Königin der Nacht

01. Jun 2010

Die Nacht ist die Zeit der Jäger.
In den schwülen Sommernächte, wenn sich kaum ein Lüftchen regt und die Hitze des Tages sich in den Halmen des Grases und den Ästen der Bäume verfängt, jagt sie am liebsten. Dann nämlich klebt die Haut ihrer Beute vor Schweiß und sie kann mit geschlossenen Augen über weite Strecken das süße Blut riechen, nach dem es sie dürstet.
Der See unter ihren Füßen bewegt sich sanft. Bevor sie heute auf die Jagd geht, möchte sie noch die Schönheit der Welt genießen. Ihr zarter Körper ist so leicht, dass das Wasser sie trägt und die Wellen wiegen sie in den Sonnenuntergang. Der Hunger kommt, als die letzten Strahlen der Sonne am Horizont verschwinden. Er schärft ihre Sinne und verstärkt ihre Willenskraft, sodass sie noch schneller und gefährlicher wird und ihre Empfindungen auf das ausrichtet, wozu sie erschaffen wurde, die Jagd.  Wenn sie zu lange auf Nahrung verzichtet, steigert er sich jedoch in maßlose Gier und sie kann den Verstand verlieren.
Die Geräusche der Nacht übertönen das leise Summen, als sie sich in die Luft erhebt. Ihre Flügel sind filigrane, fast durchsichtige Häute. Selbstverliebt betrachtet sie ihr Spiegelbild auf der Wasseroberfläche, das durch die Wellen immer wieder verzerrt wird. Dann beginnt die Jagd.
Sie hat die heutige Beute schon ausgesucht. Ein junger Mann, groß, kräftig und mit einem liebenswerten Lächeln. Sie hatte ihn gestern bei der Uni gesehen. Er saß auf den Stufen vor der Mensa und unterhielt sich fröhlich mit seinen Freunden. Die Augen strahlten vor Intelligenz und Enthusiasmus und sie wusste, dass er ihr gehören würde. Im Schutz der Menge schlich sie sich an ihn heran und hauchte einen Kuss in seinen Nacken, kostete seinen Duft. Ab diesem Moment konnte sie ihn überall aufspüren, wo auch immer er sein würde. Mit den winzigen Härchen an ihrem Körper kann sie ihn fühlen. Sie hört das leise Rauschen seines Blutes unter dieser samtweichen und warmen Haut. Die Nacht trägt seinen Geruch. Sie ist geprägt.
In den Schatten der Bäume macht sie eine kleine Pause. Sie ist aufgeregt. Es ist eine ganz besondere Nacht. Das Blut ihrer Beute ist nicht nur Nahrung. Heute Nacht werden Königskinder geboren. Die Königin benötigt eine warme, blutrote Mahlzeit um ihre Kinder zu erschaffen. Es ist diese Nacht, Liebe liegt in der Luft. Darauf hat sie den ganzen Sommer gewartet.
Die Begierde treibt sie an. Es ist nicht mehr weit. An seinem Geruch kann die Königin nicht nur erkennen, wie weit er noch entfernt ist. Sie weiß auch, was er gerade tut und er ist nicht allein. Der Duft seiner Haut umhüllt eine andere Person, eine Frau. Der Park ist im Sommer immer mit Liebespaaren gefüllt, die sich küssend auf dem Boden wälzen und die Hitze der Nacht mit ihren Körpern noch weiter aufheizen. Amüsiert betrachtet die Königin das leidenschaftliche Spiel ihrer Beute. Seine goldenen Locken streichen die Wange der Frau in seinen Armen. Das wird sein Blut noch köstlicher machen. Trotz der Dunkelheit entgeht ihr nicht die Gänsehaut, die ein leichter Windhauch erzeugt, der über die Körper des Paares weht. Unbemerkt schleicht sie sich heran. Die Beiden sind so sehr miteinander beschäftigt, dass sie die Königin gar nicht bemerken. Mit ihren Flügeln streichelt sie über die muskulöse Schulter ihrer Beute und wird mit einem leisen Stöhnen belohnt.
Leicht wie eine Feder lässt sie sich auf ihm nieder und senkt ihren Kopf in seinen Nacken. Während er sich noch rhythmisch im Spiel des Verlangens hingibt, befriedigt die Königin ihren Hunger.  Es ist mehr als Hunger, gierig saugt sie sich fest und schmeckt die Lust des Mannes, köstliches Protein gemischt mit Hormonen und Adrenalin. Für eine kleine Ewigkeit kann sie das Leben in sich spüren.
Im Rausch des Blutes sieht sie es nicht kommen. Der Angriff ist unerwartet. Die Königin stirbt von der Hand ihres Opfers erschlagen.

>>Verdammte Blutsauger!<< murmelt der junge Mann und kratzt sich am Nacken.

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Fingerübung
Muse Galy:
1.Ewigkeit 2.Uni 3.Park 4. Liebe 5.verschwinden
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4 Responses to “Königin der Nacht”

  1. Clee Says:

    Total genial! xD Mit diesem Ende habe ich nun wirklich nicht gerechnet…bei der Königin habe ich mir weiß Gott was für ein Wesen ausgemalt!
    Wirklich wunderschön geschrieben!

    Liebe Grüße,
    Clee 🙂

  2. Melanie Says:

    Ziemlich unerwarteter Schluss, ein bisschen traurig … – aber auf jeden Fall gut 🙂

  3. Humanist Says:

    Eine richtig tolle Geschichte… das Lesen bereitet großen Spaß! Schöne geschrieben 🙂

  4. Galy Says:

    Finde die „Königin der Nacht“ echt schön. Hast toll meine 5 Wörtchen eingebaut! Mach weiter so!!!

    Liebe Grüße Galy 🙂

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