Angst in dir

01. Mai 2010

 

Spiegelbild

Spiegelbild

Die Dunkelheit ist undurchdringbar. Sie hatte geträumt, sie würde ertrinken in einem Nacht schwarzen See, während sie zusah, wie der Mond auf der Wasseroberfläche zerbrach.

Evelyn knetet an ihren Fingern und starrt unruhig aus den Fenstern. Die Südseite ihrer Wohnung hat eine lange Fensterfront, an der sie nun aufgescheucht hin und her läuft, ohne den Blick von der Straße zu wenden, die vor dem Haus vorbeiführt.
Schritte auf der Treppen lassen sie starr werden. Mit zitternden Fingern tastet sie nach dem Lichtschalter. Plötzlich fühlt sie sich beobachtet und versteckt sich in den dunklen Schatten ihrer Wohnung.
Sie hat das Gefühl verfolgt zu werden. Seit Wochen schon passieren immer wieder seltsame Dinge. Erst dachte sie noch, dass sie einfach nur schusselig ist, wenn sie ihre Schlüssel nicht dort gefunden hatte, wo sie ihrer Meinung nach hätten liegen sollen. Dann tauchten die Bücher auf. Im Badezimmer, auf dem Nachttisch oder im Wohnzimmer lagen sie. Thriller liest Evelyn eigentlich nicht. Und sie kann sich nicht erklären, wie die Bücher in ihre Wohnung kommen. Sie wirken, als hätte man sie nach dem Lesen einfach abgelegt, als wenn sie hierher gehören. Manchmal waren sie aufgeschlagen, oft klebten kleine Zettel als Markierungen darin. Und dann begannen die Nachrichten. Aus hämischen Botschaften und bissige Beleidigungen wurden von Woche zu Woche mehr Drohungen und Evelyn fürchtet nun um ihr Leben.

Erst denkt sie, dass sie blind ist, denn die Dunkelheit ist so absolut, dass sie diese  schmecken kann. Auch Stunden, nachdem sich die Augen an die Finsternis gewöhnt haben, bleibt die Schwärze unverändert. Ein modriger Geruch hängt in der Luft. Als sie das Gefühl hat, dass die Düsternis in ihre Poren eindringt, überkommt sie die Panik.

Die Angst bestimmt mehr und mehr Evelyns Leben. Sie verlässt seltener die Wohnung und schlägt die Einladungen ihrer Freunde aus. Auch die Vorlesungen vernachlässigt sie. Viele aus ihrem Freundeskreis verstehen ihr seltsames Verhalten nicht, fühlen sich vernachlässigt und hören bald auf den Kontakt zu ihr zu suchen. Nur wenige fangen an sich Sorgen um sie zu machen.Um heraus zu finden, wer ihr eine solche Angst einjagt und warum, beginnt sie die Thriller zu lesen, die sie ihn ihrer Wohnung findet. Die Geschichten von Abhängigkeiten und Kontrolle ziehen sie in ihren Bann. Die Bücher erzählen oft blutig von Rache und Schuld, immer aus der Sicht von Mördern. Evelyn hat das Gefühl die Gedanken ihres Peinigers zu lesen und obwohl das ihre Beklemmungen noch verstärkt, kann sie nicht aufhören zu lesen. Es ist, als flüstert ihr jemand ihre eigene grausige Zukunft zu.
Das Buch mit den meisten Klebezetteln darin heißt „Die Biologie des Verstandes“. Eine junge Frau wird entführt und wie eine Laborratte in einem Labyrinth beängstigenden Experimenten ausgesetzt. Unter ständiger Beobachtung untersucht ein Wissenschaftler ihre Reaktionen auf Kälte, Dunkelheit, Licht und dem allmählich einsetzenden Wahnsinn. Auch Evelyn fühlt sich überwacht und ihr Leben von jemand anderes kontrolliert. Sie wartet darauf, dass ihr Schatten sich zeigt und ihr endlich sagt, was er von ihr will.

