von Erinnerungen gefesselt

17. Apr 2010

Für alle die nicht gern am Bildschirm lesen, habe ich hier eine PDF zum Download

Die Stadt war in Vergessenheit geraten. Durch die leeren Straßen fegt ein warmer Wind, der die Stimmen der Vergangenheit vor sich her treibt. Die Verzweifelten, die bis zu Letzt in den verrottenden Mauern der Häuser ausgehalten hatten, verhungerten oder wurden getötet.

Die Luft ist dunkel, als wäre der Nachthimmel herabgestiegen, um die Stadt vor sich selbst zu verbergen. Hin und wieder hört man das leise Klingen von Ketten, die aneinander schlagen.

Danya kann nicht glauben, was sie sieht. Wo einmal das rege Treiben der Bewohner war, herrscht nun trostlose Stille.

Lange war sie weg gewesen. Die Elfe wusste nicht, wie lange sie in der Einsamkeit des Waldes meditiert hatte. Die Stadt sieht aus, als wären es Jahrhunderte gewesen. Vielleicht war sie wirklich solange weg, stellt Danya erschrocken fest. Nachdem sie einmal dem Tode entronnen war, ist der Fluss der Zeit für sie brüchig und voller Sprünge. Nun sind all ihre Freunde verschwunden. Die Einsamkeit der Stadt durchdringt ihre Haut und ballt sich in ihrem Magen zu einem festen Knoten, der sie schluchzen lässt. Trotz des warmes Windes friert die Elfe und sie reibt über ihre Arme um die Gänsehaut zu vertreiben.

Verloren läuft sie durch die Gärten. Den verwilderten Hecken und überwucherten Beeten wohnt eine ungezähmte Schönheit inne und Danya bleibt stehen um sie zu bewundern. Die Natur hatte sich den Ort zurück erobert, nachdem die Menschen verschwunden waren. Doch die Tiere bleiben diesem Ort fern und so wird die unheimliche Stille nicht einmal von gelegentlichem Zwitschern oder Bellen durchbrochen. Nur das ferne Klirren von Metall hallt durch die Gassen.

Von Neugierde getrieben folgt Danya dem einzigen Geräusch in der Stadt. Als würde es sie locken wollen, ist es nun ständig zu hören und bringt sie immer näher an den Stadtplatz.

Es ist ein grausiger Anblick, der sich ihr bietet. Die Ketten verlaufen quer über den Platz und scheinen aus den Häusern am Rande zu wachsen. Sie sind schmutzig und mit dunklen Rost verkrustet und mit Dornen bestückt, gewundene metallene Rosenranken.

Chanelorn in Ketten

Ein Aufschrei durchdringt die Taubheit des Schocks. Wie fest gewurzelt steht sie am Rande des Platzes und sie erkennt, dass es ihr eigener Schrei war, der sie aufschrecken ließ. Dann rennt sie los.

>>Chanelorn!<<

Am Ende der Ketten, von ihnen umschlungen und gefesselt und mitten auf dem Platz, hängt ein junger Dunkelelf..

>>Meine Güte, lass das nicht wahr sein.<<

Ohne auf die Dornen zu achten, zerrt Danya an den Ketten. Immer wieder versucht sie den Körper zu befreien, doch auch wenn die Ketten ganz und gar verrostet scheinen, lassen sie sich nicht zerreißen. Danya will nicht aufgeben, immer wieder zerrt sie an den Ketten, erst ein leises Stöhnen unterbricht ihre hektischen Versuche.

>>Chan, lebst du? Was ist passiert?<<

Verzweifelt reißt sie weiter an den Ketten. Sie muss doch etwas tun, um ihn da runter zu bekommen. Dabei reißen die Spitzen tiefe Wunden in den jungen Drow. Kaum hörbar flüstert er:>>Danya bitte… nicht…<< und versinkt wieder in Ohnmacht.

Danya sinkt bei Chanelorns Füssen zu Boden. Die Hilflosigkeit zurrt sich wie ein Knebel um ihr Herz.>>Was soll ich tun?<< fragt sie in die Leere der Straßen.

Auf dem Boden unter dem Gefesselten mischt sich das getrocknete Blut der jahrhunderte langen Folter mit frischen Tropfen aus den neuen Wunden, die durch Danyas Zerren an den Ketten entstanden waren und ihren heißen Tränen

>>Er sieht irgendwie zufrieden aus, finde ich.<<

Wie aus dem Nichts legt sich eine kleine Hand auf Danyas Schulter. Ein kleiner Junge mit nackten Patschefüßen, kurzen Hosen und strubbeligen weißen Haaren lächelt Danya an, als sie sich nach der feinen hellen Stimme umdreht.

