Hannas Brot

16. Jul 2010

Für alle die nicht gern am Bildschirm lesen, habe ich hier eine PDF zum Download

Die Düfte der Nacht tragen ihm die Gefühle und Sehnsüchte der Menschen im Dorf zu. Sie liegen in der Luft und er kann sie schmecken. Es sind feine Nuancen zwischen der Süße des Flieders und dem erdigen Aroma des erhitzen Bodens. Er kann nicht erklären, wieso er so viel mehr riecht und schmeckt. Die meisten Dorfbewohner meiden ihn. Sie glaubten, er könnte ihre Gedanken lesen und das ist ihnen unheimlich. Deshalb ist er meist allein unterwegs.

In der Nacht schleicht er durch die Gassen des Dorfes, auf der Suche nach etwas Essbarem. Am liebsten ist er bei der kleinen Bäckerei, weil die Reste des Tages immer in einem Körbchen auf der Fensterbank liegen. Schon als er über den Zaun klettert, kann er es schmecken, die Trauer und Verzweiflung, die über dem Haus hängt. Licht dringt durch die Spalten in den dichten Vorhängen, als der Nachtwind sie bewegt. Das ist ungewöhnlich. Normalweise liegt das Bäckerpaar um diese Uhrzeit im Bett. Er lauscht gern den sanften Atemzügen der freundlichen Frau, bevor er sich etwas aus dem Körbchen stibitzt. Aber heute hört man leises Gemurmel und ein tiefes Schluchzen. Die Neugierde treibt ihn näher heran. Er möchte nur einen kurzen Blick hinter die Vorhänge werfen. Er macht sich Sorgen um die Bäckerin. Sie ist so zart gebaut. In letzter Zeit erschien sie ihm besonders zerbrechlich und sie roch so gut. Durch das Fenster kann Ferreck sie nicht sehen. Als er die Tür hört, schreckt er zurück. Er fühlt sich ertappt und starrt auf den Bäcker, der ihn aus geröteten Augen betrachtet. Der Bäcker sieht den Jungen, doch in Gedanken ist er bei seiner Frau und dem Glück, dass er für eine kurze Weile hatte spüren dürfen.

*

Lorenz betrachtete seine Frau mit einem Lächeln. Sie war so wunderschön mit dem runden Bauch. Bald schon würden sie zu dritt sein.
Sie war etwas schwach und konnte kaum noch in der Bäckerei mithelfen, aber dieses glückliche Strahlen in ihrem Gesicht, erzeugte eine wohlige Wärme in ihm. Langsam ging Lorenz auf seine Frau zu und schmiegte sich an ihren Rücken. Seine Hand lag auf dem kleinen Babybauch, den er zärtlich streichelte. „Wenn es ein Mädchen wird, nennen wir sie Hanna, nach dir.“
Hanna lächelte. „Und nach Mutter, das würde sie freuen.“ Matt lehnte sie sich gegen ihren Mann und schloss die Augen. Sie versuchte das Ziehen zu ignorieren, denn sie mochte Lorenz nicht beunruhigen. Tapfer lächelte sie. Doch ihrem Mann entging die plötzliche Blässe nicht.
„Macht dir die Hitze zu schaffen? Du hast es heute in der Backstube übertrieben.“
Er drehte sie an den Schultern zu sich herum. „Du musst mehr auf dich, auf euch, aufpassen.“ Zärtlich küsste er erst den Bauch und dann seine Frau.
„Leg dich ein wenig hin und ich bringe dir etwas Wasser.“ Ernst sah er ihr nach, wie sie sich langsam aufs Bett legte, dann ging er aus dem Haus um frisches Wasser zu holen. Die Pumpe war nicht weit weg, noch bevor der Kessel mit Wasser gefüllt war, konnte er den lauten Schrei seiner Frau hören. Scheppernd fiel der Kessel zu Boden und das Wasser versickerte in der staubtrockenen Erde.

