Im Moor, ein Leuchten …

02. Nov 2010

Über dem Moor, dort wo die Wiesen langsam zum Sumpf werden, schwebt ein kleines, eisblaues Flämmchen. Ein zartes Wispern weht durch die Rispen des Grases, das über den Sumpf gewachsen ist und ihn harmlos aussehen lässt.
Hinter dichtem Gebüsch halten sich die drei Kinder erwartungsvoll an den Händen. Kein Ton kommt
ihnen über die Lippen, die zu einem erstauntem Ohh geformt sind. Das Mädchen mit dem hellblonden Wuschelkopf, klammert sich ängstlich an ihren
Bruder, als die Flamme beginnt zu wachsen. Mit zusammengekniffenen Zähnen erträgt dieser den schmerzhaften Griff seiner Schwester, ohne sich zu wehren. Thomas ist kaum älter als seine Schwester Lina. Sein Haar ist ebenso flachshell, aber kurz geschnitten und vor lauter Aufregung stehen sie wild und stachelig von seinem Kopf ab.

Langsam formt sich aus dem flackernden blauen Schimmer ein Körper. Ein Mädchen, fast noch ein kleines Kind, in bodenlangen, losen Gewändern, die sich im Wind der lauen Frühlingsnacht sacht bewegen. Die schmächtigen Hüften der leuchtenden Silhouette werden von lockigen Haaren umspielt.
Von ihr geht ein fahles, bläuliches Licht aus, welches dem Moor sein frisches Grün raubt, das der Frühling brachte und das Gras zu ihren Füßen, wie  etallene Dornen aussehen lässt.

*

Im dichten Unterholz raschelt aufgeschrecktes Wild und blitzschnell wandert der Blick des Waldkindes hinüber. Hungrig leckt sie die Lippen und kauert sich lauernd in den Schatten der Büsche, das blaue Leuchten tief in den düsteren Augen verborgen. Wie eine Spinne duckt sich das kindliche Wesen auf den Boden und ihre bleichen Kinderbeinchen schieben sich unter dem Kleid hervor und am Körper vorbei. Auf Händen und Füßen, seltsam verbogen, bewegt sie sich vorwärts bis sie im Gestrüpp verschwindet.

Die Nachtluft ist feucht und obwohl es nicht kalt ist, frieren die Kinder vor Müdigkeit und Furcht. Lina quengelt und zerrt an Saras Schultern. „Lass uns gehen. Ich will heim.“
Doch wie erstarrt hockt ihre Freundin im Versteck und lässt auch durch Schütteln den Blick nicht von der schauerlichen Spukgestalt.
„Sara, komm!“ will Lina flüstern, doch die Worte klingen schrecklich schrill durch die Nachtluft, als sie das Irrlicht zurück kommen sieht, den Mund zu einem triumphierenden Grienen verzogen. Hinter sich her schleift sie ein neugeborenes Reh.

Als sich der Blick des Irrlichts auf das Versteck der Kinder richtet, zuckt Sara, die Jüngste von ihnen erschrocken zusammen. Es ist, als sind die Augen direkt auf ihr Herz gerichtet, als würde sie von dem tieftraurigen, gebrochen Blick bis ins Mark durchbohrt und sie vergisst die Warnungen, die Großvater ihnen immer wieder gegeben hatte.

*

In kalten Winternächten, wenn die messerscharfe Kälte den Menschen die Tränen in die Augen treibt, die dann an den Wimpern zu kleinen Perlen gefrieren, saßen sie vor der gemütlichen Feuerstelle und lauschten erstaunt und mit einem wolligen Schauer im Nacken den Worten von Großvater. Doch mit heißem Tee in der Hand und weichen Decken um den Schultern, schien ihnen ein flimmernder Spuk nicht wirklich gefährlich. Es klang eher nach einem aufregendem Abenteuer eines zu fangen.

Als Lina nun mutig vor ihrem Bruder prahlte, dass sie heute Nacht im Moor nach einem Irrlicht suchen würde, konnte er sie kaum alleine gehen lassen, schließlich musste er doch auf seine Schwester aufpassen. Und Sara konnten sie nicht zurück lassen, sie hätte ihnen nie verziehen.

Auf dem ersten Blick könnte man Sara für einen Jungen halten, aufgrund des kurzen, strubbeligen schwarzen Haares. Doch in ihrem Gesicht kann man schon die Schönheit erahnen, die die Burschen des Dorfes einmal um ihren Schlaf bringen wird. Die hellbraunen Augen, mit ungewöhnlichen grauen Schattierungen um die Iris, und die rosigen Lippen, die sie schon jetzt hin und wieder spielerisch zu einem eigensinnigen Schmollmund verzieht, werden bald schon nicht wenige Herzen brechen.
Doch in dem schaurigen Licht, blau wie das Innerer einer Kerzenflamme, wirkt Sara jäh erwachsen geworden. Ihr Mund hat einen harten Zug angenommen und unter den großen Augen liegen dunkle Schatten.