>>Wer bist du?<< doch in dem grinsendem Gesicht erkennt sie sofort eine jüngere Version ihres Freundes wieder. Danya ist verwirrt. Sie kann sich Chanelorn nicht pausbäckig und fröhlich lächelnd vorstellen. Seine Kindheit war gefährlich, einsam und voll von Gewalt. Er lächelte selten, doch immer mit einer Traurigkeit in den Augen, die davon erzählt, dass er weiß, dass es für ihn kein Glück auf dieser Welt gibt. In dem Alter des Jungen, der jetzt mit glitzernden Augen vor ihr steht, hatte er schon mit angesehen, wie seine Mutter getötet wurde, war von einem Mann, der sich sein Vater nannte misshandelt und eingesperrt worden und er hatte selbst getötet. Es war Notwehr, doch die Unschuld, die das kindliche Abbild vor ihr ausstrahlt, hatte er schon längst verloren.

>>Wer bist du?<< wiederholt sie.

>>Ich bin der einzige Teil von Chanelorn, der loslassen konnte, als die Stadt von den Göttern verlassen wurde, als die große Flucht begann.<<

Danya schüttelt ungläubig den Kopf. Viele Jahre war diese Stadt ihr Zuhause gewesen. Einen Augenblick kann sie die Schreie der Flüchtenden hören, als der Zorn der Götter über die Stadt herein bricht.

>>Warum ist er nicht mit ihnen gegangen?<< Danya sitzt noch immer kraftlos auf dem Boden und richtet nun den Blick auf den Chanelorn, der teilnahmslos über ihnen in den Ketten hängt.

>>Dies ist der einzige Ort an dem er je glücklich war. Hier gab es Menschen, die ihn mochten und brauchten. Gerade als er anfing Vertrauen zu haben, als er einen Funken Hoffnung fand, doch noch ein zu Hause gefunden zu haben, wurde ihm wieder alles geraubt. Er hätte nicht gehen können.<<

>>Deshalb die Ketten?<< die Elfe erinnert sich an einen Traum. Sie hatte als Seelenheilerin in dieser Stadt gearbeitet. Mit magischen Träumen hatten sie die Probleme erkundet und schon einmal hatte sie Chanelorn in Ketten gesehen. Damals war er unerwartet und ungeplant in einen dieser Träume gestürmt. Und die Dunkelheit in seinem Herzen wand sich in den selben Ketten um die Hände und Füße, wie sie es jetzt hier tun. Es war ihre Magie, die ihm diese Ketten gezeigt hatte und als die Stadt durch die Götter verflucht wurde, waren die Straßen auch voller Magie.

>>Er hat sich selbst an die Stadt gekettet. << entsetzt will Danya nach Chanelorn greifen, doch sie hat Angst ihm wieder weh zu tun. >>Warum nimmt er freiwillig so viel Schmerz auf sich? Ich versteh es nicht. Ich habe ihn nie wirklich verstanden. Ich war ihm keine gute Freundin.<<

Der kleine Junge berührt zärtlich die Füße von Chanelorn. >>Er glaubt, dass es richtig ist, dass er leidet. Die Dunkelheit, die ihn umgibt, die er ausstrahlt, hat nicht nur ihn vergiftet. Er ist…. Es ist…<<

>>… kompliziert.<< ergänzt Danya flüsternd. Sie kennt das Gefühl der Scham, wenn die eigenen Schwächen die Menschen, die man liebt, verletzt. >>Er fühlt sich schuldig.>> und ihre eigene Schuld überflutet sie. Sie war nicht da, als er sie gebraucht hätte.

Abrupt sieht sie auf und greift nach der Hand des Jungen. >>Kannst du etwas für ihn tun? Kannst du ihm helfen?>>

Doch er schüttelt nur den Kopf. >>Ich kann nichts für ihn tun. Er muss sich selbst dafür entscheiden die Vergangenheit gehen zu lassen. Er ist sein eigener Richter.<<

Die Elfe versucht die Hände von Chanelorn zu erreichen. >>Chan? Hörst du mich, es ist gut, du hast genug gelitten. Ich bitte dich, hör damit auf.<< Nicht eine Regung bei ihrem Freund. Nichts, was darauf hinweist, dass er sie gehört hat, nur das Klirren der Ketten, als der Wind über den Platz jagt.

>>Er hört dir nicht zu.<<

>>Er wird nie freiwillig loslassen.<< Hoffnungslos sieht sie zu dem Jungen hinunter.

>>Dann musst du…<<

>>Nein! NEIN! Das kann ich nicht, du weißt, dass ich das nicht kann, Chan.<< entsetzt unterbricht sie ihn und schüttelt vehement den Kopf. >>Oh bitte nicht…<< ihre Stimme verliert sich kraftlos.

>>Gibt es keinen anderen Weg?<<

Der junge Chan jedoch schweigt. Unbewegt sieht er sie an, abwartend, wie sie sich entscheiden wird.