„Hanna!“ Lorenz rannte so schnell er konnte. Gehetzt und mit hochrotem Kopf stürmte er durch die Tür und sah wie seine Frau sich wimmernd in die Kissen krallte. Und da war Blut. So viel Blut. Es färbte die Bettwäsche bedrohlich rot. Die Angst ließ ihn für einen Augenblick erstarrt im Türrahmen stehen, dann handelte er so schnell er konnte. Er musste die Amme holen, denn er selbst konnte nicht viel mehr als zusehen, wie seine Frau starb. Als er mit der Hebamme zurück kam, lag seine Frau still, sie war bleich und matt. Während die weise Frau tat was nötig war, konnte er nur Hannas Hand halten und ihren Namen flüstern.
„Hanna, Liebes, bleib bei mir… ich bitte dich.“
Die Amme entfernte die blutige Decke und Lorenz Blick fiel auf ein unbewegtes Bündel. Der Schock verhinderte, dass er erkannte, was es war. Doch das Blut gefror in seinen Adern zu Eis. Die Amme zuckte zusammen, dann packte sie Lorenz am Kinn. Sie zwang ihn, ihr ins Gesicht zu sehen. „Geh hol Hilfe, sofort.“ Als der Mann sich nicht bewegte und er weiter auf die Totgeburt starrte, schrie sie ihn an. „Nun verschwinde schon, ich schaff das nicht allein!“

*

Lorenz betrachtet den verwahrlosten Burschen in seinem Garten.
„Wir haben heute nichts für dich, Junge.“ Er schüttelt traurig den Kopf. „Geh nach Hause.“
Zaghaft macht der Junge einen Schritt auf ihn zu. Durch die geöffnete Tür fällt etwas Licht auf sein kummervolles Gesicht. „Ist sie, ich meine… eure Frau, ist ihr … etwas passiert?“
Lorenz nickt. „Du bist dieser Junge, für den Hanna immer das Körbchen raus gestellt hat, nicht wahr? Wie ist dein Name Bursche.“ Lorenz Stimme ist brüchig und schwach, der Gedanke, an seine Liebste ist fast mehr, als er ertragen kann.
Der Junge senkt den Blick und murmelt leise: „Ferreck.“

*

Ferreck erinnerte sich nicht gern an seine Eltern. Der Hof, auf dem sie lebten, war klein. Überall liefen Tiere herum und hinterließen ihren Dreck. Hunde bellten aggressiv. Aber am besten erinnerte er sich an den Gestank nach Unrat und Verbitterung, besonders im Sommer. Und Alkohol. Der Alkohol war überall, in der Luft, auf seiner Kleidung und vor allem in den Gedanken seines Vaters. Völlig benebelt verbrachtet dieser die meiste Zeit des Tages in irgendeiner Ecke, um seinen Rausch auszuschlafen. Doch wenn er morgens aus der Schenke kam, hatte er so viel getrunken, dass er Wochen hätte schlafen müssen, um nüchtern zu werden. Wenn er nicht trank oder schlief, dann polterte er brüllend über den Hof und schlug alles, was nicht schnell genug von ihm weg kam. Die Hunde, seine Frau, die Vogelscheuche, es war ihm egal. Selbst vor seinem dreijährigen Sohn machte er nicht Halt. In dunklen Nächte sieht Ferreck noch immer die riesigen Pranken seines Vaters auf ihn niederprasseln. Seine früheste Erinnerung galt jedoch seiner Mutter. Sie stand in der Küche am Herd und die gesamte Küche roch nach frischem Brot und glücklichem Lachen. Aber das war sehr lange her. Als sein Vater ihn anfing zu schlagen, war das Glück schon verschwunden. Sie hat ihn nie verteidigt. Stattdessen benebelte sie ihre Sinne mit dem süßlichen Geruch, der aus ihrer Pfeife kam.

