Erwachen

19. Feb 2010

Ich greife nach den Wasserpflanzen.Versuche verzweifelt zu verhindern, dass es mich aus der Tiefe hinauf treibt. Panisch wickle ich mir die Schlingpflanzen um die Hand, doch die glatte Oberfläche lässt sich nicht festhalten. Die scharfen Kanten schneiden tiefe Wunden in meine weichen Handflächen und den sensiblen Handrücken.

Das kraftlose Mondlicht schafft es nicht, sich durch die Wassermassen bis zum Boden des Sees hindurch zu kämpfen, darum ist es zu dunkel um zu sehen, wie sich das Blut mit dem Seewasser mischt. Aber ich kann die Süße und das Eisen auf meinen Lippen schmecken.

Da ich jeglichen Halt verloren habe, treibe ich langsam der Wasseroberfläche entgegen. Ich presse alles Luft aus mir heraus, um langsamer zu steigen, um das Erwachen so lange wie möglich hinaus zu zögern. Und der fehlende Sauerstoff hinterlässt stechende Schmerzen in meiner Lunge. Ich kann mich kaum darauf konzentrieren meinen Körper so schwer wie möglich zu machen, doch ich versuche das Unvermeidliche allein mit meinem Willen zu verhindern.

Ich kann sehen, wie das Mondlicht auf der Oberfläche zerplatzt und als mein Gesicht in die Lichtsplitter taucht, spüre ich, wie sich die Wirklichkeit mit meinem Traum mischt. Nun kann ich nicht mehr zurück.

Ich schreie meine Resignation hinaus und meine Lungen füllen sich gierig mit Luft.

– Ich bin wach.

Nun kann ich mich nicht mehr zurück wünschen in das feuchte Grab meines Traumes, zurück in die beschützende Dunkelheit des Schlafes.

Noch immer weigere ich mich, meine Augen zu öffnen, halte sie ganz fest zusammengepresst, als wenn ich dadurch verhindern könnte, dass ich begreife. Doch meine Sinne lassen mich nicht im Stich, ich rieche, schmecke, höre und fühle die Ausweglosigkeit, die damit einher geht. Schmerzhaft lösen sich meine Finger von der klammen Matratze, deren Oberfläche sich zusammen mit meinem Tastsinn gegen mich verschworen hat. Dies war nicht mein Bett, dies war nicht meine Luft.

Vielleicht hatte ich vergessen zu lüften – obwohl ich eigentlich nie die Fenster schloss zu dieser Jahreszeit. Die Rollladen sind herunter gezogen – die ich nicht besaß. Es ist Nacht – die Strasse vor meinen Fenster war niemals ruhig gewesen in den letzten 8 Jahren, nicht so ruhig, nicht totenstill. Länger kann ich die Wahrheit nicht verdrängen. Mit einem Ruck öffne ich meine Augen, doch es bleibt dunkel. Nicht nachtschwarz, sondern das völlige Fehlen jeglichen Lichts, eine fensterlose Finsternis. An der Stelle, an der mich das Mondlicht getroffen hatte, fühlen meine fassungslosen Fingerspitzen; warm, feucht, klebrig, schwarz. Ich rieche, den muffigen schwarzen Geruch von vergessenen Jahren und ich höre den Klang gedämpfter Schwärze. Das Schwarz dehnt sich aus und durchströmt meine Poren um in mein Innerstes einzudringen. Es nimmt mein Herz gefangen in düsterer Panik. Wo bin ich?

Doch die einzige Antwort, die ich bekomme ist SCHWARZ.

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