am Anfang war sie der Wind

31. Mrz 2010

Die erste Zeit war sie der Wind. Wie oft hatte sie den Menschen die Haare zerzaust und mit den Blättern gespielt. Sie streichelte das Getreide, das in goldenen Ähren auf weiten Feldern stand. Das Leben war frei und ungezwungen. Und auch wenn sie damals noch nicht in der Lage war Gedanken hervorzubringen, so war es doch wie ein Gefühl, dass etwas fehlte.

Dann verband sich ihre Seele mit einem Baum. Und was ein stolzer Baum das war. Selbst als er noch ganz jung war, strahlte er schon etwas Besonderes aus. Seine wundervollen, schneeweißen Blüten strahlten und Menschen als auch Tiere besuchten ihn oft. Den Menschen wurde der Ort an dem der Baum stand eine Stätte der Magie und so sprachen sie mit ihm und baten um Hilfe bei Ritualen, Heilungen und seinen Segen. Sie benutzen seine starken glatten Äste als Werkzeuge für Druiden und gaben sie ihren Herrschern als Insignien der Macht. Er sah viele Menschen in seinem Schatten, sie liebten, sie hassten sich und oft wurden Kriege um ihn herum ausgetragen. Er sah die Freude auf ihren Gesichtern und die Trauer und fragte sich, denn der Glaube und die Ehrfurcht der Menschen ließen sein Bewusstsein wachsen, wie sich diese Empfindungen anfühlen mochten. Als Baum war sie stark und unbeweglich, aber ihre Seele war noch zu starr um dies alles selbst fühlen zu können. Und so sah der Baum zu, wie die Menschen ihre Lieben bei ihm begruben und ihm die Neugeborenen entgegen gehielten, damit seine Blätter sie streichelten und er sie somit segnete.

Nach vielen Ewigkeiten, mehr als tausend Menschenleben, denn als Baum konnte sie keine Zeit empfinden oder sie in messbare Begriffe ausdrücken, schuf der Baum eine Blüte von ganz besonderer Schönheit. Ein goldener Glanz hüllte sie ein und die Menschen schauten ehrfürchtig und gingen jeden Tag um zu sehen wie sie sich öffnete. Doch es dauerte nochmals fast ein ganzes Zeitalter und die Menschen hatten schon vergessen, dass sie darauf warteten, als sich die Blüte heimlich und völlig unbeobachtet öffnete. In einer mondlosen Nacht flattere ein Wesen hervor, welches die Menschen, die es sehen durften mit vielerlei Namen beehrten. Die einen nannten sie Fee oder Elfe und andere wieder Sirene, Idise oder auch Sylphe. Ein Mensch, ein kleiner Junge mit rotlockigem Haar und großen leuchtend blauen Augen rief sie Ikanaria, denn in seiner Fantasie sah dieses glitzernde flatternde Wesen wie der wundervollste Schmetterling aus, den er je gesehen hatte. Immer wieder griffen kleine tollpatschige Hände in die Luft und Ikanaria spielte mit ihm Fangen. Seine Mutter schüttelte nur jedes Mal den Kopf und sagte sich, dass ihr Kind mal ein großer Künstler werden würde, mit dieser Fantasie.

Doch ich vergaß zu erzählen, was aus der goldenen Blüte wurde und wie enttäuscht die Menschen waren, als sie am Morgen von Ikanarias Geburt entdeckten, was sie schon längst vergessen hatten. Die Blüte war offen und fiel schnell in viele glitzernde Sonnenstrahlen auseinander. Doch ebenso schnell wuchs an dieser Stelle ein Frucht viel größer als ein Apfel und von wundervoller Farbe, eigentlich von vielen, nein alle Farben spiegelten sich auf der Schale der Frucht, als wenn die Sonne ihr Licht darin brechen würde. Es war ein Geschenk Ikanarias an die Menschen, die sie solange hatte beobachten dürfen und die ihre Seele hatten wachsen lassen. So dass sie nun endlich in der Lage war, sich wieder frei zu bewegen. Denn obwohl sie als Baum glücklich war, vermisste sie das, was sie als Wind hatte, die Freiheit. Die Menschen, die von der Frucht aßen bekamen das Geschenk der Magie, manche nannten es das zweite Gesicht, wieder andere nannten es die Tugend der Narretei. Und doch war es ein Teil ihrer Seele, dieser Baum, ein Teil von Ikanaria, so dass sie immer bei ihren Menschen war, auch wenn sie gerade woanders war auf der Welt.