Die Panik rollt wie Wellen über sie hinweg. Es ist kein einziger Schlag, sondern viele kleine Beben, die sie erschüttern und ihr Innerstes in kleine Teile zerbrechen, ihr von der Brust aus heiß ins Gesicht schlagen und dann wie kalter Nachtwind über den Rücken hinweg wehen. Doch nachdem nichts passiert, ebbt die Angst ab, wie das Meer und nach einer Flut von Gefühlen macht sich nun die Ebbe der Leere in ihr breit. Erstaunt stellt sie fest, dass sie erleichtert ist. Sie hatte schon begonnen an ihrem Verstand zu zweifeln, aber das hier war real, kein Traum. In ihren Träumen war sie immer an genau dieser Stelle mit aufgerissenen Augen und keuchendem Atem wach geworden. Aber sie war noch immer hier. Und nun konnte sie anfangen sich zu wehren. Tastend erkunden ihre Hände die Umgebung.

Evelyn verliert ihr Leben, stückchenweise. Kleine Teile ihres Tages scheinen zu verschwinden, jedenfalls kann sie sich nicht daran erinnern. Eines Morgens erwacht sie in ihrem Bett, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen ist. Das Gesicht ist mit Lippenstift und Mascara verschmiert und vor dem Bett liegt ein Kleid auf dem Boden, dass sie sich nicht gekauft hat, niemals gekauft hätte. Auf dem Spiegel im Bad steht in fettigem Rot eine Botschaft für sie.
>>Nun hab ich dich bald.<<

Es ist ein fensterloser Raum, ein Keller vielleicht. Sie war einmal rund herum an der Wand entlang gegangen. Nun steht sie vor der Tür unfähig sich zu bewegen oder etwas zu denken.  Sie fürchtet sich vor dem, was sie hinter der Tür finden wird.  In der Wissenschaft der Angst geht alles ums Überwinden. Das hatte man ihr in den Vorlesungen gesagt, doch bis jetzt hatte sie nicht wirklich begriffen, was das bedeutet. Einen Schritt ins Unbekannte zu wagen.
Sie drückt die Klinke und mit einem leichten Quietschen schwingt die Tür auf.

Evelyn weiß, dass es keinen Sinn hat zu fliehen, als sie das höhnische Grinsen ihres Gegenüber sieht. Gegen die plötzliche Helligkeit blinzelnd, tritt sie aus dem Gewölbe und ihre Peinigerin kommt drohend auf sie zu. Zurück in die Dunkelheit des Kellers kann sie jedoch auf keinen Fall. Als die Andere eine Hand hebt, weicht sie nicht zurück, sondern setzt sich zu Wehr. Mit der Faust schlägt Evelyn zu und sieht noch, wie auch die Andere die Faust hebt mit bösartig verzerrtem Gesicht.
Glas zerbricht, als beide Fäuste aufeinander treffen und Evelyn in ihr eigenes Spiegelbild starrt. Hilflos sinkt ihre Stirn gegen den Spiegel auf dem sich ein zartes Spinnennetz dünner Risse gebildet hat und während sich leise Tränen ihre Bahn suchen, flüstert sie sich zu:
>>Diesen Kampf kannst du nicht gewinnen, wir gehören  zusammen.<<

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Fingerübung
Muse Humanist:
1.Biologie 2.Wissenschaft 3.Traum 4.Leben 5.Bücher

Wollt ihr auch einmal Muse spielen, dann hinterlasst mir hier 5 Worte.

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8 Responses to “Angst in dir”

  1. Thomas Says:

    Ob die Story “urban” genug ist, kann ich nicht beurteilen, da ich mit dieser neuen Schublade rein gar nichts anfangen kann. Die (Höchst-)Geschwindigkeit stimmt aber … und die ganze Story sowieso. Das Psychogramm dieser Frau liest sich wie in einem Atemzug. Im Gegensatz dazu wirkt das überraschende Ende noch lange nach! Phänomenal – und wer das nicht druckt, ist selbst schuld!

  2. Debora Says:

    Wow, das war so wiederlich. Aber wiederlich im Sinne von unheimlich spannend. (;
    Freu mich schon darauf, was du so mit meinen Wörtern machst :D

  3. Sinela Says:

    du schreibst echt wahnsinnig gut. der hammer.

    suchtgefahr. =D

  4. Humanist Says:

    fünf Wörter + Schreibtalent = wahnsinnig gute Geschichte

    Die Geschichte ist spannend – überraschend – und unglaublich fesselnd. Mir gefällt sie richtig gut.

    Mach was aus deinem Talent :)

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