plötzlich kam das Schweigen

22. Apr 2010

Und plötzlich kam das Schweigen über die Welt.

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Molpe betrachtet die Kugel in ihrer Hand. Sie ist magisch und das nicht nur, weil sich in ihr alle Farben des Lichtes zu immer neuen Mustern brechen. Das wahre Wunder ist, dass diese schillernde Sphäre ihr das Lied schenkt.

Taub geboren, hat Molpe nie gehört, wenn ihre kleine Schwester Klavier gespielt oder ihre Mutter ihnen Einschlafmelodien gesungen hat. Doch wenn sie nun ihre Hände um die kleinen Kugel legt und die Augen schließt, dann kann sie es hören. Wirklich hören, nicht nur die Schwingungen mit ihren Sinnen wahrnehmen.

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Manchmal kann man den Wert von etwas nur dann einschätzen, wenn man es verloren hat. Das wir Menschen die Sprache verloren haben, war schwer. Doch niemand hätte vermutet, wie sehr wir wirklich das Rascheln der Blätter und das Prasseln des Regens vermissen würden.

Die besten Wissenschaftler der Welt versuchten sich an der Heilung, doch man konnte keine medizinische Ursache für die plötzliche Taubheit feststellen, die überall auf der ganzen Welt herrscht. Eine herausragende Fähigkeit der Menschheit ist unsere Hartnäckigkeit. Man suchte die Ursache und fand sie, nur um vor einem weiterem Rätsel zu stehen. Es schien, als würden gar keine Geräusche mehr erzeugt. Man konnte bei Versuchen keine Schallausbreitung mehr feststellen. Als würde jeglicher Ton von einer gläsernen Kugel umgeben, die ihn nicht wieder hinaus lässt.

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Vielleicht ist es nicht richtig, die Musik für sich zu behalten. Sie ist so schön, lieblich, berauschend, bewegend, zärtlich und gleichzeitig wild und kraftvoll. Vielleicht würde man mit ihr schimpfen, wenn heraus käme, dass sie all die Geräusche hatte, die die anderen verloren hatten. Aber bestimmt würden sie ihr die Kugel wegnehmen, wenn sie es erzählt. Allein der Gedanke daran, treibt Molpe die Tränen in die Augen. Und es ist ja nicht nur die Musik. Durch die Kugel konnte sie den Wind hören und das Schnurren ihres Katers. Sie hatte nicht gewusst, dass ihr kleiner Liebling so wundervolle wohlig warme Geräusche von sich geben kann.

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Es dauerte eine Weile. Tage vergingen, Wochen. Als niemand heraus finden konnte, was geschehen war, mussten wir Menschen uns mit der Tatsache auseinander setzen, dass wir nicht mehr hören konnten. Es war nicht leicht. Eine neue Sprache musste gelernt werden. Das als Allererstes, denn nur in der Gemeinschaft sind wir stark. Instinktiv wissen wir das. Die Gebärdensprache ist eine Sammlung von festgelegten Gestiken, die zusammen mit Mimik, lautlos gesprochenen Silben und der Körpersprache zur Kommunikation genutzt wird. Für viele war es schwer sich auf die neue Situation einzustellen. Die Unfallzahlen häuften sich. Doch wir Menschen sind in der Lage uns anzupassen, das waren wir schon immer.

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Molpe wurde von ihren Eltern nach einer mythischen Sirene genannt. Der Name bedeutet „Lied“. Damit wollten sie ihr kleines Mädchen daran erinnern, dass sie die Musik in sich trägt, auch wenn Molpe sie nicht hören kann. Aber es gab nichts, was sich Molpe sehnlicher gewünscht hätte, als einmal ihre Schwester beim Klavierspiel hören zu können. Nur einmal.

Doch Sandra spielt nicht mehr Klavier, seitdem die Stille über die Welt herrscht.

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Wir Menschen hatten uns mit der Evolution das Talent der Anpassung erkämpft. Wir hatten die Schönheit der Gesten gelernt. Die Welt sprach nun überall die selbe Sprache. Es war überraschend, viel es ausmachte. Wir fühlten uns einander verbunden durch die Anmut unserer neuen Ausdrucksweise. Bald schon schufen wir uns eine Verbindung zu unserer musikalischen Vergangenheit. Wir treffen uns nun in Konzertsälen und bewundern den Zauber der rhythmischen Gebärde. Einem Lied gleich. Poesie gesungen von Händen.

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Sie hört die Schritte nicht. Die Hände fest um die Kugel geschlossen, lauscht sie dem Flügelschlag der Schmetterlinge und wie die warme Sommerbrise Musik in einem Baumwollbaum erklingen lässt, doch nicht die knirschenden Schritte, die sich ihr nähern. Erst die Hand auf ihrer Schulter lässt sie aus ihrer Klangwelt auftauchen. Es ist nur eine Sekunde, die alles ändert. In einer Sekunde hatte sie sich die magische Kugel erträumt und sich eine neue Welt erschaffen. Es ist nur eine Sekunde, die alles ändert, in der sie alles verliert. Vor Schreck fährt sie auf  und die Kugel rutscht ihr aus den zitternden Händen. Nur sie kann ihren Schrei hören. In der Welt der Stille existiert er nicht. Erst als die Klangsphäre den Kontakt zu ihren Fingerspitzen verlieren, verstummt der Schrei auch in ihren Ohren. Da ist sie wieder die verhasste Stille, in der sie solange hatte leben müssen. Das gläserne Licht zerspringt auf den Steinplatten vor ihr in tausend Scherben. Alles ist verloren. Ihre Zukunft ist Lautlos.

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Als die magische Sphäre zerspringt, zuckt die Welt zusammen.

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Fingerübung
Muse Binea:
1.Verbindung 2.Schweigen 3.Scherben 4.Zukunft 5.Kugel
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7 Responses to “plötzlich kam das Schweigen”

  1. karfie Says:

    öhm, ich schlafe halt morgens länger 🙂
    Ja, ich gebe es zu, ich werde mit den ersten drei Veröffentlichungen bezahlt, bekomme die Bücher signiert :-))

  2. karfie Says:

    …ich kann Thomas nur zustimmen. Und die Verlage werden sicher bald anklopfen, ich sage nur Weltentor!!!

  3. Thomas Says:

    Es sind nicht nur deine Ideen die faszinieren sondern auch und vor allem die Intensität deiner Sprache, die einem schier den Atem raubt. Dieses literarische Konzentrat begeistert also weit über die eigentliche Handlung hinaus und bringt mich zu der Annahme, dass die Verlage wohl inzwischen Schlange bei dir stehen …

    • wortsplitter Says:

      Leider nein, obwohl ich wirklich nichts dagegen hätte. Aber bisher gibt es von seitens Verlage noch kein Interesse. Wenn du ein Tip hast, wie ich das ändern kann, sag mir Bescheid, Herr Autor. 🙂

  4. Thomas Says:

    Diese Geschichte muss ich jetzt erst einmal verarbeiten. Wenn ich dann mit dem Staunen fertig bin, melde ich mich vielleicht noch einmal. Bis dahin verharre ich in ehrfürchtigem Schweigen …

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