Leise dringt ein Flüstern durch die Dunkelheit und vor Schreck springt Lina gegen ihre Freundin. Mit einen agressiven Zischen fährt diese herum, aufgebracht über die Störung. Das Mädchen mit den blonden Locken weicht vor dem hasserfüllten Blick zurück und schüttelt ungläubig den Kopf, denn sie hatte ihre beste Freundin noch nie so erlebt. Hätte sie doch nur auf Großvater gehört.

„Meine Güte, Sara, was ist mir dir los?“ Thomas stellt sich schützend vor seine Schwester, doch dann ist alles mit einmal vorbei. Kraftlos und verstört bricht die kleine Sara vor den Füßen ihrer Freunde zusammen.

*

„Heyda? Ist dort jemand?“ Durch das dichte, hochwachsende Gestrüpp am Rande des Moores dringt die Stimme eines Mannes. Müde und erschöpft klingt der Fremde, denn er war die ganz Nacht gelaufen und hatte sich immer tiefer in dieser Wildnis verirrt. Mehrfach wäre er fast in einem dieser tückischen Wasserlöchern versackt, die sich unter dem Gras verstecken, doch seine schnellen Reflexe und eine ordentliche Portion Glück haben ihn davor bewahrt ein weiteres, unbekanntes Opfer des Sumpfes zu werden.
Als er jetzt das Licht in der Ferne sieht, atmet er erleichtert auf. Vielleicht ist es ein Haus, in dem er Unterschlupf finden würde, oder ein Wanderer, der ihm helfen könnte. Doch als das Leuchten verschwindet, verlässt ihn der Mut. „Bitte, ich brauche Hilfe.“ ruft er kraftlos.

Die Kinder blicken verwundert auf. Sie haben die Jüngste von ihnen in die Arme genommen, um sie zu trösten, denn sie weint ganz fürchterlich. Das Irrlicht ist verschwunden, jedenfalls ist es nicht mehr zu sehen. Dafür hören sie Schritte näherkommen und wieder diese Stimme. Ohne den Schein der Moorhexe und nachdem der Mond sich hinter einer Wolke versteckt, ist die Finsternis, die sie umgibt, undurchdringlich. Die Kinder können gerade noch einander sehen. Lina will dem Fremden etwas zurufen, doch Thomas legt ihr schnell die Hand auf den Mund. Aufgebracht schüttelt er den Kopf. „Das ist vielleicht ein Trick.“ flüstert er hektisch.

Dann sehen sie es wieder, das kalte Licht des Spuks. Es ist in der Nähe des jungen Mannes aufgetaucht und hüllt ihn in seinen bläulichen Schimmer. Voller Sorge beobachtet Lina, wie das geisterhafte Kind ihre schmale Hand nach dem Fremden ausstreckt, der von ihrem Anblick wie gebannt ist. Wie Sara noch vor wenigen Augenblicken, kann er seinen Blick nicht von den melancholischen und unendlich tiefen Augen abwenden. Nur er ist in der Lage diesem kleinen Wesen zu helfen, ihr Trost zu spenden und er würde sie nie wieder im Stich lassen. Diese wundervollen Augen und das ovale Gesicht mit dem vorwitzigen Kinn kennt er nur zu gut. Sein geliebter kleiner Schatz war ihm den weiten Weg bis hierher gefolgt und er muss nur noch die Hand austrecken und sie ihn seine Arme nehmen, seine grazile Pinzessin, seine süße tote Tochter. Sein tödlicher kleiner Engel.

*

„Wir müssen hier weg, schnell!“ raunt Thomas den Mädchen ins Ohr und wendet sich in Richtung Dorf. Doch Lina kann nicht gehen, sie kann den Fremden nicht seinem Schicksal überlassen. „Nein, wir müssen dem Mann dort helfen. Du weißt nicht, was ES mit ihm tun wird.“
Panik flackert in den Augen des Jungen. Er beißt sich schweigend auf die Unterlippe. Lina ist immer so viel mutiger als er selbst, doch diesmal wird er beweisen, dass er kein Hasenfuß ist. „Bring Sara zurück ins Dorf.“ befiehlt er und stürmt davon.

Das schwarzhaarige Mädchen kauert auf dem Gras, immernoch ganz benommen, und wenn sie nicht wäre, würde Lina ihrem Dummkopf von Bruder nach rennen. So bleibt sie bei ihrer Freundin, doch sie behält Thomas im Blick. Niemals würde sie ihn allein im Wald mit dieser Hexe lassen. Schließlich war es war doch ihre Idee. Wenn sie nicht so dumm gewesen wäre, würde keiner von ihnen jetzt hier sein. Verzweifelt sieht sie ihrem Bruder nach. Was will er gegen ein Wesen des Moores ausrichten?
Sie kann sich kaum regen vor Angst, die Augen weit aufgerissen, knabbert sie am Fingernagel ihres Daumens während sie hilflos zusieht, wie ihr Bruder immer näher an das Irrlicht heranschleicht.