Als Ferrecks Kindheit noch nicht nach Angst und Galle roch, hatte er einen anderen Namen. Aber daran erinnert er sich nicht mehr, sondern nur an die schweren Stiefel und die lallende Stimme seines Vaters, die hinter ihm her brüllte, als er davon rannte. „Verreck doch, verreck!“

*

„Was ist denn das für ein Name?“ fragt Lorenz, doch Ferreck zuckt nur mit den Schultern. Das Schweigen zwischen ihnen wird von einem leisen Wimmern aus dem Haus begleitet. Eine Weile stehen beide da, als würden sie auf etwas warten. Jemand ruft nach Lorenz.
„Hast du Hunger, Junge?“ Lorenz bringt es nicht übers Herz Ferreck weg zu schicken. Seine Frau hat sich immer Sorgen um ihn gemacht. Mit einem Seufzen winkt er den Jungen heran.„Na komm rein.“
Zögerlich folgt Ferreck dem Bäcker. „Setz dich Bursche.“
Etwas eingeschüchtert sucht sich Ferreck einen Platz. Seine Hände liegen auf den Knien und sein Blick flattert unruhig umher. Die Stube ist stickig und riecht so stark nach dem Salz vergossener Tränen, dass er Hanna kaum bemerkt, die hinter Vorhängen von der Amme umsorgt wird. Lorenz stellt ihm Wasser, etwas Brot und Wurst auf den Tisch. Auf Ferrek wirkt der große, stämmige Bäcker gebeugt vor Kummer, obwohl dieser aufrecht fast die Zimmerdecke berührt. Mit einem abwesenden Blick auf die geschlossenen Vorhänge murmelt Lorenz: „Wenn ich sie auch noch verliere….“
Die ungesagten Worte schweben zwischen den beiden und verdichten sich zu einem Kloß, der Ferreck im Halse stecken bleibt. Er möchte sie sehen. Sie anfassen und sich vergewissern, dass sie noch am Leben ist. Erschrocken stellt er fest, wie wichtig ihm der Gedanke ist, dass sie lebt. Wie kann ein flüchtiger Blick, ein sachtes Lächeln und der Duft von Keksen sein Misstrauen überwinden und ihn an eine Frau binden, die er gar nicht kennt. Aber sie riecht einfach so gut nach glücklichem Lachen und nach etwas, was er vergessen hat.

Langsam schiebt er die Vorhänge beiseite. Hanna liegt blass und furchtbar klein in dem Bett und ist so blass wie das Leintuch, dass sie einhüllt.
Ferreck fällt auf die Knie und greift nach ihrer Hand. Sie ist ganz kalt. Mit ihrem Geruch stimmt etwas nicht. Etwas fehlte. Eine schwere Hand zieht ihn zurück. Er kann gerade noch sehen, wie die Amme Hannas Stirn abtupft, bevor der schwere Vorhand ihm die Sicht verdeckt.
„Lass uns schlafen, Junge. Wir müssen morgen früh raus. Weißt du, wie man einen Teig knetet?“

Lorenz muss etwas tun, irgendetwas um sich abzulenken. Das Warten zermürbt ihn. Er ist kein Mann, der sich hinsetzt und die Hände in den Schoß legt. Deshalb ist er auch Bäcker. Er liebt es, wie der Teig in seinen Händen beginnt nachzugeben, sich an ihn zu schmiegen und geschmeidig wird.
„Du musst etwas Mehl auf den Tisch tun.“ Lorenz nickt. „Dann klebt er nicht so.“
Etwas unheimlich ist ihm der Kleine schon. Allein schon der Name, Ferreck, ist mehr als nur seltsam. Und dann erwischt Lorenz den Burschen immer wieder, wie dieser gebannt auf die meist verschlossenen Vorhänge starrt, hinter denen seine Geliebte Hanna um ihr Leben kämpft. Aber wenn er allein hier in der Backstube wäre, würde er den Schmerz nicht ertragen können. Und er stellt sich geschickt an. Der Junge ist gescheit und flink mit den Händen. Lorenz gefällt, wie Ferreck an den Zutaten riecht um ihr Aroma aufzunehmen. Das hat er früher selbst getan und tut es sogar noch heute hin und wieder.
Wenn er beobachtet, wie Ferreck voller Begeisterung und Hingabe seine Erklärungen folgt, ertappt er sich sogar bei einem kleinen Lächeln.

