Der Weltenbaum IX – die nachtblaue Weltenblüte

02. Dez 2010

Teil 8
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Als das Licht abgedunkelt, denkt sie an die anderen Welten, die sie vielleicht bald besuchen kann. Es muss ein unglaubliches Gefühl sein, wenn der Himmel über dem Kopf unendlich scheint. Sie war bisher nur in den Räumen des Labors. Ihr fällt auf, dass sie nicht einmal weiß, wie es hinter der Schleuse aussieht. Sie weiß nicht, dass das Labor im Inneren eines Kometen liegt, der in einen unbewohnten Bereich des Sonnensystems gebracht wurde. Der Konzern wollte sichergehen, dass die Wissenschaftler ihren Auftrag ungestört durchführen. Der Tagesablauf der Wissenschaftler wird also nicht von einer Sonne bestimmt, sondern von den Nachtzyklen der Gamma. Da das Sicherheitsrisiko während der kurzen Nachtphasen am niedrigsten ist, nutzen auch die Forscher die Zeit zum ausruhen.

Das verhasste Zischen weckt Val aus ihren Dämmerzustand. Mit aufgerissenen Augen starrt sie an die Raumdecke und versucht ganz natürlich zu atmen. Als die Tür sich schließt, hört Vallaria, wie jemand unsicher mit den Füßen scharrt. Sie hört leise Schritte. Jemand räuspert sich und berührt vorsichtig ihren Arm. Unruhig wälzt sich Val im Bett herum, obwohl sie hart an ihren Reflexen gearbeitet hat und sich niemals so überrumpeln lassen würde. Als sich der Techniker über sie beugt, kann sie seinen erregten Atem spüren. Also hat ihr Plan besser funktioniert, als es den Anschein hatte.

Mit einer schnellen Handbewegung streicht sie den Protektor aus seiner Nase und unterbindet jeden Protest mit einem Kuss. Die manipulative Droge freizusetzen, fällt ihr jetzt leichter. Es dauert nicht lange, bis sie ihn unter Kontrolle hat, da er die Pheromone sowohl nasal als auch durch die Mundschleimhaut aufnimmt. Während sie sich in den Kontrollraum führen lässt, fragt sie ihn aus. Schnell begreift sie, dass ihr nicht viel Zeit bleibt.

Ein paar schnellen Handbewegungen von Val öffnen unzählige Fenster mit Informationen und Referenzlinks. Eine große schematische Zeichnung eines Baumes erregt ihre Aufmerksamkeit. Zu jeder Blüte gibt es Infos über Einwohner, demografische Statistiken, politische Entwicklungen und eine wirtschaftliche Einschätzung. Es sind alles verschiedene Welten. Der Anblick verschlägt ihr für einen Moment den Atem. Alle Welten sind mit einer Art verzweigtem energetischem Wurzelwerk verbunden. Diese Portale sind jeweils Instanzen des Weltenbaumes und ermöglichen Reisen zwischen den verschiedenen Welten. Die Homo Sapiens Convallaria majalis portalis, also sie, ist das Portal der Welt des Konzerns. Vallaria begreift, dass sie deshalb von anderen Welten träumt.
Unter der Kategorie „GAMMA“ findet sie eine lange Liste von Projektdateien. Ihr Blick bleibt beim Experimentprotokoll hängen. Sprachlos liest sie über sich und ihren Entwicklungsverlauf. Genetische Experimente? Auf ihrer Stirn bildet sich eine tiefe Falte und wütend schlägt ihre Faust auf den Schreibtisch. Ein Experiment? Sie ist Eigentum eines ominösen Konzerns? Wie kann ein lebendes Wesen Eigentum von jemandem sein?
Der Techniker fällt bewusstlos zu Boden, als sich die Konzentration der Droge um ein Vielfaches verstärkt. Außer sich vor Empörung bemerkt Val nicht, wie ihre Körperchemie außer Kontrolle gerät. Eine weitere Datei offenbart die Zielsetzung, die der Konzern im Gegenzug zur Finanzierung festlegte. Sie öffnet weitere Dokumente und versucht möglichst viele Informationen zu bekommen. Das war der wichtigste Punkt ihres Unterrichtes, egal ob Kampf oder Spionage. Mach deine Recherchen gründlich, lerne deinen Feind kennen, so findest du die Schwächen, die er verbergen will. Der Konzern hat sie gut trainiert. Dafür sollte sie dankbar sein, vielleicht später.

Hochkonzentriert saugt die Fakten auf, erst das leise Stöhnen des Mannes zu ihren Füßen bringt sie zurück zur Tatsache, dass jeden Moment die Sicherheit hier auftaucht. Sie hat ohnehin genug erfahren.

Leise schleicht sie in ihre Räume zurück. Erst als sie auf ihrem Bett liegt, kommen die Tränen. Sie fühlt sich missbraucht und unsicher, wie viel von ihren Entscheidungen sie selbst bestimmt und was durch die Genzusammenstellung vorgeschrieben wird.

Wenn die Gene stärker werden und sie zu dem wird, was der Konzern von ihr erwartet, ein Portal, eine Waffe, wird dann etwas von der Vallaria übrigbleiben, die sie jetzt ist?

Erschöpft von der körperlichen und emotionalen Anstrengung flüchtet sie in ihre Träume.

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