*

Es sind ihre Augen, die die Sehnsucht seiner eigenen Seele wiederspiegeln und ihn einfach nicht wieder loslassen. Ihre dunkle Stimme ist verlockend und fordernd und beklemmend und unglaublich verheißungsvoll. All seine Sinne sind besessen von ihr. Sie riecht nach Moos, klingt nach Nieselregen und Blätterrascheln. Ihrer Augen erinnert ihn an glühende Kohlen, in denen kleine Windstöße immer wieder schwelendes Feuer entfachen. Doch sie leuchten nicht in einem warmen Orange, sondern in einem Blau, dessen Kälte seine Zähne zum Klapppern bringen. Seine Tochter hatte hellgrüne Augen, wie altes Kupfer mit bemerkenswerten rostfarbenen Sprengseln. Daran erinnert er sich noch, bevor eine sachte Berührung des Moorkindes sein Herz mit Eis überzieht und es zum Stehen bringt.

„Du musst dich beeilen, Thomas!“ flüstert Lina, die aus ihrem Versteck heraus mit ansehen muss, wie das Irrlicht immer näher an den Fremden rückt. Instinktiv weiß auch sie, dass dieser für immer verloren ist, wenn das bösartige Licht ihn zu packen bekommt. In ihren Armen wiegt sie die vollens apatische Sara, um ihr und auch sich Trost zu spenden. Unbewusst hält sie die Luft an, ihr Körper ist gespannt, wie das Band an einer Zwille, bereit jeden Augenblick loszusprinten. Über die ersten morgentlichen Nebel hinweg kann sie ein Stöhnen hören, als das kalte Feuer des Moorwesens nach der Hand des Fremden greift. „Oh nein…“ Doch in diese Moment springt ihr Bruder hervor und greift nach dem Arm des Mannes.

„Jetzt, lauft!“ hört Lina ihren Bruder rufen, doch sie kann sich einfach nicht rühren. Thomas hat den Mann gepackt und zerrt ihn hinter sich her. Jeden Moment wird sich dieser losreißen, davon ist Lina überzeugt, und dagegen kämpfen, von dem Irrlicht fortgezogen zu werden. Schließlich hatte Sara auch aggressiv reagiert. Und ihr Bruder wird sich gegen den erwachsenen Mann nicht wehren können. Was hat er sich nur dabei gedacht. Und was, wenn das Moorfeuer sich dann auf ihn stürzt? „Oh, Thomas…“ raunt Lina in den Nachtwind, jedoch entfernt sich ihr Bruder immer weiter vom Irrlicht, ohne dass etwas geschieht. Der Fremde hat einfach nur den Blick weiter auf den Flammenkörper gerichtet, während er scheinbar willenlos dem blonden Jungen folgt.
Lina zögert noch immer, verwundert über den fehlenden Widerstand, denn selbst das Irrlicht bewegt sich nicht von der Stelle. Von weit weg hört sie ihren Bruder nach ihr rufen. Da erst fällt ihr auf, dass sie noch immer in ihrem Versteck steht und beginnt zu laufen, die kleine Sara an der Hand, die erschöpft hinter ihr her stolpert.

Am Rande das Moores schnappen die Kinder nach Luft, die Knie vor Angst schlotternd. Mit zittrigen Bewegungen greifen sie einander an der Hand und nur langsam begreifen sie, wie knapp sie der Gefahr entkommen sind. Aber nun sind sie in Sicherheit, denn vor der sich langsam abzeichnenden Dämmerung können sie Großvaters Haus sehen. Es ist zum Greifen nah.

hölzerne ElfeSchweigsam betrachtet der fremde Wanderer das Moor vor sich, seine Hand im Inneren der Tasche umschließt eine hölzerne kleine Elfe, die er seiner Tochter vor Jahren geschnitzt hatte, bevor sie starb.

Lina, Thomas und Sara sehen nicht das kalte blaue Glimmen des Irrlichts in den Augen dieses Mannes und auch nicht die Hand, die er nach ihnen ausstreckt.

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Fingerübung
Muse Bücherelfe:
1. rosig 2. tödlich 3. Seele 4. Neugeborenes 5. Dämmerung
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4 Responses to “Im Moor, ein Leuchten …”

  1. Melanie Sagt:

    Schaurig *br* :-)

  2. karfie Sagt:

    Liebe Simone, welche Verlage haben denn schon mal angeklopft bei dir? Dummer wer das nicht tut, hier wächst ein Talent ran, was sicher bald Bestseller verkauft!!


  3. Überraschend, virtuos, gruselig. Die Muse ist begeistert. Ein Plätzchen in der Hall of Fame von “Sätze, für die wir Bücher lieben” ist dir sicher. :-)

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