Verlockung

14. Mrz 2010

Mit seinen warmen Augen und dem freundlichen Lächeln war der Spielzeugmacher das Highlight auf der Buchmesse. Ein Fantasy-Verlag hatte ihn für ihren Stand gebucht. Er sollte Kinder und Jugendliche anlocken und ihnen die kommenden Bücher schmackhaft machen. Und er war ein absoluter Treffer. Die widerspenstigen Stoppeln am Kinn und das spitzbübische Funkeln der Augen hinter der unauffälligen Brille strahlten ein so väterliches Vertrauen aus, dass es die Kinder scharenweise an seine Werkbank lockte. Alle 3 Stunden legte der Spielzeugmacher sein Werkzeug beiseite und begann mit ruhiger, leise brummender Stimme eine Geschichte vorzulesen. Es waren Zusammenfassungen der kommenden Neuauflagen der Jungendreihe des Verlages, aber der Spielzeugmacher zog sie alle in seinen Bann. Das Zwinkern in den Augen, ein verstohlenes Nicken, er wusste genau, wie man die Worte auf dem Papier zum Leben erwecken kann. Er erzählte den Kindern und Jugendlichen von den Elfen, Feen und Vampiren, als würde er von alten Bekannten reden. In den Pausen zwischen den Geschichten schnitzte er wunderschöne Figuren aus Holz, passend zu den Erzählungen und verschenkt diese dann an die fröhlichen Kinder. Diese kleinen Spielzeuge bargen alle das Versprechen auf ein Geheimnis, ein ganz besonderes Geheimnis, wie der Spielzeugmacher den Kindern verschwörerisch zuflüsterte. Für ein ganz besonders großes Holzstück nahm sich der Spielzeugmacher ungeheuer viel Zeit. Immer wieder schnitzte und feilte er an der Figur.
Bald sah es aus, wie ein großer Schmetterling, doch wenn er danach gefragt wurde, schüttelte er nur schmunzelnd den Kopf und legte einen Finger auf die lächelnden Lippen.

