das Gras ist zu hoch

30. Jan 2010

„Ich habe das Ding doch extra für dich gekauft“ brüllt er laut und kann mich nicht verstehen. Meine Augen werden feucht. Ich wende mich ab. Ich fürchte mich, wenn er mich anschreit. Nicht vor ihm, er schreit fast nie und ich fürchte es könnte etwas bedeuten, wenn er es tut.
„Ich werde nicht allein den Rasen mähen.“ schreie ich zurück und kann mich nicht verstehen. Ich blicke hinaus über den Balkon hinweg auf das Gras, das viel zu hoch ist. Es müsste gemäht werden, aber ich werde den Rasen nicht allein mähen. Ich gehe nicht allein in den Garten.
Gestern waren wir zusammen unten. Wir haben viel gelacht und ich bin mit dem Aufsitzrasenmäher gefahren.
„Ich kann dich einfach nicht verstehen.“ sagt er leise und es tut ihm leid, dass er geschrien hat. Meine Hand liegt auf dem kleinen Plastikgriff von der Balkontür. Er ist schief und das Plastik drumherum ist zerbrochen. Ich friere, als ich die Sonne auf mir spüre. Das Glas nimmt ihr jegliche Wärme. „Ich weiß….“ Meine Hand liegt auf dem kleinen weißen Griff und kann nur daran denken, wie schief er ist. „Ich werde nicht allein in den Garten gehen.“ sag ich und schaffe es nicht, die Balkontür zu öffnen. Es ist kalt. Auf dem Balkon ist es immer kalt, auch wenn das Thermometer 25° Grad anzeigt. Mir ist immer kalt auf dem Balkon. Auch im Garten ist mir kalt, wenn ich allein im Garten bin. Deshalb gehe ich nicht allein den Garten. Die Kälte bohrt sich mir wie zwei Punkte in den Rücken und breitet sich von dort aus. Ein nervöses Kribbeln in den Fingern, aufgestellte Härchen im Nacken. Ich beiße mir auf den Lippen und drücke den Griff herunter. Die Balkontür öffnet sich ganz leicht und die Hitze des Sommers strömt herein.
Ich fröstle. Die Kälte klingt wie diese Vorhänge aus Perlen, wenn der Wind hindurch weht. Ich habe nicht bemerkt, wie er zu mir herüber gekommen ist. Seine Hand streichelt sanft mein Haar und seine verständnislose Zärtlichkeit treibt mir die Tränen in die Augen. Ich spüre, wie die Perlenkälte durch den Fußboden dringt. „Mir ist kalt“ sagt ich und schlage die Arme um meinen Körper.
„Das Gras ist viel zu hoch“ sagt er.
Ich spüre, wie die Perlenkälte an meinen Waden entlang kriecht. Er lässt mich los und geht hinaus auf dem Balkon. Ich kann sehen, wie er die Augen schließt, um die Wärme der Sonne zu genießen. Meine Zehenspitzen berühren die Umrandung der Balkontür. Ich starre auf meine Füße. Er hält mir eine Hand hin. „Du musst mal wieder an die frische Luft“ sagt er lächelnd und zieht mich in den Sommer.
Die Hitze der Fliesen brennt an meinen kalten Füßen. Die Luft hier draussen ist so dicht wie Wasser. Man kann sie kaum einatmen.
„Bist du krank?“ fragt er, doch er wartet nicht darauf, dass ich ihm antworte. Er geht wieder hinein. Vielleicht hat das Telefon geklingelt. Die Wasserluft verschlingt jedes Geräusch. Er geht und lässt mich allein.
Seine Füße tragen ihn aus dem Sommer heraus und die Perlenkälte treibt Eisspitzen in meine Oberschenkel.
Ich starre zum Gras. Es ist viel zu hoch. Und die Wasserluft dringt in meine Lunge ein. Ich ringe nach Atem. Meine Beine sind erfroren, ich kann sie nicht mehr spüren. Mit den Händen greife ich nach dem Balkongeländer. Ich hätte sonst das Gleichgewicht verloren. Sie laufen blau an.
Ich höre meinen Namen, doch ich kann nicht antworten. Ich bin erstarrt. „Ich kann dich einfach nicht verstehen“ sagt er und schließt die Balkontür hinter sich.

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