„Was tust du denn da?“ Lorenz sieht entsetzt, wie der Junge in eine kleine Mulde im Brotteig zartrosa Blüten streut. Ferreck hat bisher kaum Fehler gemacht, doch der Bäckermeister kann nicht zulassen, dass dieser mutwillig Rohstoffe verschwendet. Als Lorenz nach Ferrecks Hand greifen will, zuckt der Junge heftig zusammen, weicht mit weit aufgerissenen Augen zurück und verbirgt sein Gesicht hinter seinen Armen. „Nein… nein.“ Fassungslos macht Lorenz zwei Schritte rückwärts. „Es tut mir leid. Ich werd dir nichts tun.“ Er wartet einen Augenblick bis Ferreck sich beruhigt hat, dann geht er langsam auf den Jungen zu und nimmt ihn ganz vorsichtig in die Arme. Er spürt, wie der Junge zittert und fragt sich, was ihm wohl passiert sein mag. Mit sanfter Stimme redet er leise auf den Jungen ein. „Ich möchte, dass du Eines weißt. Ich werde dich niemals schlagen. Was immer passiert, auch wenn ich böse auf dich werde. Ich werde dir nie etwas antun. Das verspreche ich dir.“ Lorenz denkt daran, wie Ferreck heimlich Hanna beobachtet, doch dann schüttelt er den Kopf und schiebt den Gedanken ganz weit weg. Er wird es nicht zulassen, dass seiner Liebsten etwas geschieht. Er schließt kurz die Augen und zwingt sich zu einem Lächeln. „Hast du das Verstanden?“
Ferreck nickt langsam. Er möchte dem Mann so gern glauben, aber er hat mitbekommen, wie der Bäcker ihn mit diesem Blick betrachtet. Wenn dieser glaubt, dass Ferreck es nicht mitbekommt, dann sieht er ihn an, wie all die Anderen. Es ist eine Mischung aus Furcht und Abscheu. Gewalt wird aus Angst geboren, dass weiß Ferreck nur all zu gut.
„Sind das Blüten?“ Lorenz wendet sich wieder dem Teig zu. Sicher meint es der Junge nur gut, aber ihm muss klar werden, dass die Arbeit hier kein Spiel ist. „Wo hast du die her? Du kannst nicht einfach irgendetwas von den Wiesen pflücken. Einiges davon kann giftig sein.“
Ferreck nimmt etwas von den Blüten und zerreibt sie mit den Fingerpitzen. „Das ist Thymian.“ Das Rosa ist so zart, dass es fast weiß aussieht. Langsam verbreitet sich das kräftige Aroma. „Ich möchte für Hanna ein ganz besonderes Brot backen.“ Unbeholfen fährt er sich durch das zu lange dunkle Haar.
„Thymian? Gegen bösen Husten?“ Verwirrt schüttelt Lorenz den Kopf.
Der Bäcker scheint die nette Geste Ferrecks nicht besonders zu begrüßen. Vielleicht ist es dann besser, nicht zu erwähnen, dass er das würzige Kraut aus dem kleinen Garten gleich neben der Kirche hat. „Nicht gegen Husten, gegen die Hitze in ihr. Sie …“ Ferreck verstummt. Er ist sicher, dass Lorenz nicht verstehen würde, dass er riechen kann, wie das Feuer Hanna von innen auffrisst. Und er kann noch mehr riechen. Da ist diese Dunkelheit. Es