Am letzten Abend der Messe hatte sich der Verlag eine außergewöhnliche Veranstaltung ausgedacht. Für die Messe hatte man im Park ein kleines Häuschen gebaut. Es war urig und schrullig und gruselig mit den blinden Fenstern und den verwinkelten Wänden. Es hatte unzählige Erker und Türmchen und wilde Rosen wuchsen im sonst ungepflegten Vorgarten, mit einem Wort… es war magisch. Es war… wie aus einem Märchenbuch, Hexenhaus und Schloss ein einem und der perfekte Ort für eine Mitternachtslesung mit dem Spielzeugmacher.
Es gab süßen, duftenden Tee und im Kamin flackerte das Feuer. Das wenige Licht schuf mehr Schatten als Helligkeit und die vielen Kinder rückten nahe aneinander mit einer erwartungsvollen Gänsehaut auf den angespannten Körpern.
Draußen rauschte der Wind und klapperte mit den Fensterläden. Erwartungsvoll tuschelten die Kinder miteinander und fragten sich, was wohl passieren würde. Mit samtweicher dunkler Stimme grüßte der Spielzeugmacher, der unbemerkt den Raum betreten hatte und beobachtete dann, wie viele seiner kleinen Besucher vor Schreck zusammen zucken. Ein Grinsen huschte über seine Lippen. Er hatte ein riesiges Märchenbuch in der Hand. Auf dem Weg zu dem Ohrensessel neben dem Kamin strich er einigen Kindern zärtlich über die Köpfe, die dann nervös kicherten. Die Dunkelheit beunruhigte einige von ihnen, doch sie wollten nicht als Feiglinge dastehen und schließlich, was sollte denn passieren?
Viele der anwesenden Kinder hatten den Spielzeugmacher schon auf der Messe besucht, sie hatten alle die ihnen geschenkten Figuren dabei. Nun endlich war auch die Figur fertig, für die sich der Spielzeugmacher so viel Zeit gelassen hatte. Mit einer liebevollen Geste holte er sie hervor und stellte sie als Flügelchen vor. Es war eine Elfe, feingliedrig und von überirdischer Schönheit. Die Flügel waren von einer außergewöhnlichen Kunstfertigkeit. Die Kinder hielten vor Staunen den Atem an. Das Kaminfeuer ließ unruhige Schatten über das Gesicht der Elfe huschen, ließen sie fast lebendig aussehen. Hatte sie eben… hatte sie geblinzelt? Atemlos starrten die Kinder auf die Figur und hielten sich dabei an den Händen. Nein, sie hatte ihnen bestimmt nicht zugeblinzelt, bestimmt nicht. Immer wieder flüsterten sich die Kinder diese Beruhigungen zu. Es war eine aufregende Nacht und sie hatte gerade erst angefangen.
Langsam setzte der Spielzeugmacher die Elfe auf die hohe Lehne des Ohrensessel. Von dort würde sie alle beobachten können. Das große Buch auf den Knien begann der Spielzeugmacher nun zu erzählen. Mit weicher und tragender Stimme beschrieb er die düsteren Sümpfe Irlands, das Zuhause von dem kleinen Irrlicht mit dem Namen Flügelchen. Ein Raunen ging durch die Gruppe der Zuhörer, als sie erkannten, dass er von der Elfe sprach, die da oben auf dem Sessel saß. Ein einziger strenger Blick des Spielzeugmacher reichte jedoch aus, um sie alle wieder zur Ruhe zu bringen. Dann erzählte er von den Kindern. Immer wieder verirrten sich Kinder in den Sümpfen. Irgendetwas lockte sie nachts aus den Häusern ihrer Eltern, verführte sie und ließ sie barfuss und in ihren Nachthemden herum irren. Manche Familien zogen hastig um, weil sie Angst hatten um ihre Söhne und Töchter. Immer wieder verschwanden Kinder, bis keines mehr in der Nähe des Sumpfes lebte. Hinter vorgehaltener Hand sprach man von einem Licht, das des Nacht an die Fenster klopft. Niemand hatte es gesehen und war lebendig genug, um davon zu berichten.
Der Spielzeugmacher schwieg und das Lodern des Feuers spiegelte sich unheimlich in seiner Brille. Wie gebannt starrten die Kinder zu ihm hinüber, auch dann noch, als er zu sprechen aufgehört hatte. Keines der Kinder bewegte sich mehr. Die Macht seiner Worte hatte sie erstarren lassen. Als er etwas raschelnd hörte, drehte er den Kopf. Er blickte hinauf zu der Elfe. Ihre Flügel schlugen, erst langsam dann immer rascher. Sie flog über die Köpfe der Kinder und ihr winziger filigraner Körper begann zu leuchten. Eines nach dem anderen verfielen die Kinder in tiefem Schlaf.

>>Sie gehören mir…<< flüsterte Flügelchen gierig.

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Fingerübung
Muse Bücherelfe:
1.magisch 2.Tee 3.Buchmesse 4.Irrlicht 5.spielzeugmacher
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6 Responses to “Verlockung”

  1. LEXI Says:

    WUNDERSCHÖN 🙂

  2. Thomas Says:

    Ich bitte um Nachsicht, aber es mag hier (und anderswo) bereits aufgefallen sein, dass ich für eine erleuchtende Erkenntnis mitunter etwas länger brauche …
    Großartige Geschichte und sehr gut geschrieben. Das liest sich wie eine Romanvorlage – könnte auch eine Einleitung für einen solchen sein!
    Ich ziehe dann meinen Hut und mache mich ganz schnell vom Acker …

    Liebe Grüße von Thomas

  3. Thomas Says:

    Von wem ist denn die tolle Geschichte?

  4. karfie Says:

    super.
    Hab die Geschichte schon (streich das schon) durch. Hab ein paar klitzekleine Kleinigkeiten – aber die kommen morgen per Mail…

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