Und sie kehrte immer wieder zu dem Jungen zurück, der ihr den Namen gegeben hatte. Sie freute sich, zu sehen, wie er heran wuchs zu einem prächtigen Jungen. Sie freute sich, soweit sie dazu in der Lage war sich zu freuen, denn obwohl ihre Seele derartig groß war, hatte sie doch noch immer kein Herz, das fühlen konnte. Ihre Empfindungen waren Echos der Menschen, denen sie begegnete auf ihren Streifzügen. Wie ein leeres Tongefäß füllte sie sich auf und horchte dem Hall der Freudenrufe oder Schmerzensschreie nach. Und so war es auch nur das Echo von Freude, dass sie empfinden konnte und noch reichte es ihr. Immer wieder zeigte sie sich dem Jüngling. Mal war sie der Schwan, der auf dem See neben ihn daher schwamm und mal war sie eine Wolke, die ihren Schatten für ihn warf. Und er wusste, dass er gesegnet war, beschützt wurde von einem Wesen in dessen klarer Seele sich das Licht brach, sodass er es nie wirklich sehen konnte.

Bald schon wuchs er heran und wurde, wie seine Mutter prophezeit hatte, zu einem Künstler, dessen Ruf weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt war. Und er wurde zu einem starken, gut aussehenden Mann, der von vielen Frauen umschwärmt wurde. Doch er liebte schon ein Wesen, auch wenn er es noch nie gesehen hatte. Und Ikanaria fühlte, was die vielen Frauen für ihn empfanden und war neugierig geworden. So schuf sie sich eine Hülle, die wie ein menschlicher Körper aussah. Eines Nachts stand sie plötzlich neben ihm. Das silbrige Mondlicht fiel hell durch ihren Körper hindurch. Und er schaute auf und lächelte, als hätte er sie erwartet. Er hatte eine Seerose zeichnen wollen, die sich nur des Nachts öffnet. Das jedenfalls hatte er seiner Mutter gesagt, als sie fragte, was er um diese Zeit im Wald wolle. Doch war sein Zeichenblatt völlig leer. „Ikanaria“ flüstert er leise und streckte die Hand aus, um sie zu berühren. Er hielt kurz vor ihrem Gesicht inne, denn er traute sich nicht. Da lächelte sie .
Es war das einzige Wort, das diese Nacht von den beiden gesprochen wurde.

Viele Male trafen sie sich heimlich im Wald und bald wuchs seine Liebe so stark, dass er das Gefühl hatte, es würde ihm das Herz auseinander sprengen. Es war einfach nicht genügend Platz darin. Die Menschen um ihn herum munkelten, dass er von einer Waldnymphe besessen war und schauten ihn besorgt an. Doch er merkte es nicht, denn er war glücklich und verliebt und Liebe macht bekannter Weise blind.
Immer wieder bat er Ikanaria seine Frau zu werden und sie mit in sein Dorf nehmen zu dürfen, doch sie lächelte nur und schüttelte den Kopf. Sie empfand nicht so für die anderen Menschen, wie sie für ihn empfand und sie wollte ihn nicht teilen. Hier in ihrem Wald hatte sie ihn ganz für sich allein, ihn und den unermesslichen Vorrat seiner Gefühle, durch die sie auch in der Lage war zu fühlen, ihn zu lieben.

Es betrübte ihn, dass sie nicht mit ihm gehen wollte. Doch er liebte sie zu sehr, als dass er sich lange darüber Gedanken machte. Denn was wollte er mehr, er konnte jede Nacht zu ihr gehen. Sie war immer für ihn da und sie liebte ihn genauso wie er sie. So glaubte er jedenfalls. Er konnte schließlich nicht wissen, dass ein Wesen wie Ikanaria nicht zu eigenen Gefühlen fähig war. Und schließlich hatte sie es ihm doch wieder und wieder gesagt.
So vergingen glückliche Jahre für beide.

Dann kamen die Kriege. Es gab immer Kriege bei den Menschen, aber diese waren schlimmer und wollten nicht enden.
Ikanaria wusste um das Ende des Zeitalters und dass es bald bevor stehen würde. Aber sie war davon nie betroffen und nie gab es jemanden in ihrem Leben, den sie vermissen würde. Konnte sie überhaupt etwas vermissen, würden nicht alle Empfindungen verblassen, wenn das Leben endete? Aber es hat immer Leben auf dieser Welt gegeben. Immer waren die Menschen wieder gekommen, als ein neues Zeitalter begann, also kümmerte es sie nicht. Doch sie wollte nicht auf diese Gefühle verzichten, die sie durch diesen jungen Mann geschenkt bekommen hatte. Und so versuchte sie ihn zu überreden bei ihr zu bleiben, erzählte ihm vom Ende der Zeit und dass die Kriege ein Zeichen dafür waren.

