Stephen King – Wahn **** (4/5)

06. Aug 2010

Stephen King - Wahn

Stephen King - Wahn

  

Das Buch ist ein Sumpf. Es sieht harmlos aus. Aber auch wenn man weiß, dass es gefährlich ist, ist man nicht darauf vorbereitet, wenn man plötzlich bis zu den Knien darin versinkt. Nachdem ich mich vom Schrecken erholt habe, versuche ich mich heraus zu winden. Die Worte machen das Lesen träge, Wiederholungen und Verschlingungen halten mich auf. Manchmal scheint der Sumpf nie aufzuhören, aber ich glaube daran, dass ich noch immer heraus komme. Dann versinkt man tiefer, bis zu den Hüften. Plötzlich ist alles, was eben noch so malerisch grün war, unheimlich, ja bedrohlich.  

Nur Stephen King schafft es eine Insel im Urlaubsparadies Florida in eine gruselige grüne Hölle zu verwandeln und einen Sonnenuntergang neu zu erfinden. Was ist schon daran zu fürchten, wenn jemand einen Pinsel in die Hand nimmt? King nimmt das Normale, das Alltägliche und gibt den Dingen eine neue, dunkle, gruselige Bedeutung. Ich gebe zu, ich bin ein King-Fan.
Also ist diese Rezension definitiv positiv vorbelastet, verklagt mich!
🙂
Das ändert nichts daran, dass ihr hier ein wirklich gutes Buch vorgestellt bekommt.   

Edgar Freemantle beginnt sein neues Leben auf einer kleinen abgelegenen Insel in Florida, nachdem sein altes Leben mit einem schweren Unfall endete. Der Unfall hatte ihn seinen rechten Arm und die Ehe gekostet, aber er ist mit dem Leben davon gekommen. Arbeitsunfähig, ständig kurz vor einem Wutanfall, mit Gedächtnislücken, die eher einem Grand Canoyn gleichen als einer Zahnlücke, von Schmerzen gepeinigt, scheint ihm Selbstmord als sinnvoller Ausweg. Er will beenden, was der Unfall nur halbherzig angefangen hat. Um seinen Töchtern das schlechte Gewissen zu ersparen, will er fernab seiner Familie ein Jahr abwarten. Die Zeit vertreibt er sich mit Zeichnen, einem alten Hobby, dass zu seiner Zeit als aufstrebender erfolgreicher Bauunternehmer in Vergessenheit geraten ist. Tatsächlich scheint er erstaunliches Talent zu haben und aus Zeichnungen werden faszinierende Gemälde mit einer besonderen Ausstrahlung. Er bemerkt, dass eine gierige Macht auf der Insel seine Bilder für sich nutzen will und merkwürdige Träume sind wahrer als es ihm lieb ist. Als er sich weigert, seine Bilder zu verkaufen, bringt er ein uraltes, mächtiges Wesen gegen sich auf.   

Nachdem ich mit den letzten beiden Bücher von Stephen King nicht sehr viel anfangen konnte, wusste ich schon bei der Leseprobe von „Duma Key“, auf deutsch „Wahn“, dass ich dieses Buch unbedingt lesen wollte. Ein besonderen „Grusel“ birgt das Wissen, dass King genau weiß, was er schreibt, wenn er die Folgen eines fast tödlichen Unfalls beschreibt. 1999 wurde King bei einem Spaziergang angefahren und schwer verletzt. Oft frage ich mich beim Lesen, ob er selbst auch so gelitten hat, wie Edgar.
King schreibt in einem sehr umgangssprachlichen Stil und deshalb wirken die Gedankengänge Edgars auch nicht fremd. Ich war beim Lesen schnell in der Geschichte und um Edgar und seine neuen Freunde besorgt. King schafft es hier wieder sehr treffend eine so normale Szene zu bereiten, dass das Grauen sich von hinten an schleichen kann.   

Duma Key

Duma Key

  

Die fast 900 Seiten waren anfangs doch etwas abschreckend. So einen dicken Wälzer hatte ich schon ewig nicht mehr gelesen und auch wenn es hier und da Momente mit Längen gab, liest sich diese Unmengen an Wörtern erschreckend schnell durch. Leider ist das Cover wirklich nicht besonders schön, die Cover der englischen Originalausgaben haben viel mehr Atmosphäre. Ich schenke dem Design normalerweise nicht so viel Beachtung, aber diesmal hat mich die Gestaltung nicht gerade zum Buch gelockt.  

Nicht sein Bestes, aber eines seiner wirklich guten Bücher.
Ich empfehle hier auch gern „Amok“ das 1988 unter dem Pseudonym Richard Bachmann erschien. Jahrzehnte lang habe ich auf die Fortsetzungen der Reihe „Der dunkle Turm“ gewartet und es hat sich gelohnt. Also Lesen! Und als kleinen Geheimtipp möchte ich euch „Die Augen des Drachen“ von ihm ans Herz legen. Es ist nicht gerade ein typisches King-Buch, aber ein wundervolles, dunkles Märchen über Verrat, Drachen und Königsmord.

Advertisements

7 Responses to “Stephen King – Wahn **** (4/5)”


  1. du willst verklagt werden? Bitteschön, ich verklag dich gleich wegen Manipulation des bücherelfschen Wunschzettels *grmpf*. Würdest du bitte mal aufhören, solche Rezensionen zu schreiben.

    • wortsplitter Says:

      öhhhh NEIN! 😉 aber nett, dass du bitte sagst. mit etwas Glück, hab ich irgendwann vielleicht keine Zeit mehr für Rezensionen *lach* Ich drück dir die Daumen.

  2. Thomas Says:

    Wirklich gute Rezension! Eigentlich wollte ich ja keine Werke mehr aus dem Mainstream lesen aber in diesem Fall machst du mich jetzt unsicher. Hmmmm …

    • wortsplitter Says:

      hey komm, das ist Stephen King! und war dir der Sonnenuntergang nicht schon immer ein klein wenig gruselig vorgekommen. So schön kann nicht gut sein ;D


  3. Ja, du hast so recht, mit deiner Rezension und auch mit deinen Empfehlungen. Da ich, glaube ich zumindest, alle seiner deutsch übersetzten Werke einschließlich Bachmann gelesen habe, kann ich dir nur kopfnickend zustimmen.
    Gruß Petra

  4. Humanist Says:

    Trotz Blockade eine gelungene Rezension 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s