wilde Rose

06. Feb 2010

Als die Erde noch voller Bäume war und die Menschen noch in kleinen Siedlungen lebten, als es noch nach Gras und Blumen duftete, da lebte ein kleines Mädchen am Rande einer wunderschönen Wiese. Verträumt stand sie jeden Morgen auf und tanzte durch den Duft der Natur. Ihr lieben Eltern machten sich Sorgen, weil sie bald an nichts anderem mehr Interesse hatte. Sie vergaß zu essen und im Haushalt zu helfen. Da konnte die Mutter schimpfen, die Kleine tat nichts anderes mehr als tanzen und mit den Blumen sprechen.

Bald schon verbrachte die Kleine mehr Zeit auf der Wiese und lauschten den geheimen Klängen, die nur sie hören konnte. Das Wachsen des Grases, das Spielen des Windes und glockenhelle Lachen der Blüten. Dies waren ihre Freunde und ihre Eltern waren vergessen. Sie verbrachte auch die Nächte auf der Wiese und dies wurde ihren Eltern bald unheimlich. Wütend über das seltsame Verhalten seiner Tochter stürzte der Vater hinaus auf die Wiese, packte sich die Kleine und sperrte sie in den Keller.

Ohne das Sonnenlicht und das grüne Gras und den streichelnden Wind wurde das kleine Mädchen ganz unglücklich. Leise wimmerte sie und begann zu verwelken. Immer wieder klopfte der Vater an die Kellertür und fragte sie drohend, ob sie endlich vernünftig geworden sei. Ob sie sich nun endlich von der Wiese fernhalten wird und ihrer Mutter im Haushalt und bei der Arbeit helfen würde, wie ein gutes Kind es nun mal täte. Doch sie antwortete nicht. Sie hatte sich auf dem Boden zusammen gekauert. Der einzige Sonnenstrahl, der durch ein verbrettertes Fenster kroch, fiel ihr als kleiner Punkt auf die Wange. Als wollte er sie liebkosen, sie streicheln und ihr Mut zusprechen. Langsam wurde sie blass und dann grau. Ihre Haare hatten den Glanz verloren und ihre Tränen waren versiegt.

Hin und wieder konnte man ihre Eltern streiten hören. Ihre Mutter war ganz krank vor Sorge um ihre Tochter, doch der stolze Vater wollte nicht nachgeben. Seine Freunde aus dem Dorf lachten ihn aus wegen seiner Tochter, die sich immer auf der Wiesen herum drehte. Eine Verrückte als Tochter zu haben, war nichts, was einen Vater gefiel. Eines Tages versuchte die Mutter sich heimlich an ihrem Mann vorbei zu schleichen. Sie hatte ihm ein Schlafkraut in das Essen gemischt. Leise öffnete sie die Kellertür. Erschrocken zuckte sie zusammen, als die alte Treppe unter ihren Füßen knirschte. Erstarrt wartete sie auf ein Geräusch von oben, doch es blieb ruhig. Sie rief leise nach ihrer Tochter und bekam nur ein Wimmern zurück. Schnell eilten sie zu ihr hin, beugte sich hinunter und streichelte ihrem Kind das Haar. Verstohlen blickt sie zurück zur Kellertür und im selben Augenblick trat ein Schatten in den Türrahmen. Drohend stand er dort und dass er nichts sagte, machte der Mutter Angst. Schnell griff sie in ihre Kitteltasche und streute eine Handvoll Blumenblätter auf ihre Tochter, dann ging sie schweigend wieder die Treppe hinauf.
Seid dem Tag war die Kellertür mit einem schweren Eisenschloss versperrt und das Elternpaar redete nicht mehr miteinander. Trauer breitete sich über das ganze Haus aus.

Es waren die Blätter der Gänseblümchen. Es waren die Blüten der Zaunwinde. Es waren die Blätter des Klees. Die Kraft der Natur stärkte den geschwächten Körper des Kindes. Sie regte sich und hob das Köpfchen. Ein Lächeln weht über ihr fahles Gesicht. Mit zittrigen Fingern berührt sie die zarten Grüße ihrer Wiese. Als sie sich aufrichtete, fiel ein kleiner unscheinbarer Krümel von ihrer Schulter hinab auf den Lehmboden. Von den Tränen des Kindes benetzt, war der Lehmboden an der Stelle feucht und weich. Unter ihren ungläubigen Augen brach eine kleine weiße Spitze hervor und grub sich tief in den Boden. Weitere Wurzeln suchten nach Halt und dann wuchs ein winziges grünes Blatt aus dem Samen. Vor Erleichterung schluchzte das Kind auf, sie war nun nicht mehr allein in dem dunklen Keller.