Doch er war nur erschrocken und als Mensch weigerte er sich natürlich an die unerschütterliche Wahrheit und Unvermeidbarkeit zu glauben. Er wollte seine Familie und Freunde vor dem Ende bewahren, dass er, nun da er davon wusste, sicherlich aufhalten konnte.
Und er konnte nicht verstehen, dass seine Liebe ihm dabei nicht helfen wollte. Ja schlimmer, so völlig unberührt von dem Tod von tausenden Menschen sprach. Es brach ihm das Herz und mit Tränen in den Augen ließ er sie in dieser Nacht allein im Wald zurück.

Ikanaria spürte seine tiefe Trauer und machte sie sich zu Eigen, um um ihn trauern zu können. Zu mehr war sie nicht fähig. Sie fühlte die Leere in ihrer Seele, die er hinterlassen hatte. Fühlte, dass dieser Platz mit etwas gefüllt werden müsste, wenn sie ihn zurückgewinnen wollte. Ein Herz….. ja aber dies würde bedeuten ein Mensch zu werden. Würde bedeuten, was ihr an ihrer Existenz so gefiel, aufgeben zu müssen.

Sie betrachtet aus Regentropfen und aus Sonnenstrahlen heraus, wie die Kriege unerbittlicher wurden und wie ihr Geliebter immer verzweifelter versuchte die Menschen wach zu rütteln und dabei mehr und mehr versagte. Niemand wollte ihm glauben. Untergangs – Prophezeiungen hatte es schon von jeher gegeben und schließlich waren sie bisher nicht eingetroffen. Weshalb also jetzt?

Ikanaria musste zusehen, wie der letzte Funken Hoffnung in ihm erstarb und grübelte darüber nach, warum er es trotzdem weiter versuchte. Warum er nicht einfach mit ihr gegangen war. In das Etwas zwischen der Zeit, wo sie immer darauf gewartet hatte, dass ein neues Zeitalter begann. Was hielt ihn hier? Und sie begriff, dass sie das nur herausfinden kann, wenn sie zu einem Menschen werden würde.

Es kam die Nacht vor dem Ende, die letzte Nacht in diesem Zeitalter und die letzte Nacht der großen Kriege. Leise bewegte sich der Körper, den sie damals für ihren Geliebten erschaffen hatte, durch das Mondlicht. Sie trat in das Zelt, das man für die Soldaten kurz hinter der Kampflinie aufgebaut hatte. Er hatte beschlossen zu kämpfen, als ihm niemand zuhören wollte, zu kämpfen und seine Familie zu beschützen, oder dabei zu sterben, wie die anderen. Und dies hier war sein Zelt. Ikanaria wusste, dass er nicht schlief, auch wenn es so aussah. Und tatsächlich öffnete er die Augen, sobald das Mondlicht in sein Zelt strahlte. Er richtete sich auf und lächelte müde „Es ist also soweit… aber ich werde nicht mit dir kommen.“ Sie nickte und streichelte sein Haar.

Es war die einzige Nacht in der die beiden ihre Liebe mit ihren Körpern ausdrückten. Es war eine zärtliche, aber doch leidenschaftliche Liebe, wo beide von einander Abschied nahmen und das Leben mit all ihrer Kraft feierten. Vielleicht war diese Kraft der beiden so stark, dass sie den Untergang hinaus zögerten, denn es schien die Nacht wolle kein Ende nehmen. Und als die Morgendämmerung des letzten Tages anbrach, nahm Ikanaria zwischen die Zeit etwas von ihrem Geliebten mit, etwas, dass sie zu einem Menschen werden lassen würde, wenn die Zeit wieder neu beginnen würde.

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8 Responses to “am Anfang war sie der Wind”

  1. sternthaler75 Says:

    Ich habe diese Kurzgeschichte im Garten gelesen, es war wunderschön, denn es wehte ein leiser Wind

  2. LEXI Says:

    So wunderschön – und auch wehmütig – traurig – aber sehr berührend …. auf alle Fälle 5 Sterne von mir!

  3. Melanie Says:

    Wunderschön …

  4. Thomas Says:

    Toller Titel,
    tolle Geschichte und was für ein wahnsinns Schlusssatz!

    Wann kommt dein erstes Buch mit Kurzgeschichten raus?

    Liebe Grüße,
    Thomas

    • wortsplitter Says:

      ja das frage ich mich auch *lach* aber ich glaube, dazu braucht man einen Verlag? schön, dass sie dir gefällt, ich freu mich über ein Lob von dir immer besonders.

  5. karfie Says:

    …du hast ein Talent ausgefallene Namen zu finden. Da kommt einem nicht dauernd alles bekannt vor. Auch bei den Geschichten hast du großes Schreibtalent.

    l.g.
    Karin

    • wortsplitter Says:

      ich gebe mir mit den Namen auch viel Mühe, meist greife ich dabei auf andere Sprachen zurück. Ikanaria ist ein Wort aus der aventurischen Sprache der Elfen und bedeutet „hübsche Seltsamkeit“
      Danke für das Kompliment.

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