schmeckt nach Brackwasser und Fäulnis. Das ist der wahre Grund, warum Hanna nicht gesund wird. Die Traurigkeit nimmt ihr die Kraft, die sie brauchen würde. Die Traurigkeit, die der Grund ist, warum sie nicht genesen möchte. Doch Ferreck hat diese wunderschön sonnigen Blüten. Er weiß, dass er damit das Gift in Hannas Gedanken und ihrem Körper vertreiben kann. Er weiß es, weil er es schmecken kann. Aber von den gelben Blüten kennt er nicht einmal den Namen. Thymian stand auf dem kleinen Schild im Kirchengarten, aber die kleinen Sonnen hat er am Waldrand gesammelt in der Nähe des Steinbruchs. Er hat keine Ahnung, wie er das Lorenz erklären kann.
Lorenz schüttelt immer noch den Kopf. Wenigstens ist Thymian nicht giftig und die hübschen Blüten sollen Hanna bestimmt aufmuntern. „Also gut, was möchtest du sonst noch in das Brot hinein tun? Hast du noch andere Blüten?“ Ferreck nickt vorsichtig und holt hinter einem Korb die Schüssel mit den kleinen Sonnen hervor.
„Johanneskraut.“ Erleichterung erscheint auf Lorenz Gesicht. „Das sind wirklich hübsche Blüten. Es soll vor bösen Geistern schützen.“ Und es ist nicht giftig, außerdem kann jeder von ihnen ein bisschen Schutz gebrauchen. „Ich bin gespannt, wie das schmeckt.“ Er klopft Ferreck sachte auf die Schulter. „Ich verstehe, dass du Hanna etwas Gutes tun möchtest, aber das nächste Mal, musst du erst mit mir reden.“
Ferreck nickt. „Ich hab da noch mehr.“ Mit einem verschmitzten Lächeln holt er aus einer anderen Ecke der Backstube ein Korb mit dunkelgrünen stark duftenden Blättern hervor. „Die riechen so lecker und mit dem Honig zusammen schmecken sie bestimmt gut. Ich bin sicher.“
„Honig und Minze?“ Lorenz kann sich nicht vorstellen, wie aus diesen Zutaten ein Brot werden soll.
Doch Ferreck scheint genau zu wissen, was er da tut. Aus einem erstaunlichen Instinkt heraus zerstößt er die Minzblätter im Mörser zu einer feinen Paste und gibt den Honig dazu. Er hackt auch das Johanniskraut in feine Streifen und knetet es zusammen mit dem Thymian in den Brotteig. Lorenz ist fasziniert, wie leicht dem Jungen alles von der Hand geht. Die Luft in der Backstube füllt sich mit einem intensiven, angenehmen Geruch. Eigentlich müsste die klebrige Minzhonigmasse den Brotteig matschig und unbrauchbar machen, aber irgendwie schafft es Ferreck einen tadellosen Laib daraus zu formen.
„Gibst du mir etwas davon ab?“ Um so mehr sich der anregende Geruch von Hannas Brot in der Stube verteilt, um so mehr läuft Lorenz das Wasser im Mund zusammen. Obwohl er anfangs nur sicher gehen wollte, dass genießbar ist, freut sich Lorenz nun wirklich darauf es zu kosten.
„Aber nur, wenn du nicht alles auf isst.“ Ferreck grinst.

