der Zahn

14. Feb 2010

Eins möchte ich zu Beginn klarstellen. Ich hab den Zahn zuerst entdeckt, schließlich ist es nicht leicht so ein Ding aus Kalzium nicht zu bemerken, wenn es sich durch dein Zahnfleisch schiebt.

Ich bin übrigens Hannes, das Patenkind von Simone und der Sohn von Marion.

Als wenn das Zahnen nicht schon anstrengend genug ist, muss man sich auch noch mit dem seltsamen Verhalten der Erwachsenen rumplagen.

Ich liebe meine Patentante Mone sehr, wirklich! Sie geht mit mir spazieren und gibt mir was zu futtern und vor allem kann man so schön mit ihr Knuddeln. Ihre Tochter Alex ist auch sehr lieb. Irgendwie erinnert sie mich an Mama, besonders wenn ich Hunger habe.

Ich bin sehr gern bei Tante Mone, aber letztens war es mir dann doch zu bunt. Wir kuscheln gerade ein wenig, da fällt ihr auf, dass ich einen Zahn bekomme. Nun ich verstehe nicht genau, warum Erwachsenen das so wichtig ist. Sie haben doch selbst ganz viele davon im Mund.

>>Alex, kuck mal, ist das ein Zahn?<< hatte Tante Mone ihre Tochter gefragt und redete mit quietschender Stimme >>Hat der Hannes einen Zahn? Hat er da einen Zahn?<< Manchmal zieh ich ihr dann an den Haaren oder versuche mir ihre Brille zu schnappen, wenn sie mit dieser Stimme redet. Strafe muss sein. Tante Alex kam und versuchte mir in den Mund zu kucken, aber ich habe den Mund einfach nicht aufgemacht. Man hat schließlich seine Würde. Das hat leider nicht viel geholfen. Tante Mone schob mir einfach einen Finger in den Mund und rubbelte über mein Zahnfleisch. Wartet nur, irgendwann habe ich genug Zähne zum beißen.

Tante Alex und Tante Mone waren sehr aufgeregt über die Entdeckung und mussten gleich Mama anrufen, um es ihr zu erzählen. Ich konnte nicht hören, was Mama zu Tante Mone gesagt hat, aber ich kenne meine Mutter recht gut und weiß, dass sie sich nicht so leicht von Tante Mones Verrücktheiten mitreißen lässt. Außerdem ist sie der Meinung, dass sie es als erstes wissen müsste, wenn ich einen Zahn habe.

Als Mama am Abend kam um mich abzuholen, wollte Tante Mone ihr ihn zeigen. Aber musste es unbedingt mit einer Taschenlampe sein? So gern ich die beiden habe, aber das werde ich ihnen nie vergessen und irgendwann kommt die Zeit, da zahle ich es ihnen heim. Es gibt viele Dinge, die ein Junge anstellen kann, sobald er laufen kann. Tante Mone nahm mich also auf den Schoß und sagt zu Mama:>>Der Hannes hat einen Zahn.<<

>>Ach was, ich würde das wissen. Hannes Schatz, mach mal den Mund auf.<<

Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich das nicht unbedingt gern machen würde, doch Mama hatte schon die Finger in meinen Mund. Und da wundern sie sich, wenn sie mich nicht verstehen.

<<Wart mal, ich hab irgendwo eine Taschenlampe.<< sagte Tante Mone. Da wusste ich, dass jeder Widerstand zwecklos war und ergab mich meinem Schicksal.

Natürlich wusste ich, dass da ein Zahn kam, doch es war schon ein wenig befriedigend, dass die beiden überdrehten Frauen ihn nicht gefunden haben. Ich war stolz, dass ich mein kleines Geheimnis noch ein wenig behalten konnte. Glücklich grinste ich die beiden an und wurde mit einer Runde Knuddeln und dicken Schmatzern belohnt.

Ich hätte wissen müssen, dass sie beiden Frauen nicht aufgeben würden, wie ich am nächsten Tag bemerkte. Tante Mone und Mama waren richtig hartnäckig. Ich wollte mir ja nicht anmerken lassen, dass es weh tut, wenn sie mir mit den Fingern auf dem Zahnfleisch rubbeln. Ich bin ein Mann, wir zeigen keinen Schmerz, aber ich muss gestehen, ich bin quengelig geworden. Sobald der Zahn draussen ist, werde ich Tante Mone in die Lippe beißen, dass hatte ich mir geschworen.

Es war abends und Mama war gekommen, um mich nach Hause zu bringen, da ging es wieder los.

>>Hannes hat einen Zahn, Marion.<<

>>Wo denn? Da ist keiner.<< Mama hatte mich gerade gefüttert. Ich bin besonders vorsichtig, damit ich ihr mit meinem Zahn nicht wehtue. Vielleicht glaubte sie deshalb nicht, dass ich einen habe. Ich hatte mir geschworen, dass es das letzte Mal ist, dass sie mir so einfach mit ihren Fingern im Mund rumprökeln durften. Ich war mit meiner Geduld am Ende.

Mama rubbelte und ich trampelte mit meinen Füßen gegen ihre Brust, um ihr klar zu machen, dass mir das gar nicht gefiel. Ihr glaubt nicht wie erleichtert ich war, als Mama dann endlich aufschrie.

>>Ich kann ihn fühlen. Hannes hat einen Zahn.<<

Sie grinste mich an, von einem Ohr zum anderen und dann strahlte sie Tante Mone an.

Nun, ich hatte ja gesagt, ich hätte den Zahn als erstes entdeckt, aber Tante Mone ist so stolz darauf, dass sie ihn entdeckt hat, deswegen bleibt das unter uns.

Also:Tante Mone hat den Zahn zuerst entdeckt.

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2 Responses to “der Zahn”

  1. Tamar Says:

    Dieser Text ist einfach wunderbar! Noch selten so gelacht über einen ersten Zahn (meistens habe ich da ja auch nichts zu Lachen, sondern nur dafür zu sorgen, dass die Dinger nicht so sehr weh tun).

    • wortsplitter Says:

      auf bitten der Patentante werden Hannes und ich, hin und wieder weitere interessante Dinge aus dem Leben aus seiner Sicht erörtern und hier darstellen. Wir freuen uns schon drauf, ich hoffe du liest dann wieder rein. *lächel*

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