonders passenden Titel für eine Fallakte zu finden, ist mit dem Gedanken überfordert. Er beschließt diesem Fehler nachzugehen und so schnell wie möglich zu korrigieren. Dabei stolpert er in immer erstaunlichere Situationen. Der Detektiv, für den er zuständig war, ist verschwunden, der Wächter ermordet, in dem Wanderzirkus, der nicht wandert gehen merkwüdige Dinge vor und bald ist auch die Stadt in einem Alptraum gefangen. Unwin muss in den Tiefen der Detektei suchen, um zu erfahren wo sich sein Detektiv aufhält, denn er hofft, dass er dann endlich wieder nur Schreiber sein kann. Begleitet wird Unwin von Auszügen aus dem „Handbuch der Detektive“ das ihm anfangs überreicht wird, damit er sich in seinem neuen Aufgabengebiet besser zurecht finden kann. Mit Geschriebenem Wort kennt sich Unwin aus, es vermittelt ihm Sicherheit, denn Fakten lügen nicht. Aber bald erkennt der Schreiber, dass selbst seine eigenen Akten ein dunkles Geheimnis verbergen, denn vieles steht zwischen den Zeilen, man muss es nur zu lesen wissen.

Ein Deutungsversuch:

Die Stadt wirkt bekannt und gleichermaßen fremd. Die Figuren sind voller Geheimnisse, die es zu ergründen gilt. Und man stürzt sich mit Unwin zusammen in ein Abenteuer. Mich erinnert das „Handbuch“ ein bisschen an „Alice im Wunderland“, eine Geschichte, die ich liebe, und tatsächlich erzählt Berry in einem Interview, dass Unwinn sowohl etwas von Alice als auch dem weißen Kaninchen hat. Und ich denke, später findet der Detektiv, der lieber ein Schreiber wäre, sogar etwas vom Merzhasen in sich.
Anfangs wirkt fast alles in Berrys „Handbuch“ auffallend tiefgründig und mysteriös. Besonders seinen Hang zu bedeutungsvollen Namen bewirkt, dass man sich bald bei jeder Kleinigkeit fragt, was sich hinter dieser Formulierung verbergen kann. Da ist die Agentur, deren Gebäude sich über die Stadt erhebt und so dominant ist, dass Unwin froh ist, darin zu arbeiten, damit er es nicht jeden Tag sehen muss. Und so klar strukturiert das sichtbarer Gebäude und die Abteilungen ist, um so höhlenartiger erstreckt sich die Agentur unterhalb des Erdgeschosses. Wie ein Ameisenbau erscheint mir die Agentur, mit den drohnenartigen Unterschreibern und den königlichen Hauptschreiberinnnen. Mit poetischer Sprache erschafft Berry Spannung, die zum Weiterlesen animiert. Berry spielt mit den Klischees der Krimis aus den zwanziger Jahren. Anfangs amüsant, aber ist es auch sehr anstrengend. Irgendwann fühle ich mich, wie ein Hamster in einem Drehrad. Nichts scheint sich wirklich aufzulösen. Immer tiefer verwirren sich die Handlungsfäden, werden wiederholt und neu miteinander verknüpft. Ich folge hilflos der Spur, frage ich mich, warum Unwin vorgeblich nichts zu begreifen scheint oder begreifen will. Zum Ende hin gibt es immer wieder Situationen, in denen die Reaktionen der Figuren nicht nachvollziehen kann. Wie ist es möglich, dass so eine zaghafte Persönlichkeit, wie Unwin, einen Menschen töten kann und es ihn nicht weiter beschäftigt. Der angebrandte Haferbrei des Morgens scheint ihn mehr zu verstören.
Hat der Autor selbst in den Wirren seines Traumes den Faden verloren? Die interessanten Ansätze gehen verloren in Berrys Bemühen, die Geschichte ganz besonders mystisch zu machen.

Das jedoch ist nur meine Version der Wahrheit. Aber jeder muss selbst erkennen, was der Traum für ihn bedeutet.
Für mich bleibt vieles ungeklärt, „Doch wenn alles durchschaubar ist, dann ist auch nichts mehr sicher, …“ S.358

interessante Links zum Buch:

Webseite des Buches
http://www.thirdarchive.net/book.html

Berrys Blog
http://www.thirdarchive.net/blog/

Interview mit Berry bei bookslut
http://www.bookslut.com/features/2009_04_014317.php

Audio-interview
http://www.dw-world.de/dw/episode/0,,5700226,00.html?maca=en-twitter_en_culture-4009-xml-mrss

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