Die Sonne ist schon aufgegangen, als Lorenz mit seiner Arbeit fertig ist und auch Hannas Brot aus dem Ofen genommen werden kann. Ferrek hat Sonneblumenkerne in einer gusseisernen Pfanne mit Zucker geröstet. Sie sind köstlich und Lorenz fragt sich, wie der Junge nur auf solche Ideen kommt. Er selbst hat die Kerne schon oft in den Teig seiner Brote getan, aber noch nie geröstet, schon gar nicht mit Zucker.
Als Ferreck versucht die Kerne auf das noch heiße Brot zu streuen, schüttelt Lorenz den Kopf. „So fallen sie herunter, siehst du. Du musst das Brot erst mit Wasser bestreichen. Mhhhh,.. „Lorenz schnuppert an dem Brot. „Ich bin stolz auf dich, das hast du wirklich gut gemacht.

Hanna ist so fürchterlich blass, dass es Lorenz das Herz zusammen zieht. Als er die Vorhänge beiseite schiebt, schaut die Amme müde auf. Sie sitzt jeden Tag neben Hanna. Wenn sie nicht Hannas Hand hält, ihr leise Geschichten erzählt, sie wäscht und ihr über das Haar streichelt mit ganz traurigen Augen, dann sitzt sie häkelnd an Hannas Bett. „Für den Jungen, er braucht doch im Winter etwas anzuziehen.“, erklärt sie Lorenz, als er fragend die Augenbrauen hebt. Erst jetzt wird ihm klar, dass er den Jungen nie wieder auf die Straße zurück schicken wird. Er legt der Amme die Hand auf die Schulter. „Da hast du wohl recht.“ Lächelnd ruft er nach Ferreck „Bringst du uns dein Meisterwerk?“
Stolz trägt Ferreck einen großen Teller herein, auf dem Hannas Brot in mundgerechten Stücke liegt. Lorenz nickt ihm aufmunternd zu, als er sich nicht traut sich zu Hanna zu setzen. Sie blinzelt teilnahmslos, als Ferreck ihre Hand berührt. Aber als er ihr ein Stück Brot an die Lippen drückt, öffnet sie den Mund und beginnt zu kauen. Sie isst brav ein Stück nach dem anderen. Ferreck kann riechen, wie das Minzbrot den dunklen Gestank in ihrem Körper verändert. Die letzten beiden Stücke bekommen Lorenz und die Amme.

Fast überhört er das leise Flüstern, eher ein Summen. „Mhhhhhh…..“ Er dreht sich um und sieht in die hellgrünen Augen Hannas, in denen ein Lächeln schimmert, zu dem der Mund noch zu schwach ist. „Mhhhhhhh.“, macht sie ganz leise.

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Fingerübung
Muse Kubine:
1.Sommer 2.kalt 3.Angst 4. Bäckerei 5.häkeln
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13 Responses to “Hannas Brot”

  1. Bri Says:

    Schwer wars, mich zu entscheiden. Abschied fand ich ja auch ganz toll. Aber das hier hat mich einfach ganz schnell und tief mitgenommen.

  2. Humanist Says:

    Tolle, bewegende Geschichte! 🙂 Auch wenn ich lieber etwas mit mehr Blut lese, finde ich die Geschcihte toll.

    • wortsplitter Says:

      *grins* ich überleg gerade, richtig blutig ist ja keiner meiner Geschichten. Muss mal sehen, was sich für deine nächsten Musenworte machen lässt. Muss ja alles mal ausprobiert werden, sind schließlich fingerübungen.

  3. Melanie Says:

    Schreibst du die Geschichte noch weiter?
    – Ich würde gerne mehr von Ferrek, Hanna und Lorenz lesen.

    LG,
    Melanie


  4. Grossartig! Du wirst immer besser. Die Chef-Muse ist begeistert!

  5. karfie Says:

    …ich kann Kubine da nur zustimmen. Und der Anfang ist ja schon gemacht. Und das mit der Angst bekommen wir auch noch in den Griff!!!

    Die Geschichte ist mit eine deiner Besten geworden. Sehr fesselnd zu lesen…

  6. ladymarion Says:

    Eine sehr bewegende, schöne Geschichte! 🙂

  7. kubine Says:

    Schick sie doch einfach mal einem Verlag…mehr wie ja sagen können die doch nicht ;-))

  8. kubine Says:

    Wann bietest Du Deine Geschichten einem Verlag an?
    LG!

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