Danya flüstert leise einige wenige Worte und hebt sich mit einem Sprung in die Luft. Schwebend verharrt sie vor dem Gesicht Chanelorns. Sie hebt seinen Kopf und streichelt zärtlich seine Wange. >>Mein lieber Freund.<< Ihre Augen suchen seinen Blick, doch was sie darin sieht, verschlägt ihr den Atem. Da ist nur noch Leid und Trauer in seinen Augen. Der helle Verstand und das gerechte, warmherzige Wesen wurde von dem Schmerz seiner Seele verdrängt. Selbst wenn sie tausend Jahre mit ihm reden würde, könnte sie ihn nicht erreichen. Als letzten Versuch spricht sie die magischen Verse, die sie benutzt, wenn sie versucht die Seelen anderer zu heilen, auch wenn sie weiß, dass ihre Lichtmagie dem Dunkelelfen Schmerzen zufügen wird. Sie berührt die Ketten um Chans Handgelenke und schließt die Augen. Es ist ein altes elfisches Lied der Heilung, was sie singt, lautlos, nur ihre Lippen bewegen sich. Selbst als er gequält aufschreit, hört sie nicht auf. Erst als die Ketten beginnen sich enger um seine Handgelenke zu winden und ihm dabei die Haut aufreißen und die Dornen sich tiefer und tiefer hinein drücken, presst sie ihre Lippen geschlagen aufeinander.

Mit zitternden Händen greift sie nach ihrem Dolch. Sie traut sich kaum zu Atmen. Langsam sinkt ihre Stirn an seine. Sein Körper ist fast unerträglich heiß, als würde er von innen heraus verbrennen. Dann berühren ihre Lippen seinen Mund zu einem sanften Kuss. Sie hatte ihn noch nie auf dem Mund geküsst, niemals. Auch wenn sie es sich schon oft vorgestellt hatte und sich immer wieder gewünscht hatte. Danya holt Luft, öffnet ihre Lippen und küsst ihn noch einmal mit etwas mehr Leidenschaft. Der Dolch trifft Chanelorn direkt ins Herz.

Mit einem Ruck lösen sich die Ketten von ihm und er fällt. Danya hat Mühe ihn aufzufangen. Mit Chanelorn in den Armen gleitet sie hinunter auf den Boden. Seine strahlend blauen Augen weit auf gerissen, starrt er sie nun direkt an. Bestürzt klammert sich Danya an ihren Freund. Er würde sterben, durch ihre Hand. Sie spürt, wie das Leben aus ihm heraus fließt und mit seinem letzten Atemzug  verschwindet er vor ihren Augen.

>>Wo ist er hin?<< völlig aufgelöst dreht sie sich zu dem Jungen, der immer noch ruhig hinter ihr steht.

>>Das weiß ich nicht. Ein Teil von ihm ist tot, schon vor langer Zeit gestorben, als diese Stadt starb, doch ein anderer Teil ist weiter gegangen, nun da er endlich frei ist. Ich danke dir.<< er hält ihr eine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. >>Und nun kannst auch du endlich gehen, Danya. Diese Welt hier ist nur noch für die Schatten der Vergangenheit.<<

Wie betäubt hört Danya die Worte des Jungen und nickt. >>Und was ist mit dir?<<

>>Ich bin einer dieser Schatten. Dies hier ist nun meine Welt.<<

Die letzten Worte verklingen im Wind der Veränderung, der Danya hinweg trägt in eine neue Welt, ein neues Leben irgendwo. Vielleicht trifft sie dort auf ihren Freund Chanelorn. Mit dieser Hoffnung schließt sie die Augen und lässt sich treiben.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Fingerübung
Muse Chanelorn:
1.Richter 2.Vergessenheit 3.sterben 4.Flucht 5.Chanelorn
About these ads

6 Responses to “von Erinnerungen gefesselt”

  1. Thomas Sagt:

    Auch die Kunst, Geschichten mit vielen Dialogen aufzuwerten, scheinst du zu beherrschen. Was bei anderen Autoren zutiefst langweilt, beschleunigt und dramatisiert bei dir die Handlung. So kommt zusätzlich Leben in die Geschichte, die auch ohne viel wörtliche Rede schon spannend genug wäre. Weiterer Pluspunkt ist neben der Story an sich, der tiefere Sinn derselben. Von Erinnerungen gefesselt sind wir doch manchmal alle …

    • wortsplitter Sagt:

      hast du Abschied schon gelesen? Ist jetzt keine Fantasy- Geschichte, vielleicht nicht ganz dein Genre, aber dort habe viel mit Dialog gearbeitet. Das schöne an den Fingerübungen ist ja, dass ich Verschiedenes ausprobieren kann und an wichtigen Elementen des Schreibens arbeite.

  2. Melanie Sagt:

    Fingerübung ist gut …
    - die Geschichte ist einfach toll :-)

    Ich hoffe és kommen noch viele mehr,
    ich werde auf der Suche auf jeden Fall noch
    öfter vorbeischauen.

    LG,
    Melanie

  3. karfie Sagt:

    Boah, deine neue Fingerübung lässte einem den Atem stocken. Es gibt nicht was man kritisieren könnte. Der Anfang nimmt einem direkt am Revers und zieht dich in die Geschichte hinein…. Und am Ende, fragt man sich: “warum war es so kurz.”

    Der ersten Absatz bis “nun trostlose Stille.” würde ich kursiv machen.
    Das würde irgendwie passen.

    Wann gibt es deinen ersten Kurzgeschichten-Band?

  4. Chanelorn Sagt:

    Hoffnung.. wird manchmal zu Wahrheit ;)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s