Das kleine Pflänzchen wuchs unglaublich schnell und mit ihn fand auch das Mädchen zu ihrer Stärke zurück. Bald konnte sie ein paar von den zarten Blättchen ab zupfen, um sich davon zu nähren. Auch wenn sie ohne die wärmenden Strahlen der Sonne nicht ihre Blässe verlor, sah sie bald nicht mehr Welk aus. Leise tuschelnd unterhielt sie sich mit ihrer Freundin. Ihr Vater der immer wieder an der Tür lauschte, hämmerte dann an der Tür. Das ewige Schweigen ließ den Wahnsinn in ihm ausbrechen. Oft hörte man ihn toben. Manchmal rief ihr ihre Mutter ein paar tröstende Worte durch die Tür zu, hinunter in die Dunkelheit. Doch als der Vater dem wütendem Wahn verfallen mit einer Axt die Tür zum Keller einschlug und sich auf seine Tochter stürzen wollte, war diese verschwunden. Völlig verwirrt starrte der Vater auf den dichten dicken Busch, der in seinem Keller gewachsen war. Ein einzelnes zartes Rosenknöspchen öffnete sich gerade und schien ihn zu verhöhnen. Sein wütendes Gebrüll hallte durch den Raum. Er suchte seine Tochter unter der Treppe, unter dem Tisch. Viele Plätze zum verstecken hatte der kleine Keller ja nicht. Er suchte alle mögliche Verstecke ab und dann suchte er in den unmöglichen Plätzen, doch sie war nirgends zu finden. Seine Wut steigerte sich ins Maßlose. Er zerhackte den kleinen Schrank und die Treppe. Seine Wut richtete sich bald schon gegen den einzigen Beweis, dass seine Tochter jemals hier gewesen war. Wieder und wieder sauste die Axt, besudelt vom Blut der Mutter, auf den kräftigen Busch nieder. Die Augen des Vaters sahen nur noch das Grün, das hier so fehl am Platz wirkte. Das Rascheln der Blätter war wie bösartiges Gelächter für ihn. Ein Wispern ging durch den Keller, als die scharfe Kante durch die Rosenblüte fetzte. Der Schwung ließ den Vater sich viel weiter drehen, als gewollt. In seiner Wut trifft die Axt auf den tragenden Balken und zerschmettert ihn. Ungläubig starrt der Wahnsinnige auf das knarrende Holz. Mit einem lauten Krachen gab das Haus über ihm nach und begrub den wütenden Mann.

Während des Herbstes und über den Winter wuchs über das eingefallene Haus eine dichte Dornenhecke. Die Leute im Dorf fürchteten sich vor dem Ort. Dort spukt es, sagte man sich. Es war den Menschen unheimlich, dass so eine schreckliche Tat in ihrem Dorf passieren konnte. Die Männer, die den Vater ausgelacht hatte und die Frauen, denen die Mutter in ihrer Verzweiflung gleichgültig waren, machen einen weiten Bogen um das Spukhaus. Immer wieder liefen die Kinder der kleinen Siedlung hin um ihren Mut zu testen, doch die Dornen waren giftig und einige starben bei dem Versuch einen Blick in das gruselige Haus zu werfen. Bald schon traute sich niemand mehr auch nur in die Nähe.
Ein kleiner, blonder Junge jedoch, schüchtern und ängstlich, hatte bisher nur von weitem das Haus betrachtet und die Wiese. Wie er es schon getan hatte, als das Mädchen dort noch tanzte. Er hatte sie von weitem bewundert, wie sie so leichtfüßig herumwirbelte und ihr Lachen, das ihm immer Mut geschenkt hatte. Doch jetzt war sie weg und er hatte ihr nicht geholfen. Den ganzen Winter brauchte er bis er sich traute sich dem Haus zu nähern. Nun da der Frühling anbrach stand er davon, die Augen mit Tränen gefüllt. Er trauerte um das Mädchen. Er war der einzige im Dorf, der um das Wiesenmädchen trauerte, denn er liebte sie. Mit einer hilflosen Geste wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und streckte seine Hand nach den Dornen aus. Er hatte gehört, dass sie voller Hass und Gift wären. Es seien die Auswüchse des Wahnsinnigen, der auch nach seinem Tod die Seele des Mädchens einsperren wollte.
Doch als seine Fingerspitzen die Dornen berührten und er sich daran stach, passierte nichts. Er starb nicht, er wand sich auch nicht in tödlichen Krämpfen, wie die anderen Kinder es getan hatten. Als er noch erstaunt den kleinen Blutstropfen betrachtete, der aus dem winzigen Stich heraus quoll, passierte etwas erstaunliches. Die Dornenhecke begann zu blühen. Kleine duftende weiße Rosenblüten öffneten sich überall. Und dem Junge war, als könnte er das glockenhelle Lachen des Mädchens hören. Aus jeder Blüte konnte er es hören und er wusste, sie war nun glücklich.
Wann immer nun jemand mit reinem Herzen und Mut die blühende Ruine besuchte, konnte dieser das Lachen des Mädchens hören. Und wer es gehört hatte, war für eine lange Zeit mit dem Geschenk des Glücklichsein gesegnet.

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